Zwischen Neckar und Alb

Schwäbische Krachlederne für die Wiesn

Der Göppinger schwört auf Lederhosen, die Spuren von Leben, Kämpfen und Vernarbungen tragen

Thomas Jurczyk ist ein Tausendsassa. Der gelernte Bäcker aus dem Raum Göppingen stellt seit fünfzehn Jahren Lederhosen her. Nicht aus Teig, sondern aus Leder, inspiriert von alten Modellen, doch abseits des Mainstreams. „Ich möchte die Tracht in die jetzige Zeit bringen“, erklärt der Schwabe. In einer Krachledernen, auf der ein dunkelblauer Gecko prangt, steht er in seinem Geschäft nahe dem Münchner Viktualienmarkt.

Auch für eine Krachlederne muss Thomas Jurczyk in seinem Laden erstmal Maß nehmen.Foto: Marion Brucker
Auch für eine Krachlederne muss Thomas Jurczyk in seinem Laden erstmal Maß nehmen.Foto: Marion Brucker

Göppingen/München. Im Laden herrscht zur Oktoberfestzeit Hochbetrieb. Studenten, Polizisten und Ärzte sowie heimische Prominenz sind unter den Kunden. Auch Eric Clapton gehört dazu. Vor einem Jahr hat sich der Musiker in den kleinen Laden verirrt. Allerdings nicht, um sich für das Oktoberfest richtig zünftig auszustatten, sondern für die Jagd. „Zwei kurze und eine Bundhose hat er gekauft“, erzählt Jurczyk und weist auf ein schlichtes, unbesticktes Modell. So habe Claptons Bundhose ausgesehen.

Genäht hat die Hose aus sämigem Hirschleder sein angestellter Säckler in Hausham in der Nähe von München. Der fertigt nach dem Design von Jurczyk rund 200 Lederhosen pro Jahr. Vor allem aus heimischem Hirschleder . „Man muss die Spuren von Leben sehen, von Kämpfen und Vernarbungen“, erklärt Jurczyk. Leder von Zuchthirschen wie aus Neuseeland findet er zu schön und zu sauber. Zwischen 900 und 2500 Euro kosten seine Unikate, in Serie in Deutschland hergestellte verkauft er um die 500 Euro.

Ein Qualitätsmerkmal für die Lederhose bildet die Säcklernaht. Dafür werden die einzelnen Lederteile nach außen zusammengenäht, sodass die hellen Lederkanten sichtbar bleiben. Wie das professionell gemacht wird, das lernen in Deutschland derzeit sechs junge Männer und Frauen. An der Berufsschule im niederbayerischen Mainburg erhalten sie den theoretischen Unterricht. Sie ist die einzige in Deutschland, die sich um den Säcklernachwuchs kümmert. Schulleiter Wolfgang Steger führt dies auf die vielen Trachtenvereine in Bayern zurück. Bei jeder Fronleichnamsprozession und Leonhardifahrt, zum Heimatabend und zum Oktoberfest werden dort Lederhosen getragen.

So auch von Arno Stockinger. Für den Mitarbeiter einer großen Brauerei, die mit einem Festzelt auf der Wiesn vertreten ist, gehört eine Lederhose sozusagen zur Berufskleidung. Zwei Bundhosen und drei kurze hat er, darunter ein Erbstück seines Urgroßonkels. Über 100 Jahre ist die Hose alt, eine so genannte Krachlederne. So werden umgangssprachlich ältere Lederhosen bezeichnet, die schon einen Speckglanz haben. „So eine handgefertigte Lederhose hält ein Leben lang und darüber hinaus“, meint Stockinger. Doch er möchte sich trotzdem eine weitere kaufen. Schließlich könne er nicht jeden Tag mit der gleichen ins Wiesnzelt gehen. Durch Mundpropaganda ist er auf Jurczyk Laden aufmerksam geworden.

„Schau mal, was du möchtest“. Jurczyk prüft mit einem Griff um die Hüfte, welche Hosengröße Stockinger braucht. Der Biersommelier mag es traditionell. Jägerische Motive wie Hirsch oder Gams, Eichellaub und Weinranken sollen seine Lederhose zieren. Auch bei den Farben der Stickereien bevorzugt er traditionelle wie gelb oder grün. Für Jurczyks königsblau gestickte Gamsen auf hellem Leder kann er sich nicht begeistern, ebenso wenig wie für eine Lederhose in Camouflage, wie sie Jurczyks Frau Kathrin trägt. Die gelernte Einzelhandelskauffrau hilft kräftig im Betrieb mit. Gemeinsam mit zwei weiteren Frauen bestickt sie die Lederhosen. Bis zu zwei Tage kann das dauern, je nachdem wie aufwendig die Stickereien sind.

Zum Lederhosen herstellen kam der einstige Bäcker durch seine Tätigkeit als Insolvenz- und Nachlassabwickler. Als er aus einer Insolvenzmasse auf großen Mengen Hirschleder sitzen blieb, ermutigte ihn ein bayerischer Bekannter, selbst Lederhosen zu produzieren. Doch dabei belässt es der umtriebige Schwabe nicht. Für diese Oktoberfestsaison hat er erstmals selbst Haferlschuhe kreiert. Pinkfarbene, zebragestreifte sowie welche mit Leopardenmuster . „Mei Thomas, kriegst du das je los“, hatte ihn sein 80-jähriger Bekannter gefragt, der sie für ihn herstellte. Doch Jurczyk meinte, die Leute wollten das Extravagante. Und er behielt Recht. Mittlerweile haben sich für die farbenfrohen Haferlschuhe Käufer gefunden. Ob sie diese beim Fassanstich am Oktoberfest tragen werden, weiß Jurczyk nicht. Nur eines ist sicher: Er wird weiterhin mit Farben und Mustern spielen. Schließlich soll ein Gecko nicht das einzig exotische Tier auf einer bayrischen Lederhose bleiben. Auch ein bajuwarischer Löwe wäre denkbar.

Für eine handgefertigte Lederhose wird Hirschleder verwendet. Es wird mit Dorschtran gegerbt und mit Blauholz, einer Baumrinde, gefärbt. Nachdem Maß genommen wurde, werden die Teile zugeschnitten und miteinander vernäht. Besonders beanspruchte Stellen werden mit Besatzleder verstärkt. Danach richtet der Säckler die Hose für die Stickerei her. Dafür werden die sogenannten “Leistl” mit einem Kleber aus Roggenmehl und Wasser aufgeklebt. Das gewünschte Motiv wird mit einer flüssigen Lösung, dem Gummiarabicum, vorgezeichnet und von Hand aufgestickt. Je nach Muster dauert dies bis zu 35 Stunden. Insgesamt beträgt die Fertigung einer bestickten Lederhose bis zu zwei Wochen.

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