Zwischen Neckar und Alb

Ratlos vor dem Votum der Bürger

Abstimmung In Wendlingen werben Initiativen für den Erhalt der Johanneskirche. Viele Bürger wissen nicht, über was sie genau abstimmen sollen. Von Elisabeth Maier

Bei strömendem Regen diskutieren Horst Matt (links) und Heinz Gfrör von der Bürgerinitiative mit Marktbesuchern in Wendlingen.Fo
Bei strömendem Regen diskutieren Horst Matt (links) und Heinz Gfrör von der Bürgerinitiative mit Marktbesuchern in Wendlingen.Foto: Roberto Bulgrin

Bei strömendem Regen diskutiert der Wendlinger Horst Matt mit einer Bürgerin. Der Infostand des Freundeskreises und der Bürgerinitiative „Rettet die Johanneskirche“ ist eher spärlich besucht. In einer Pappkiste liegen Flugblätter. Auf eigene Kosten haben die evangelischen Christen einen Flyer gedruckt, in dem ihre Argumente für den Erhalt des Gotteshauses in der Stadtmitte zusammengefasst sind. Und auch die Banner mit einem Foto der Zeltdach-Kirche haben sie selbst finanziert.

Seit Wochen sind die Streiter für den Erhalt der Kirche samstags auf dem Wochenmarkt präsent. Die evangelische Kirchengemeinde informierte im Sommer ebenfalls auf einem Marktstand über ihre Pläne für den Neubau eines Gemeindezentrums, das am Standort der Kirche gebaut werden soll. Jetzt, wenige Wochen vor dem Bürgerentscheid am 6. November, gibt es von ihr keinen Stand mehr.

Der rührige Kirchengemeinderatsvorsitzender Hans-Georg Class hat eine Facebook-Seite eingerichtet, auf der rege diskutiert wird. Damit will die Kirchengemeinde gerade junge Christen ansprechen, um deren Zukunft es geht. „Wir haben einen Flyer herausgegeben, sagt Pfarrer Stefan Wannenwetsch. Der Hochglanzprospekt wurde an alle Haushalte verteilt. Außerdem diskutiere man nach den Gottesdiensten und in den Gremien über das Gemeindezentrum und über den Bürgerentscheid, „aber es gibt auch andere dringende Themen“. 500 Anträge auf Briefwahl liegen der Stadtverwaltung bereits jetzt vor. Die Briefwahlunterlagen werden seit vergangener Woche verschickt.

„Wir haben im Gemeinderat intensiv diskutiert, ob wir eine Informationsveranstaltung machen sollen“, sagt Bürgermeister Steffen Weigel. Aus „Respekt vor dem demokratisch gewählten Gremium des Kirchengemeinderats“ wolle die bürgerliche Gemeinde sich nun einer Stellungnahme enthalten. Die Stadt sei erst dann wieder gefragt, „wenn die Kirchengemeinde bauen will und wir einen Plan aufstellen“. Weigel hatte wiederholt versucht, zwischen der Initiative und der Kirchengemeinde zu vermitteln. Er hatte auch mit dem von der Kirche beauftragten Architekten Professor Kai Haag gesprochen, ob ein Erhalt des Gotteshauses aus den 60er-Jahren machbar wäre – da aber eine negative Antwort erhalten. Im Amtsblatt veröffentlichte die Stadt eine ausführliche Stellungnahme. Daneben ist im gleichen Umfang die Position der Bürgerinitiative abgedruckt.

Auf dem Wochenmarkt am Samstag sind die Meinungen über den Bürgerentscheid geteilt. „Ich habe davon noch gar nichts gehört und gehe auch nicht hin“, sagt eine junge Frau. Eine andere ist in der Johanneskirche konfirmiert worden, „ich wäre schon dafür, dass sie stehen bleibt, aber was der Bürgerentscheid da nun bewirken soll, weiß ich nicht“. Mit dieser Ratlosigkeit steht sie nicht alleine da, denn viele Wendlinger wissen überhaupt nicht, über was sie am 6. November eigentlich abstimmen. Selbst wenn eine Mehrheit mit Ja stimmen würde, ist damit der Zeltdachbau noch nicht gerettet. Die Stadt hätte dann nur den Auftrag, „alles rechtlich Mögliche“ zu tun, dass sie im Rahmen einer Mehrfachnutzung erhalten bleibt.

Die Abrissgegner auf dem Wochenmarkt sehen darin eine Chance. Und bis dahin wollen sie weiterkämpfen. „Wir sind zu wenig gehört worden“, klagt Horst Matt. Der Rentner hat sich jahrzehntelang für die evangelische Kirchengemeinde in Unterboihingen engagiert – wie viele seine Mitstreiter. Er hätte sich von der Gesamtkirchengemeinde gewünscht, „dass wir in den Prozess einbezogen werden“. Das sieht Pfarrer Wannenwetsch anders. Er verweist darauf, dass der Bau eines Gemeindezentrums anstelle der Zeltdach-Kirche in der Stadtmitte lange in den kirchlichen Gremien und in der Gemeinde diskutiert worden sei.

Anzeige