Zwischen Neckar und Alb

„Sie hat gelebt, was sie geglaubt hat“

Geschichte Magdalene Bopp hat vor 75 Jahren das jüdische Ehepaar Krakauer versteckt. Die Tochter erinnert sich an die Hausgäste. Von Dagmar Weinberg

Ottilie Baikhardt wohnt noch heute in dem Haus, in dem ihre Mutter Magdalene Bopp im Januar 1945 das Ehepaar Krakauer versteckt
Ottilie Baikhardt wohnt noch heute in dem Haus, in dem ihre Mutter Magdalene Bopp im Januar 1945 das Ehepaar Krakauer versteckt hat. Sie hält das Foto ihrer Mutter in Ehren. Foto: Markus Brändli

Berlin im Januar 1943: Nazischergen machen erneut Jagd auf Bürger jüdischen Glaubens. Am Abend des 29. Januar warnt eine Bekannte Karoline (genannt Ines) Krakauer: „Die Gestapo ist in der Wohnung. Machen Sie schnell, dass Sie wegkommen!“ Die bedrohte Jüdin zögert keine Sekunde. In einer nahe gelegenen Arztpraxis fängt sie ihren Mann Max ab. Dem Ehepaar gelingt die Flucht, die 27 Monate später in Stetten im Remstal enden soll. Dort wird das jüdische Paar durch amerikanische Truppen befreit.

Dass Max und Ines Krakauer die Schoah überlebt haben, ist jenen couragierten Pfarrern und Pfarrfrauen der württembergischen Pfarrhauskette sowie mutigen Frauen und Männern zu verdanken, die die Kirchenleute unterstützt haben. Zu den Unterstützerinnen gehören vier Frauen aus Plochingen: Else Palmbach, Helene Zeller, Magdalene Bopp und Hilde Schuh. Der Plochinger Pfarrer Joachim Hahn hat nach Spuren der Frauen gesucht. „Über die Pfarrhauskette in Reichenbach und Köngen weiß man inzwischen recht viel. Es war aber lange nicht bekannt, dass es auch in Plochingen einen Unterstützerkreis gegeben hat“, sagt der promovierte Theologe, der sich bei der Landeskirche christlich-jüdischen Themen widmet.

Weihnachten 1944 hatte das jüdische Ehepaar im Reichenbacher Pfarrhaus bei Theodor Dipper und seiner Familie verbracht. Da viele Pfarrhäuser unter Beobachtung der Gestapo standen, konnten die Untergetauchten nicht lange an einem Ort bleiben. Um eine neue Bleibe für Ines und Max Krakauer zu finden, die als nichtjüdische Bombengeschädigte Hans und Grete Ackermann aus Berlin ausgegeben wurden, klopfte der Reichenbacher Pfarrer bei der Plochinger Pfarrfrau Else Palmbach an. Während ihr Mann an der Front war, hatte sie das Pfarrhaus auf dem Kirchberg „zu einer Art Sozialstation umgestaltet“. Gegen Kriegsende war das Haus jedoch „mit Ausgebombten und Evakuierten übervoll“, sodass sie niemanden mehr aufnehmen konnte.

Dank eines guten Netzwerks fanden sie schließlich Unterschlupf bei Magdalene Bopp, eine gläubige Protestantin, die mit ihren drei Töchtern in der heutigen Esslinger Straße 188 wohnte. „Meine Mutter war dafür bekannt, dass sie hilft, wenn irgendwo Not ist“, sagt Ottilie Baikhardt, die 1935 geboren wurde und noch heute im elterlichen Haus wohnt. War jemand in der Nachbarschaft krank, „wurden wir Kinder mit einem Korb voller Essen hingeschickt“. Das gute Essen war auch Max Krakauer in Erinnerung geblieben, der den Helfern in seinem 1947 erschienenen Buch „Lichter im Dunkel“ ein Denkmal gesetzt hat.

Als Ines und Max Krakauer am 16. Januar 1945 das Zimmer im Souterrain des Hauses in der Esslinger Straße bezogen, sagte Magdalene Bopp ihren Töchtern lediglich, „dass jetzt Onkel Hans und Tante Grete zu uns kommen. Mehr wussten wir nicht. Und das war sicher auch gut so.“ Wer Juden versteckte, brachte sich und seine Familie in höchste Gefahr. „Dass Frau Bopp das Ehepaar Krakauer versteckt hat, ist ihr hoch anzurechnen“, sagt Joachim Hahn. „Denn die Pfarrhäuser standen selbst in der Nazizeit noch unter einem gewissen Schutz. Den gab es für Privathäuser jedoch nicht.“ Die Flüchtlinge brauchten aber nicht nur ein Dach über dem Kopf. Sie mussten auch mit Essen versorgt werden. Im Verlauf des Krieges wurden die Lebensmittel immer knapper. So war die Versorgung der Hausgäste eine echte Herausforderung.

Zum Essen saßen Ines und Max Krakauer mit Magdalena Bopp und ihren Kindern am Tisch. Da es damals noch nicht viele direkte Nachbarn gab, habe sich das jüdische Ehepaar auch mal zu einem kurzen Spaziergang nach draußen gewagt. „Ansonsten haben sie sich aber ziemlich unsichtbar gemacht und waren viel in ihrem Zimmer unten“, erinnert sich Ottilie Baikhardt. Ende Januar wurde es dann aber auch in Plochingen zu unsicher. „Meine Mutter hatte einen Zettel ohne Absender im Briefkasten gefunden“, berichtet die Tochter. „Was genau draufstand, hat sie uns damals nicht erzählt. Es müssen aber irgendwelche Verdächtigungen gewesen sein.“ Klar war: „In Plochingen zu bleiben, war ausgeschlossen“, heißt es bei Max Krakauer. Nachdem Pfarrer Dipper von dem anonymen Brief erfahren hatte, setzte er alle Hebel in Bewegung und suchte einen neuen Unterschlupf. Am 2. Februar holte der Reichenbacher Fabrikant Robert Schöttle, Chef der Firma Elektrostar, das Ehepaar ab. Über zugeschneite Straßen schlug man sich nach Esslingen durch, wo die Krakauers im Pfarrhaus der Südkirche in der Pliensauvorstadt bei Paul und Marianne Schmidt Zuflucht fanden.

Nach dem Krieg habe ihre Mutter zwar verraten, wer Onkel Hans und Tante Grete in Wahrheit waren. „Allzu viel drüber geredet hat sie aber nicht“, erzählt Ottilie Baikhardt, die sich darüber Gedanken gemacht hat, was ihre Mutter, die 1979 gestorben ist und posthum das Bundesverdienstkreuz bekommen hat, zu der mutigen Tat bewogen hat. „Sie ist nicht nur in die Kirche gegangen. Sie hat einfach gelebt, was sie geglaubt hat.“ Die Tochter ist sich sicher: „Wenn meine Mutter heute noch leben würde und wir Platz im Haus hätten, hätte sie Flüchtlinge aufgenommen.“

Die Pfarrhauskette in Württemberg half Verfolgten auf der Flucht

Verhaftungen: Von den ursprünglich 500 000 Juden in Deutschland lebten Anfang des Jahres 1943 noch 50 000. Innerhalb von zwei Monaten sollten auch sie deportiert und ermordet werden. So wurde die Situation für Bürger jüdischen Glaubens immer prekärer. Einigen Hundert Juden gelang es jedoch, den Verhaftungen zu entkommen. Sie lebten versteckt oder waren - wie Ines und Max Krakauer - innerhalb des Landes ständig auf der Flucht.

Emigration: Nachdem Max Krakauer 1933 auf Druck eines Mitarbeiters, der überzeugter Nazi war, alle Rechte an seinem 1919 gegründeten Filmverleih hatte abtreten müssen, versuchte er mit seiner Frau in die USA, nach Palästina, Australien oder England zu emigrieren. Alle Bemühungen des jüdischen Ehepaars blieben jedoch erfolglos. Nur ihrer Tochter Inge gelang 1939 die Emigration nach England.

Pfarrhäuser: Durch Vermittlung von Berliner Pfarrern konnten sich Ines und Max Krakauer zunächst in Brandenburg und Pommern verstecken. Im August 1943 kamen sie nach Württemberg, wo sich im Laufe der Zeit eine Pfarrhauskette gebildet hatte. Ziel war es, Juden und anderen Verfolgten auf der Flucht zu helfen. Viele der Pfarrer waren Mitglieder der Bekennenden Kirche oder standen ihr nahe.

Stationen: Im heutigen Landkreis Esslingen wurde die Pfarrhauskette von 1943 bis 1945 vor allem von Pfarrer Theodor Dipper in Reichenbach organisiert. Er war bereits im Konzentrationslager Welzheim inhaftiert gewesen und seit 1937 mit einem Redeverbot belegt. Außer in Reichenbach fanden Ines und Max Krakauer beim Köngener Pfarrer Eugen Stöffler und seiner Frau Johanna, bei Pfarrer Paul Hornberger und seiner Frau Lydia in Altbach, in der Esslinger Südkirche bei Pfarrer Paul Schmidt und seiner Frau Marianne sowie bei Magdalene Bopp in Plochingen Zuflucht.

Befreiung: In den 27 Monaten ihrer Flucht fanden Ines und Max Krakauer in 66 Häusern Unterschlupf. Nach seiner Befreiung lebte das Ehepaar in Stuttgart. In seinem Buch „Lichter im Dunkel“, das inzwischen im Calwer Verlag neu aufgelegt worden ist, schilderte Max Krakauer die Stationen seiner Flucht. Außer Ines und Max Krakauer sind bisher 17 weitere Personen namentlich bekannt, die die NS-Zeit dank der württembergischen Pfarrhauskette überlebt haben. dw

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