Zwischen Neckar und Alb

Schwarzkittel pflügen Grundstücke um

Natur Plochingen hat ein Problem: Auf dem Hermannsbergs treiben immer wieder Wildschweine ihr Unwesen. Die überwucherten Grundstücke am Hang sind für die Tiere ein wahres Schlaraffenland. Von Martin Zimmermann

In Plochingen sorgt eine Rotte Wildschweine für Diskussion. Auch in Ochsenwang sieht man die Tiere auf ihren Streifzügen.Archiv-
In Plochingen sorgt eine Rotte Wildschweine für Diskussion. Auch in Ochsenwang sieht man die Tiere auf ihren Streifzügen.Archiv-Foto: Dieter Ruoff

Plochingen und seine Hanglagen scheinen zum Lieblingsort der Wildschweine zu werden. Ein Spaziergang am Hermannsberg zeigt das Ausmaß der Verwüstung: Manche Gärten und Wiesen sehen aus wie frisch umgegraben. Deshalb gehen bei der Stadt und dem Wildtierbeauftragten des Landkreises Esslingen, Sascha Richter, viele Beschwerden ein. Plochingen steht mit dem Problem nicht alleine da. In ganz Europa hat sich das Schwarzwild stark vermehrt. Die Tiere sind sehr mobil. Bis zu 40 Kilometer kann eine Wildschweinrotte in der Nacht zurücklegen, berichtete Richter im Plochinger Gemeinderat.

Für die Vermehrung der Schwarzkittel gibt es mehrere Faktoren. In milden Wintern überlebten mehr Frischlinge. Dass Wildschweine vermehrt aus dem Wald kommen und sich Futter auf Wiesen und in Gärten suchen, sei aber nur bedingt auf die Natur allein zurückzuführen. Im vergangenen Jahr gab es im Wald weniger Eicheln und Bucheckern für die Tiere. So zieht das Schwarzwild auf Futtersuche weiter und findet gerade in den Plochinger Hanglagen beste Bedingungen vor. Verwilderte und mit Brombeeren überwucherte Grundstücke bieten den Tieren dort idealen Unterschlupf, auf Streuobstwiesen werden Äpfel nicht mehr aufgelesen, verfaulen und sorgen so für einen reich gedeckten Tisch.

Angesichts des durchwühlten Bodens wird unter verärgerten Grundstücksbesitzern der Ruf laut: „Abschießen, die Viecher!“ Doch so einfach ist das nicht, stellte Bernd Koch, einer der Jagdpächter im Plochinger Revier, klar. Eine Jagd an den Steilhängen berge hohe Risiken. Denn in dem Gebiet hat es Gärten. Es liegt in der Nähe von Wohngebäuden, Straßen und Naherholungsgebieten, in denen sich Menschen aufhalten: „Da überlegt sich jeder Jäger zweimal, ob er einen Schuss abgibt, wenn ihm die volle Einsicht in das Gelände fehlt.“

Bleibt also zunächst mal nur, den Schwarzkitteln die Nahrungsgrundlage zu entziehen. „Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten, damit die Leute ihre Grundstücke richtig bewirtschaften“, sagte Bürgermeister Frank Buß. In den vergangenen Jahren habe die Zahl der verwahrlosten Grundstücke zugenommen. Die Gründe seien vielfältig: Eigentümer sind zu alt, um den Steilhang zu bewirtschaften, Nachkommen haben kein Interesse daran, mancher ist auch einfach nur verärgert, weil er sein Grundstück nicht einzäunen darf. Das alles befreie jedoch nicht von der Pflicht, das Grundstück zu pflegen, darauf werden in Plochingen demnächst Besitzer hingewiesen. Schadensersatz für Wildschäden könne außerdem nur erwarten, wer sein Grundstück tipptopp pflegt, erklärte Richter. Dazu gehöre Mähen, das Heu entfernen, Obst auflesen. Auch darüber soll informiert werden.

Reiner Nussbaum von der CDU-Gemeinderatsfraktion schlug vor, zur Dezimierung des Wildschweinbestands eine Treibjagd anzusetzen. Das gestalte sich nicht einfach, entgegnete Koch. Straßen und Wege müssten weiträumig gesperrt, das gesamte Jagdgebiet aufwendig abgesichert werden. Polizei und Politik müssten dazu ins Boot geholt werden. Die Politik macht sich bereits Gedanken. So legte die Landesregierung jüngst einen Zwölf-Punkte-Plan vor, um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern. Der ist allerdings vor allem in Hinblick auf großflächige Treibjagden in weiträumig abgesperrten Gebieten noch nicht ganz spruchreif.

Bei dem Gedanken an eine große Treibjagd wurde es Joachim Hahn von der SPD aber anscheinend etwas mulmig. Bevor man ein „Blutbad anrichtet“, solle man Alternativen ins Auge fassen, schlug er vor. So werde zum Beispiel der Waldfriedhof mit einem Elektrozaun vor dem Eindringen von Schwarzkitteln erfolgreich geschützt. Das lasse sich kaum umsetzen, befand das Gremium, zu viele Wege blieben offen.

So einigte sich der Ausschuss letztlich darauf, die Grundstücksbesitzer auf die Pflege ihrer Grundstücke hinzuweisen - und zwar mit Nachdruck. Sollte sich aber die Afrikanische Schweinepest in der Region ausbreiten, dann wird wohl der Zwölf-Punkte-Plan schnell in Kraft treten. Bis es soweit ist, wird aber noch so mancher Stücklesbesitzer fassungslos vor seiner umgepflügten Wiese stehen.

Auch in Osteuropa sind die Tiere ein Problem

Der Anstieg der Wildschweinpopulation wird nicht nur in Plochingen diskutiert. Immer mehr sorgen sich Landwirte und Jäger, dass die Schwarzkittel die Afrikanische Schweinepest einschleppen und verbreiten könnten.

In Osteuropa breitet sich die Seuche gerade aus, und Wildschweine würden dort auch vehement bekämpft, wie Jäger Koch berichtete: „In Tschechien werden Wildschweine bereits vom Militär geschossen.“

Ungeachtet der Frage, ob die Bundeswehr materialtechnisch dazu überhaupt in der Lage wäre - der Ruf nach einem Militäreinsatz in Plochingen wurde nicht laut. mz

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