Zwischen Neckar und Alb

Pyrit könnte Kosten nach oben treiben

ICE-Trasse Die Entsorgung des Tongesteins vom Albvorlandtunnel ist schwieriger als gedacht. Mehrkosten von 140 Millionen Euro sind im Gespräch. Von Sylvia Gierlichs

Jede Menge Tongestein lagert auf der Kirchheimer Baustelle. Der Kalk wird gestreut, um die Konsistenz des Aushubs fester werden
Jede Menge Tongestein lagert auf der Kirchheimer Baustelle. Der Kalk wird gestreut, um die Konsistenz des Aushubs fester werden zu lassen. Gleichzeitig könnte Kalk eventuell entstehendes Sulfat binden und neutralisieren.Foto: Jürgen Holzwarth

Pyrit in seiner kristallinen Form ist eigentlich ein ganz hübsches Mineral. Einst dachten die Menschen, es handele sich um Gold. Deswegen wurde es auch Narrengold genannt. Denn leider ist keine Spur Gold im Pyrit. Nun allerdings bereitet es den Erbauern des Albvorlandtunnels Kopfzerbrechen.

Pyrit gibt es weltweit in Hülle und Fülle. Auch in der Erde zwischen Kirchheim und Wendlingen, wo derzeit zwei Tunnelbohrmaschinen den Albvorlandtunnel bauen. Und das weiß man auch schon ganz schön lange. Denn in den Anfangsjahren des Projektes, zwischen 1997 und 2009, wurde der Baugrund untersucht. Und es wurde ein Bodenverwertungs- und Entsorgungskonzept erstellt, um aufzuzeigen, wo der Erdaushub verwertet werden kann. Gab es Deponien, Wohngebiete, Gewerbebetriebe, alte Ablagerungsstellen für Bauschutt oder Gewerbemüll? Alle Informationen flossen ins Konzept mit ein, denn sie könnten Auskunft über veränderte Bodenwerte geben. Die Schweizer Firma Implenia musste nachweisen, dass sie das Material, mit dem auf der Baustelle zu rechnen ist, auch entsorgen kann. Das Unternehmen erstellte ein Abfallentsorgungskonzept.

Nicht nur zwischen Wendlingen und Kirchheim, auch am Boßlertunnel am Aichelberg lagert Pyrit. Dort gab es die ersten Indikatoren dafür, dass sich der Sulfatwert des Erdaushubs mit der Zeit verändern kann. Hier begann man im Herbst 2016, ein erhöhtes Pyrit-Vorkommen zu untersuchen, wie Jens Hallfeldt mitteilt, Projektleiter für den Abschnitt des Albvorlandtunnels: „Wie damit umgegangen werden muss, dafür lagen bis zu diesem Zeitpunkt keine Richtlinien vor.“ Alle Gesetze und Regelwerke gingen bislang davon aus, dass das Material nach dem Aushub analysiert und entsprechend den Ergebnissen verwertet wird.

Die Untersuchungen riefen im April 2017 schließlich das Umweltministerium auf den Plan. Seitdem regelt der sogenannte „Pyrit-Erlass“, wie Material in Entsorgungsstellen eingebracht werden kann, damit keine Probleme entstehen. Die Zauberformel lautet: verdichteter Einbau. Mit dem Material, das die Tunnelbohrmaschinen ans Tageslicht befördern, ist das kein Problem, denn es besteht aus stark zerkleinertem Tonstein. Der wird, beispielsweise in einem Steinbruch, so dicht eingebaut, dass kaum Wasser und Luft zirkulieren können. Oxidation ist so nicht möglich. Die Folge: Es kann sich nur in etwa genauso viel Sulfat aus dem pyrithaltigen Tongestein lösen, wie zu der Zeit, als das Tongestein noch unberührt in den Tiefen des Albvorlands schlummerte. Die Bodenwerte im Steinbruch verschlechtern sich nicht. Und wenn der letzte Lkw die letzte Ladung Erdaushub aus dem Albvorlandtunnel zum Steinbruch gebracht hat, kommt eine 80 Zentimeter dicke Tonschicht als Versiegelung auf die Verfüllung.

Der Ministeriumserlass bereitet Projektabschnittsleiter Jens Hallfeldt daher auch weniger Kopfzerbrechen. Das Entsorgungskonzept für den Albvorlandtunnel musste allerdings wegen der ministerialen Richtlinien umgestellt werden. Dass die erfüllt werden, darauf hat auch das Landratsamt Esslingen ein Auge, wie Pressesprecher Peter Keck auf Nachfrage der Wendlinger Zeitung bestätigte.

10 000 Tonnen Tongestein können die beiden Tunnelbohrmaschinen am Tag ans Tageslicht befördern. 3,6 Millionen Tonnen werden es wohl sein, wenn die beiden Tunnelröhren gebaut sind. Ist die Gesundheit der Bewohner rund um die Tunnelbaustellen oder die Entsorgungsstationen in Gefahr? Von Projektingenieur Hallfeldt kommt hierzu ein klares Nein. „Manches Mineralwasser weist höhere Sulfatwerte auf, als das Tongestein, das auf unserer Baustelle zutage gefördert wird“, erklärt er.

Allerdings, und hier werden die Sorgen von Projektingenieur Hallfeldt schon ein wenig größer, kommen für die Entsorgung möglicherweise nicht mehr alle anfangs ins Auge gefassten Betriebe infrage. Eine Option sind Gipssteinbrüche, weil Gips zur Mineralklasse der Sulfate gehört und Pyrit unter Sauerstoffzutritt zu Sulfat oxidiert. Damit sind dort die Umgebungsbedingungen für eine Entsorgung von pyrithaltigem Erdaushub ziemlich gut. Gipssteinbrüche gibt es beispielsweise in Oberndorf am Neckar.

Alles gut also? Nicht ganz. Denn möglicherweise steigen durch die Pyrit-Geschichte die Kosten für die ICE-Trasse. Und zwar wegen der aufwendigeren Entsorgung und der längeren Transportwege. Für 380 Millionen Euro sollte der Albvorlandtunnel inklusive Güterzuganbindung und Kleiner Wendlinger Kurve gebaut werden, als Implenia 2015 den Zuschlag für den Bau bekam. Nun stehen 140 Millionen Euro mehr im Raum. Die Zahlen sind unbestätigt. Dennoch: Ganz schön viel Geld und vielleicht auch ein Grund, sich ein wenig Sorgen zu machen.

Was ist Pyrit eigentlich?

Pyrit ist ein Eisensulfid, das im Posidonienschiefer des Albvorlands häufig vorkommt. Und es lagert dort schon etwa 180 Millionen Jahre, wie Olaf Cirpka, Professor für Hydrologie an der Universität Tübingen erklärt. Zu der Zeit, als der Posidonienschiefer entstand, herrschten im heutigen Albvorland Bedingungen wie am Schwarzen Meer.

Zum Problem könnte der pyrithaltige Schwarzjura werden, wenn er über längere Zeit offen gelagert wird. Etwa auf einer Abraumhalde. Sauerstoff und Regenwasser bewirken dann nämlich, dass sich Sulfat bildet. Dringt Sulfat ins Grundwasser ein und wird dann aus dem Grundwasser Trinkwasser gewonnen, könnten eventuell die Grenzwerte von 250 Milligramm pro Liter überschritten werden. Doch in Kirchheim gibt es keine Abraumhalde.sg

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