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„Sport ist ein unglaublicher Kraftspender“Zur person

Matthias Berg präsentiert sich erneut als profunder Kenner des Behindertensports – Begeistert vom Zuschauerinteresse

Seit Jahren kommentiert Matthias Berg im Fernsehen Wettkämpfe mit Behindertensportlern. Hier berichtet er von den Paralympics in Rio de Janeiro, die nun zu Ende gingen.

Ein eingespieltes Team vor der Kamera: Matthias Berg (rechts) mit ZDF-Moderator Yorck Polus im Paralympic-Studio in Rio de Janei
Ein eingespieltes Team vor der Kamera: Matthias Berg (rechts) mit ZDF-Moderator Yorck Polus im Paralympic-Studio in Rio de Janeiro.Foto: ZDF

Am Fernseher sieht alles so locker aus. Ist die Aufgabe als Co-Moderator nicht auch ein ziemlich anstrengender Job?

MATTHIAS BERG: Ja, klar. Dahinter steckt viel Arbeit. Was man nicht sieht, sind die vielen Stunden Recherche, Interviews, Listen lesen und auswerten, Hintergrundarbeit, andere Experten befragen. Das alles muss man erst einmal erledigt haben, bevor man seine Kommentare im Fernsehen abgeben kann.

Wie bereiten Sie sich auf so einen Moderationsmarathon vor?

BERG: Ich bin ja als Experte für sämtliche 22 Sportarten zuständig. Deswegen haben ich schon vor Monaten damit angefangen, alle Regelwerke durchzuackern. Das Besondere ist, dass sich das Klassifizierungssystem von Paralympics zu Paralympics immer wieder ändert.

Was sind Ihre Lieblingsdisziplinen?

BERG: Natürlich die Leichtathletik. Bei den Spielsportarten gehört für mich Rollstuhlbasketball zu den faszinierendsten überhaupt.

Haben Sie auch nach Ihrer eigenen Sportlerkarriere noch Kontakt zu den Athleten?

BERG: Immer wieder. Ich kenne viele Athleten, natürlich lange nicht so gut wie damals, als ich selbst noch aktiv war. Aber im Vorfeld nehme ich Kontakt auf mit Trainern und Athleten, um Geschichten zu erfahren.

Sind Sie im Athletendorf gewesen?

BERG: Nein, da komme ich gar nicht rein. Es gibt im Athletendorf eine internationale Zone, da darf ich hin. Aber direkt zu den Sportlern darf keiner. Die sollen ihre Ruhe haben. Und das ist gut so.

Kurz vor Beginn der Paralympics hatte man große Befürchtungen. Es hieß, Rio sei ganz schlecht vorbereitet auf die behinderten Sportler. Wie stellt sich jetzt die Situation vor Ort dar?

BERG: Die Paralympics-Mannschaft hatte schon guten Kontakt zur Olympia-Mannschaft, die vorher hier war. Die haben sich vorsorglich schon die Nummern von Handwerkern geben lassen, die schon für das deutsche Olympia-Team unterwegs waren. Aber als alle hier angekommen sind, haben sie gemerkt: Es ist supergut vorbereitet. Die Unterkunft ist gut. Da tropft mal ein Wasserhahn oder ein Abfluss geht nicht. Die Aufzüge funktionieren, der Transport funktioniert wunderbar. Viele hatten es bezweifelt, aber die Brasilianer haben das toll hingebracht.

Wie begegnen die Brasilianer überhaupt behinderten Menschen?

BERG: Brasilien ist eben ein Land, das so auf der Kippe steht. In Teilen ist es noch Entwicklungsland, in anderen Teilen ist es schon deutlich fortschrittlicher. Von den 15 Millionen Einwohnern in Rio hat eine sehr große Menge kaum Zugang zu Bildung, zu klarem Wasser, zu vernünftigem Essen. Behinderung bedeutet hier deshalb meistens, in Armut zu leben. Der gewaltige Zuschauer- und Medienzuspruch vor Ort könnte aber dazu beitragen, dies zu ändern.

Die Wettkämpfe sind sehr gut besucht, teilweise besser als zuvor bei Olympia. Wie erklären Sie sich dieses Interesse?

BERG: Die Ticketpreise wurden deutlich reduziert. Und es gibt – anders als bei Olympia – die Möglichkeit, mit einem Zehn-Real-Ticket, das sind so 2,80 Euro, den Olympic Parc zu besuchen. Da kann man rein, ohne dass man in die Hallen muss. Allein da ist so viel an Musik, Kultur und Show geboten – einfach toll. Das zieht sehr viele Menschen an.

Können Sie Zahlen nennen?

BERG: Wir hatten am zweiten Wochenende weit über 300 000 Besucher. So viele gab es bei Olympia an keinem einzigen Wochenende auf diesem Platz. Die Hallen sind gerammelt voll. Das Leichtathletikstadion, in das 70 000 reinpassen, ist das einzige, in dem nur 40 000 sind. Aber das ist die Ausnahme. In den Wettkampfstätten herrscht eine Bombenstimmung. Übrigens sind sehr viele Familien unterwegs. Viele mit Kindern, auch mit behinderten. Sie haben die einzigartige Möglichkeit, auch direkt mit Sportlern mit Behinderung zusammenzukommen.

Wie bewerten Sie das Abschneiden der deutschen Sportler?

BERG: In den allermeisten Fällen sehr gut. Es gibt ja zwei Maßstäbe. Wo es um persönliche Bestleistungen geht, sind wir sehr gut unterwegs. Der zweite Maßstab ist der Medaillenspiegel. Beispiel Schwimmen. Da gab es zwei Silbermedaillen, obwohl viele Schwimmer in der Mannschaft dabei sind. Aber es sind einige Nationen dabei, die man überhaupt nicht auf dem Plan hatte. Sportler, die kein Mensch kennt und die jetzt plötzlich alle irgendwie Weltrekorde schwimmen. Wenn man dann nach Nationen guckt, die eine funktionierende Dopingkontrolle haben, dann fehlen beispielsweise die Ukraine, Aserbaidschan oder andere. Ich will nicht alle unter Generalverdacht stellen. Aber man denkt da schon zweimal nach.

Was ist bei Ihnen hängen geblieben an Szenen, die Gänsehaut erzeugen?

BERG: Mich beeindruckt unheimlich, wie viele Menschen in diesem Olympic Park sind. Gänsehaut ist für mich immer Goalball. Da stehen sich jeweils drei Spieler gegenüber. Die versuchen, sich auf einer Fläche, die so groß ist wie ein Basketballfeld, den Ball zuzurollen. 8 000 Leute passen in die Halle. Da ist es mucksmäuschenstill, weil die Blinden ja den Ball hören müssen. Die Zuschauer halten so lange still, bis ein Tor fällt. Dann explodiert die gehaltene Spannung aus den Menschen heraus. Da läuft es einem kalt den Rücken runter.

In Ihren Vorträgen und Motivationsseminaren werben Sie für die positive Lebenseinstellung „Mach was draus!“ Was nehmen Sie von den Paralympics für diese Arbeit mit nach Hause?

BERG: Wieder mal die Bestätigung, dass es viel weniger darauf ankommt, wo man im Moment steht, als darauf, wo man hin möchte. 95 Prozent der Athleten haben durch Krankheit oder Unfall irgendeine Behinderung bekommen. Nur fünf Prozent von Geburt. Da wird es ganz klar, dass diese Menschen aus dem tiefsten Tief über den Sport wieder zurück ins Leben gefunden haben. Man sieht: Sport, also etwas, für das man sich begeistert, ist ein unglaublicher Kraftspender. Das gilt natürlich nicht nur für den Sport, sondern auch für alles andere, für das man sich begeistert und engagiert. Einen Kraftspender zu finden, für den man sich einsetzt und der einem Spaß macht, das bringt einen im Leben vorwärts. Das heißt, Abschied nehmen von dem, was nicht mehr geht und sich auf das konzentrieren, was geht, das ist das Rezept dieser Sportler hier. Und zwar völlig unabhängig davon, in welcher Situation der eigene Körper und der eigene Geist sind. Das finde ich großartig.

Matthias Berg kam 1961 mit einer Conterganschädigung zur Welt. Trotz dieser Behinderung machte er etwas aus seinem Leben. Er ist studierter Musiker (Hornist) und Jurist. Von 2003 bis 2015 war er Erster Landesbeamter im Esslinger Landratsamt, bis er wegen eines Augenleidens vorzeitig in Pension ging. Mit 27 Medaillen bei Paralympics und Weltmeisterschaften, sowohl in der Leichtathletik als auch im alpinen Skilauf, ist er einer der erfolgreichsten Behindertensportler der Welt. Er vertritt den Behindertensport in nationalen wie in internationalen Gremien, bis hinauf ins IOC. Seit seiner Pensionierung tritt Berg verstärkt als Referent und Motivationstrainer auf.

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