Zwischen Neckar und Alb

„Schwäbischer Russe“ sorgt für frischen Wind

Unternehmen Die Firma Elecotrostar Starmix, zu der Haaga gehört, ist nach Ebersbach umgezogen. In den hellen Räumen wird eine neue Firmenkultur etabliert. Von Iris Häfner

Roman Gorovoy mit einer Haaga-Kehrmaschine in der neuen Büro-Etage mit großer Gemeinschaftsfläche.  Foto: Carsten Riedl
Roman Gorovoy mit einer Haaga-Kehrmaschine in der neuen Büro-Etage mit großer Gemeinschaftsfläche. Foto: Carsten Riedl

Es ist groß, es ist hell - und es ist erstaunlich leise: das neue Großraumbüro der Firma Electrostar Starmix in Ebersbach direkt unterm Dach der einstigen Textilmaschinenfabrik Zinser. Das Reichenbacher Traditionsunternehmen ist lediglich einen Ort die Fils aufwärts gezogen, doch wegen des Landkreis-Wechsels von Esslingen nach Göppingen war es doch ein weitaus gewaltigerer Schritt, als es Roman Gorovoy für möglich gehalten hätte. Der „schwäbische Russe“, wie er gerne bezeichnet wird, hat die deutsche Bürokratie unterschätzt. Dabei hat er in den vergangenen Jahren gezeigt, was an Können in ihm steckt. Vor rund 13 Jahren hat er die Leitung der damals in Schieflage geratenen Firma direkt nach seinem Studium übernommen und saniert.

Im Jahr 2011 übernahm er zudem die Ötlinger Firma Haaga. Für die Mitarbeiter gab es jetzt einen großen Einschnitt, denn der Standort wurde ebenfalls an die Fils verlegt. „Haaga ist Part of Starmix und wird es weiter sein. Hier in Ebersbach wollen wir den Synergie- Effekt nutzen, auch im gemeinsamen Vertrieb“, erklärt Roman Gorovoy. Er rechnet mit Einsparungen von über 200 000 Euro durch diesen Schritt. Bei beiden geht es um die Sauberkeit: Kehrmaschinen sowie Sauger und Händetrockner. Mittlerweile sind noch andere Produkte im Portfolio, beispielsweise Wasserkocher und Bügeleisen. „Wir verkaufen an die Industrie im Facility-Bereich“, so der Chef. Seit Haaga mit im Boot ist, konnte er den Umsatz mehr als verdoppeln.

Umzug ist logische Konsequenz

„Der Standort in Ötlingen hat von der Fläche her nicht mehr gepasst. Wir mussten jeden Zentimeter nutzen und sogar Zelte aufstellen - das ist weder zeitgemäß noch effizient“, sagt Roman Gorovoy. Wie Haaga ist auch Starmix gewachsen und die Flächen wurden zu klein. So war der Umzug in größere Hallen die logische Konsequenz. „Das hier ist unsere neue Heimat - ein bisschen Wehmut ist schon dabei“, gesteht der Chef.

Mit den beiden Stamm-Mannschaften will er weiter wachsen. Haaga ist für den erfolgreichen Firmenleiter auch wegen des Know-how im Bereich Kunststoff-Spritzguss wichtig. „Der Hauptfaktor wird weiterhin Starmix sein. Aber auch die OEM-Geschäfte sind wichtig“, so Roman Gorovoy. OEM steht für „ohne eigene Marke“. Beide Firmen sieht er als Bruder und Schwester. „Die Unternehmen haben unterschiedliche Arbeitsweisen. Jetzt geht es darum, Haaga in die Starmix-Welt zu integrieren. Aber auch für die Starmix-Mitarbeiter hat sich mit dem Umzug einiges verändert“, sagt er. Die Hierarchie hat er abgeschafft, was sich auch baulich niederschlägt. „In Reichenbach hatte jede Abteilung ihr eigenes Büro, ebenso die Führungskräfte - und das auf verschiedenen Stockwerken. Wenn man sich nicht sehen wollte, ging man sich aus dem Weg“, erklärt Roman Gorovoy. Damit ist jetzt Schluss. „Das ist ein radikaler Wandel“, ist sich der Chef bewusst und nimmt sich selbst nicht aus. Wie alle anderen sitzt er im Großraumbüro. Einen sichtbaren Sonderstatus hat er nicht, sein Schreibtisch unterscheidet sich nicht von denen seiner Mitarbeiter. Jeder kann also sehen, ob der Chef schafft.

Zwischen den Schreibtischen gibt es einen gläsernen Besprechungsraum, am Ende des Großraumbüros gleich mehrere, und eine gemeinsame Fläche, in der auch die Café-Bar untergebracht ist. „Wir sind hier 80 Leute auf einer Fläche, und es ist leiser als in Reichenbach“, freut er sich. Nach Kommunikationswegen sind die Arbeitsplätze angeordnet und die Arbeitsgruppen festgelegt. Bevor also eine E-Mail geschrieben wird, sprechen die Kollegen miteinander. „Die Geschwindigkeit, Dinge zu lösen, ist viel schneller geworden. Wir sind erst wenige Wochen hier und die Kommunikation ist deutlich besser geworden. Dieses Büro zwingt dich, die Arbeitsabläufe deutlich zu optimieren“, erklärt Roman Gorovoy. Papier wird kaum mehr gebraucht.

Gleichzeitig ist das Büro auch das Firmenmuseum. Fotos erinnern an die Zeit in Reichenbach, und alte Staubsauger in den Regalen dokumentieren den technischen Fortschritt. Im Jahr 2021 kann Starmix sein 100-jähriges Bestehen feiern. Dann will Roman Gorovoy einen Umsatz von 50 Millionen Euro erreichen, jetzt sind es 43 Millionen.

Info Gegründet wurde die Firma Starmix 1921 von Robert Schöttle. Bis 2003 blieb sie im Familienbesitz, dann übernahm die Familie Gorovoy in Etappen das Unternehmen mit rund 150 Mitarbeitern. Den Grundstock dafür lieferte die Freundschaft von Roman Gorovoy und Konstantin Schöttle, die sich im Internat in Salem kennengelernt haben.

Die Firma Haaga besteht seit 50 Jahren

Im Mai 1969 begann eine erfolgreiche Firmengeschichte in Ötlingen: Hermann Haaga, gelernter Werkzeugmacher und mit Studium in Esslingen, gründete in dem Kirchheimer Teilort in Mieträumen einen Werkzeugbau für Druckguss- und Spritzgussformen. „Qualität und Zuverlässigkeit“ wählte der Firmengründer als Motto.

Die Räume wurden schnell zu klein, und so wurden im Ötlinger Gewerbegebiet Heimenwiesen 1973 die ersten eigenen und großen Räume geschaffen. Hinzu kam eine Kunststoff-Spritzerei als wichtige Produkterweiterung. „Dank der guten Mitarbeiter lief der Betrieb gut - doch es fehlte ein beständiges Eigenprodukt“, erzählt Hermann Haaga. So entstand die weltweit erste handliche Kehrmaschine für kleine Flächen, sozusagen fürs „ums Haus rum“.

Das Verkaufsgeschick von Ehefrau Adelinde Haaga war dann die Wiege für den Erfolg: Es wurden schnell auf allen wichtigen Verkaufsmessen in Deutschland Haaga-Kehrmaschinen verkauft. Das Produkt wurde ständig weiterentwickelt. „Die Kehrmaschinen sind zu einem Markenbegriff und zum Stammprodukt von Haaga Reinigungstechnik geworden - und sind es bis heute“, sagt der Firmengründer. Der Vertrieb wurde international erweitert und Großkunden kamen hinzu. Die Produktionsfläche wurde wieder zu klein. „Zufällig konnte ich 1998 das wesentlich größere Nachbargelände der Firma Hasel erwerben“, so Hermann Haaga.

Der Betrieb lief recht gut. „So konnte ich 2004 mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen - doch zwei Jahre später war ich als Chef wieder aktiv“, sagt er über diese Zeit. Es wurden die ersten elektrischen Akku-Kehrmaschinen entwickelt und gut verkauft, weitere Großkunden kamen dazu. „Die Marke Haaga ist längst zum angesehenen Qualitätsprodukt geworden“, freut sich der Firmengründer.

Im Jahr 2011 gab es eine Zäsur: Haaga wurde an die Firma Starmix verkauft. Die Reichenbacher Firma hat sich einen starken Partner ins Boot geholt und ist jetzt nach Ebersbach umgezogen. Haaga Kehrmaschinen sind dort weiterhin im Portfolio. Die Ötlinger Haaga-Mitarbeiter haben den Umzug an die Fils nun auch hinter sich. ih

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