Zwischen Neckar und Alb

Sehenden Auges ins Verderben

Experiment Kammertheater mit Roboter: Die Theaterspinnerei in Frickenhausen beschreitet mit „Der Sandmann 4.0“ völlig neue Wege. Von Volker Haussmann

Nathanael schüttet seiner Maschinenfreundin Olimpia sein Herz aus. Foto: Jürgen Holzwarth
Nathanael schüttet seiner Maschinenfreundin Olimpia sein Herz aus. Foto: Jürgen Holzwarth

Die Theaterspinnerei wagt einen faszinierenden Ausblick in die Zukunft des Theaterspiels und präsentiert mit dem furiosen Stück „Der Sandmann 4.0“ im besten Sinne „Theater 4.0“. Das kreative Trio hat sich im Theatersaal im alten Bahnhof Frickenhausen mit einem ebenso spannenden wie atmosphärisch dichten Kammertheaterstück eindrucksvoll zurückgemeldet. Für Gänsehaut sorgt nicht zuletzt das eindringliche Spiel von Marilena Pinetti und Jens Nüßle. Die hervorragend gemachten Projektionen und Filmsequenzen tun ein Übriges und zaubern verblüffend realistische Theaterkulissen auf die kahlen Wände. Für einen authentischen 4.0-Effekt sorgt der dritte Mitwirkende: ein zweiarmiger Industrie-Roboter namens Yumi. Der hat zwar nichts zu sagen, spielt aber trotzdem - wie sich zeigen wird - eine tragende Rolle.

Ein schauriger Geselle

„Der Sandmann 4.0“ basiert auf der fantastischen Erzählung „Der Sandmann“ von E. T. A. Hoffmann, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts erschien. Stephan Hänlein, Theaterautor der Theaterspinnerei, hat sich daran recht freimütig bedient und aus dem Stück nur mehr eine Handvoll zentraler Elemente übernommen. Da sind zum einen die Hauptfiguren Nathanael und ­Claire, wobei das Mädchen im Gegensatz zum Original in Hänleins Version blind ist. Zum anderen hat Hänlein die schaurige Figur des Sandmanns übernommen, der bei Hoffmann mitnichten der nette Gutenacht-Onkel des deutschen Vorabendfernsehens ist. Vielmehr streut er Kindern, die nicht schlafen wollen, Sand in die Augen, die dadurch leerbluten. Des Weiteren taucht Hoffmanns Figur Coppelius im Stück auf, allerdings als alter Linsenschleifer, nicht als dubioser Rechtsanwalt und potenzieller Sandmann. Zu guter Letzt hat Hänlein die künstlich erschaffene Olimpia aus Hoffmanns Erzählung übernommen.

Nathanael und Claire leben trotz ihrer Blindheit glücklich und zufrieden zusammen. Bis ein dubioses Päckchen eintrifft. Dieses enthält geschliffene Linsen, und Nathanael erinnert sich an das Labor seines Vaters, das seit dessen tragischem Unfall seit Jahren nicht mehr betreten wurde. Nun will er’s wissen. Er klettert in den Keller und entdeckt einen Apparat, mit dem er wie mit einem Menschen kommunizieren kann. Diesem Apparat, den er Olimpia nennt, will er die Linsen einsetzen, auf dass dieser künstliche Organismus sehen lerne und ihm eine vollwertige Gefährtin sein kann, die ihm die menschliche Freundin ersetzt. Diese nämlich - die blinde Claire - hält nichts von Nathanaels Experimenten, die diesen offenbar stark traumatisieren und ihn - wie schon einmal, als sein Vater unter rätselhaften Umständen zu Tode kam - an den Rand des Wahnsinns bringen. Sie streiten sich, und Nathanael sucht immer öfter Trost bei seiner künstlichen Freundin.

Die Geschichte - so viel sei verraten - geht nicht gut aus. Zwar überlebt Hänleins Nathanael, im Gegensatz zu Hoffmanns bemitleidenswerter Figur. Seine Zukunftsaussichten sind allerdings düster. Tragisch? Gewiss. Aber, wer weiß: Vielleicht ist das ganze Schauerstück ja auch nur der Fantasie eines gelangweilten Roboters entsprungen?

Die altertümlich anmutende Sprachweise der Akteure macht deutlich: Das Stück spielt lange vor unserer Zeit. Auch die Kostüme lassen daran keinen Zweifel. Die kalte Perfektion des lautlos agierenden Roboters bildet dazu einen beklemmenden Kontrast. Verstärkt wird der Eindruck des Albtraumhaften durch penibel ausgetüftelte Projektionen und einen melancholischen Soundtrack. Die Drehbühne ermöglicht auf engstem Raum rasche Szenenwechsel, was der Geschichte zusätzliche Dynamik verleiht.

Sicher nicht ohne Tücke

Bei aller technischen Perfektion, mit der die Aufführung über die Bühne geht, darf die beeindruckende schauspielerische Leistung der Akteure keinesfalls gering geschätzt werden. Im Gegenteil. Marilena Pinetti, mithilfe von Kontaktlinsen mitleiderregend erblindet, spielt die lebensfrohe Claire - gekonnt ins Leere blickend - mit viel menschlicher Wärme und Überzeugungskraft. Jens Nüßle, der auch Regie führt, besticht mit der ausgereiften Darstellung eines innerlich zerrissenen Menschen, der letztlich dem Wahnsinn verfällt. Sicher nicht ohne Tücke ist das Zusammenspiel mit einem programmierten Roboter.

„Der Sandmann 4.0“ bietet alles, was einen gelungenen Theaterabend ausmacht: große Gefühle, Dramatik, Gänsehaut, menschliche Tragik und einen überraschenden Schluss. Ganz sicher ein Stück, das einen nach dem Theaterbesuch nicht loslässt.

Info Gespielt wird „Der Sandmann 4.0“ bis zum 19. August; alle Termine und Kartenvorverkauf gibt es unter www.theaterspinnerei.de oder unter der Telefonnummer 0 70 22/2 43 56 00.

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