Zwischen Neckar und Alb

Schülertransport als Herkulesaufgabe

Corona 1200 Kinder müssen coronabedingt unter erschwerten Bedingungen an die Sonderschulen gefahren werden. Das bedeutet mehr Personalbedarf und auch mehr Busse. Von Thomas Schorradt

Die Kleinbus-Flotte ist vor dem Schulbeginn startklar gemacht worden.Foto: Ines Rudel
Die Kleinbus-Flotte ist vor dem Schulbeginn startklar gemacht worden. Foto: Ines Rudel

Schon in Zeiten, in denen die Corona-Pandemie dem öffentlichen Leben noch nicht den Stempel aufgedrückt hatte, war die Herausforderung enorm. Nach einem minutiös ausgetüftelten Plan mussten jeden Tag rund 1200 Kinder mit Kleinbussen von ihrem Zuhause abgeholt und bis an die Eingangstüren der zentralen Sonderpäda­gogischen Bildungs-und Beratungsstätten des Kreises gefahren werden. Damit am vergangenen Montag der Unterricht an den Rohräckerschulen auf dem Esslinger Zollberg, an der Verbundschule in Dettingen und an der Bodelschwingh-Schule in Nürtingen wieder beginnen konnte, mussten die Verantwortlichen eine wahre Herkulesaufgabe stemmen.

„Das Thema läuft heiß“, sagt ­Johannes Weiß, der Leiter des Amts für Kreisschulen im Landratsamt, bei dem auch die organisatorischen Fäden der Schülerbeförderung zu den Sonderschulen zusammenlaufen. „Allein, um die Abstandsregeln einzuhalten, mussten wir die Zahl der eingesetzten Busse von 160 auf 200 erhöhen“, sagt er. Können die Transporter sonst acht Kinder aufnehmen, so teilen sich jetzt vor allem die gesundheitlich vorbelasteten Kinder zu zweit einen Kleinbus. Entsprechend mehr Fahrer haben die Bus­unternehmen ­einstellen müssen. „Da wir nicht nur ­Fahrer, sondern auch Begleitpersonen brauchen, haben wir jetzt 160 Mitarbeiter am Start“, sagt Marc ­Ulbricht, der Abteilungsleiter Shuttle-Service der Firma ­Schlienz.

Die schwarzen Kleinbusse aus dem Remstal tragen die Hauptlast der Schülerbeförderung. Sie bedienen das Rohräckerzentrum auf dem Esslinger Zollberg, das mit seinen rund 1200 Schülern landesweit ohnehin eine Ausnahmestellung einnimmt. Auf dem Zollberg werden an fünf Schulen Kinder mit Lernschwäche und mit Defiziten in der geistigen, körperlichen und motorischen Entwicklung bedarfsgerecht unterrichtet. Zudem gibt es unter dem Dach des Rohräckerzentrums eine Sprachheilschule und eine Schule, in der Kinder nach einem längeren Krankenhausaufenthalt ihre Rückstände aufholen.

So unterschiedlich die Problemlagen in den Klassenzimmern sind, so individuell ist der Bedarf an Betreuung auch auf dem Schulweg. „Ein Kind ist auf den Rollstuhl angewiesen, ein anderes hat Atemprobleme, mal braucht es eine Hebebühne, mal eine zusätzliche Betreuung. Zudem gilt die Vorgabe, dass keinem Kind mehr als eine Stunde im Bus zugemutet werden soll“, sagt Weiß. Allein das zu gewährleisten, erfordert bei teilweise 40 Kilometer langen Anfahrtswegen im Ballungsraum eine ständig optimierte Routenplanung. Weil alle Busse in der Regel am Vormittag gleichzeitig vor dem Sonderschulzentrum vorfahren, sind auch dort die Wege so organisiert worden, dass es beim Aussteigen zu keinem engeren Kontakt zwischen den Schülergruppen kommt.

Umplanung im Wochentakt

„Normalerweise haben wir einen Vorlauf von mehreren Monaten. Das war dieses Mal nicht möglich“, sagt Weiß. In Corona-Zeiten hätten sich die Voraussetzungen im Wochentakt geändert. „Wir haben das Glück, dass unsere Unternehmen nicht auf dem Kleingedruckten in den Verträgen bestehen, sondern zum Wohl der Familien voll mitziehen“, sagt Weiß. Neben Schlienz fahren noch die Unternehmen Allmendinger, Sonnenschein und Kraft die drei Sonderschulzentren im Kreisgebiet an. Rund fünf Millionen Euro lässt sich der Landkreis das Angebot kosten. „Von Gesetzes wegen wären wir dazu gar nicht verpflichtet“, sagt Weiß. Normalerweise müssten die Eltern den Schulweg selbst organisieren.

Die Unternehmen haben nicht nur personell aufgerüstet. Auch der Fuhrpark ist coronatauglich gemacht worden. „Wir desinfizieren unsere Busse nach jedem Einsatz“, sagt Ulbricht. Zusätzlich schützt ein Spuckschutz den Fahrer. „Bei den Fahrern haben wir es den älteren, zur Risikogruppe zählenden Mitarbeitern freigestellt, ob sie fahren wollen“, sagt Ulbricht. Trotz der verschärften Auflagen geht er davon aus, dass es zu keinen nennenswerten Problemen kommt. „Wir schaffen das“, lautet die Ansage.

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