Zwischen Neckar und Alb

Sie halten das alte Handwerk in Ehren

Vorweihnacht Auf dem Mittelaltermarkt lernen Besucher viele alte Berufe kennen und schauen den Gesellen und Meistern beim Arbeiten zu. Von Thomas Krytzner

Wie in alten Zeiten: Fred Marschall schnitzt Holzlöffel.Foto: Thomas Krytzner
Wie in alten Zeiten: Fred Marschall schnitzt Holzlöffel.Foto: Thomas Krytzner

Wer sich gerne um einige Hundert Jahre zurückversetzen lassen will, kommt auf dem Mittelaltermarkt in Esslingen auf seine Kosten. Viele Stände bieten typische Produkte aus dem Mittelalter an. Die Marktbetreiber begeistern in ihren historischen Gewändern. Auch die Sprache verändert sich, wenn man vom Weihnachtsmarkt durch das Turm-Tor auf den Mittelaltermarkt schreitet. So heißt es dann nicht mehr einfach „Guten Tag“, sondern „Seid gegrüßt“, und die Verabschiedung endet nicht im schnöden „Tschüss“, sondern wird mit dem Wunsch „Gehabet Euch wohl“ begleitet. Für viele Marktbetreiber sind die Mittelaltermärkte reines Hobby, andere verdienen mit den Waren ihren Lebensunterhalt. Fast vier Wochen können die Besucher den fleißigen Gesellen und Meistern über die Schulter schauen oder sogar selbst mit anpacken.

Löffel-Schnitzer Fred Marschall aus Thüringen nimmt die 500 Kilometer nach Esslingen seit über 15 Jahren in Kauf, um am Mittelaltermarkt dabei zu sein. Dass das Stadtmarketing das Handwerk fördert, ist für ihn ein Hauptgrund, zur Vorweihnachtszeit in Esslingen zu sein. „Ich mache hier nicht die Riesenumsätze. Aber es ist wichtig, dem Publikum zu zeigen, wie früher Löffel hergestellt wurden.“ Vor allem die Interaktion mit den Marktbesuchern macht dem Schnitzer Spaß. Doch die Löffel sind nicht das Einzige, was er zeigt. „Das wäre für vier Wochen zu wenig. Deshalb zeige ich auch die Kunst der Weißbinderei.“ Dabei denkt er an die Herstellung kleinerer Gefäße für den Haushalt aus dem Holz der Fichte und Kiefer. Er betont: „Die Küfer haben sich auf die großen Fässer spezialisiert und waren in Zünften organisiert.“ So blieb für die kleineren Betriebe auch noch was zu verdienen.

Damals war Qualität ebenso gefragt, und diese wurde auch penibelst umgesetzt, wie Fred Marschall weiß: „Im Unterschied zu heute musste jeder Handwerker damit rechnen, dass die Kunden zurückkamen und die Ware beanstandeten, wenn sie nicht zufrieden waren.“ Sein Handwerk sieht der Schnitzer als Leidenschaft. Am liebsten arbeitet er mit dem Holz der Pflaume. „Da kriegen die Löffel eine schöne Patina.“ Fred Marschall wohnt während der Marktzeit in einem Wohnwagen. Während des Jahres stellt er sein Handwerk auf über 14 Märkten vor. Wenn er mal nicht unterwegs ist, gibt es auch kaum Urlaub. „Da heißt es Ware herstellen und den Marktstand pflegen.“ Auf die Weihnachtszeit freut er sich jetzt schon: „Da heißt es erst mal ausruhen und runterkommen.“

Täschnerin Karin Sallmann aus Gottsdorf (Brandenburg) ist das neunte Mal beim Mittelaltermarkt dabei. „Unseren Stand gibt es aber schon seit 20 Jahren in Esslingen“, erklärt die Handwerkerin. Gleich mehrere Berufe führen das Handwerk des Gerbers fort. „Da gibt es Schuster, Polsterer, Sattler, Täschner und Gürtler“, weiß Sallmann. Ihr macht der Mittelaltermarkt viel Spaß. „Wir haben eine große Verbundenheit mit den anderen Marktbeschickern, und es gibt immer wieder schöne Begegnungen mit den Kunden.“ Sie sieht ihre Teilnahme am Markt realistisch: „Der Umsatz muss stimmen. Die Besucher müssen unsere Arbeit wertschätzen.“ Sie möchte die Menschen in die alte Zeit entführen. „Ich merke immer wieder, wie es den Leuten guttut, mal abzutauchen in eine andere Welt.“ Für sie selbst kommt jedoch kaum Weihnachtsstimmung auf. „Der Arbeitsalltag ist recht anspruchsvoll.“ Sie bietet auf dem Markt Schmuckstücke, Bucheinbände und homöopathische Reiseapotheken an. Während des Marktes wohnt Karin Sallmann bei Bekannten und ist froh, eine Unterkunft gefunden zu haben. „Zur Weihnachtszeit ist Esslingen eine Herausforderung für die Touristen.“

Schmied Rainer (Raimir) Bachmann ist mit seinem Kollegen Berthold Rödle, beide aus dem Landkreis Böblingen, seit vielen Jahren beim Mittelaltermarkt dabei. „Wir wissen nicht genau, wie lange, aber schon mindestens zehn Jahre“, lacht Berthold Rödle. Die beiden bleiben für zwei Wochen auf dem Markt und bieten vor allem Kindern ein heißes Programm. „Kleine und große Kinder können bei uns mitmachen und zum Beispiel ein Hufeisen schmieden.“ Für die beiden Schmiede ist es der größte Lohn, wenn die Kinder glücklich sind. Sie freuen sich, die alten Kollegen zu sehen. Rainer Bachmann betont: „Das ganze Miteinander und der Markt sind einfach schön.“ Berthold Rödle ergänzt: „Jeder Markt hat sein eigenes Flair, aber der in Esslingen ist der schönste.“ Das Ende des Marktes bedauern sie fast ein wenig. „Da folgt eine lange Durststrecke, mit den Märkten geht es ja dann erst ab März wieder los.“

Der Mittelaltermarkt in Esslingen hat noch bis Freitag, 21. Dezember, geöffnet.

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