Zwischen Neckar und Alb

Sie hat die Leidenschaft für Stahl

Porträt Die Süßener Bauingenieurin Susanne Gieler-Breßmer hat sich als Spezialistin für Bauwerkinstandsetzungen in ganz Europa einen Namen gemacht. Sie hat die Tiefgarage Krautmarkt in Kirchheim saniert. Von Karin Tutas

Umgeben von Bauten aus Beton und Stahl ist Susanne Gieler-Breßmer in ihrem Element.Foto: Giacinto Carlucci
Umgeben von Bauten aus Beton und Stahl ist Susanne Gieler-Breßmer in ihrem Element. Foto: Giacinto Carlucci

Ein wenig Glück gehört dazu, um so eine Karriere hinzulegen, meint Susanne Gieler-Breßmer. Die Bauingenieurin betreibt gemeinsam mit einem Partner in Süßen eines der größten, auf die Instandsetzung von Stahlbetonbauwerken spezialisierten Büros in Deutschland. Als erste Frau in Deutschland wurde Gieler-Breßmer 1992 zur öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen im Bereich Betonschäden und -instandsetzung von der IHK Stuttgart bestellt.

Beton, Stahl und Baustellen sind so eine Art Lebenselixier für die Unternehmerin, die in einem Metier Karriere gemacht hat, in dem Frauen lange als Exotinnen galten, heute immer noch in Führungspositionen an einer Hand abzuzählen sind. Schon als kleines Mädchen kam sie an keiner Baustelle vorbei. „Das hat mich schon immer fasziniert“, erzählt die Süßenerin. „Mich hat immer nur die Technik gereizt“, erzählt die zierliche Frau. Deshalb währt der Ausflug in Mathematik und Informatik - „zu langweilig“ - nur zwei Semester, und sie steigt auf ein Studium im Bauingenieurwesen um. Mitten hinein eine damals typische Männerdomäne - „wir waren in dem Studiengang zwei Frauen“. Gesundes Selbstbewusstsein kann da nicht schaden.

Sie spürt schnell, dass sie am richtigen Platz ist. Zu forschen, wie der Beton beschaffen sein muss und wie der Baustoff länger hält, habe sie von Anfang an fasziniert. Sie kniet sich rein ins Studium. Im Nachhinein empfindet sie es als Glück, dass sie Ausbilder ohne Vorbehalte gegen weibliche Studenten hatte: „Mein Professor hat mich auf alle Kühltürme in Nordrhein-Westfalen mitgenommen, als Frauen dort noch nicht gerne gesehen und mit fadenscheinigen Argumenten wie ‚Wir haben keine getrennten sanitären Anlagen’ ferngehalten wurden.“ Dass da das Engagement für Frauenrechte nicht ausbleibt, versteht sich von selbst. Während eines Auslandsjahres in Haifa, wo Susanne Gieler auch auf Großbaustellen arbeitete, kommt sie mit einem ihrer späteren Spezialgebiete in Berührung: Korrosion von Stahl in Beton im Meeresklima.

Ihr früherer Professor für Bauphysik vermittelt ihr eine Stelle im Landkreis Göppingen, wo sie für ein Unternehmen das physikalische Entwicklungslabor für Polymerbeton aufbaut. Dass ihr Chef großes Vertrauen in die damals 24-Jährige setzte und ihr die Bauleitung für den firmeneigenen Fabrikationsneubau übertrug, habe ihr Selbstvertrauen gegeben, sagt Susanne Gieler-Bressmer.

Und doch zieht es sie wieder in die Forschung. Drei Jahre leitet sie ein Projekt für Betoninstandsetzung an der Universität Stuttgart und entschließt sich dann, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „In der Industrie hätte ich als Frau nie eine leitende Position bekommen“, ist sie überzeugt.

Sie bleibt in Schwaben - auch der Liebe wegen - gründet 1990 ihr eigenes Büro, das die Instandsetzung von Großprojekten wie Brücken, Hoch- und Verwaltungsbauten, Industriebetrieben oder Betonkonstruktionen in Meer- und Süßwasser-Schwimmbädern plant und überwacht. Als Frau auf der Baustelle habe sie keine Probleme. Zu den Leuten am Bau habe sie ein empathisches Verhältnis. „Ich habe mich nie verdreht, ich bin ich - eine Frau und kein Mann“, nennt sie ihr Rezept. Und: klare Ansagen, „knallhart in der Überwachung“, sie habe sich Respekt erarbeitet.

Fünf Jahre führt sie ihr Büro allein, bis sich Nachwuchs einstellt. Sohn Felix verändert viel, aber nicht alles. „Für mich war immer klar, dass ich weiterarbeite.“ Fortan aber mit einem Partner im Unternehmen mit insgesamt 14 Mitarbeitern. „Es war nicht immer leicht, die Balance zwischen Verantwortung für mein Kind und das Büro zu halten“, räumt Susanne Gieler-Breßmer rückblickend ein. Umso mehr lege sie Wert auf Familienfreundlichkeit im eigenen Betrieb, betont die 59-Jährige, die die Sorgen und Nöte von berufstätigen Eltern nur zu gut kennt, obwohl die Möglichkeiten der Kinderbetreuung heute deutlich besser sind als vor 20 Jahren. „Familie lässt sich in jedem Betrieb machen, das ist nur eine Frage der Organisation“, lautet ihre Überzeugung.

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