Zwischen Neckar und Alb

Strom aus der Bananenschale

Abfallwirtschaft Der Kreis will sich am Ausbau der Vergärungsanlage in Leonberg beteiligen. Bevor Biomüll kompostiert wird, kann Energie daraus werden. Von Bernd Köble

Der Biomüll im Kirchheimer Kompostwerk durchläuft auf dem Weg zum verkaufsfertigen Kompost mehrere Stufen, in denen gesiebt und
Der Biomüll im Kirchheimer Kompostwerk durchläuft auf dem Weg zum verkaufsfertigen Kompost mehrere Stufen, in denen gesiebt und gefiltert wird.Foto: Carsten Riedl

Die Behördenchefs beider Landkreise sprechen von einem Fingerzeig in Richtung Zukunft, von einem Projekt, das im Land Vorbildcharakter habe. Mit seiner Zustimmung zur erweiterten Zusammenarbeit mit dem Kreis Böblingen bei der Verwertung von Bioabfällen hat der Kreistag am Donnerstagabend den Weg frei geräumt für eine Art der Energiegewinnung, die für Wissenschaftler bisher viel zu wenig genutzt wird.

Strom aus dem, was in der Biotonne landet, wird im Kreis Böblingen bereits seit 14 Jahren erzeugt. So lange schon ist die Vergärungsanlage in Leonberg unweit der Solitude-Rennstrecke an der Autobahn in Betrieb. 19 solcher Anlagen gibt es inzwischen landesweit. Viel länger, nämlich seit 23 Jahren bereits, arbeiten beide Landkreise bei der Biomüllverwertung eng zusammen. „Eine erfolgreiche Partnerschaft“, die nun ausgeweitet werden soll, wie Esslingens Landrat Heinz Eininger und sein Böblinger Kollege Roland Bernhard unisono betonen.

Bis zu 60 000 Tonnen Biomüll pro Jahr werden in einem der größten Kompostwerke im Land - in Kirchheim - zu natürlichem Dünger verarbeitet, der über den Verkauf wieder in Privatgärten, in der Landwirtschaft oder im Tiefbau Verwendung findet. Grob ein Viertel davon stammt aus dem Kreis Böblingen. Seit die Anlage in Leonberg in Betrieb ist, handelt es sich dabei überwiegend um Vergärungs-Rückstände. Das ist das, was bei der Umwandlung der Abfälle in Biogas am Ende als Feststoff übrig bleit.

Erst verstromen, dann kompostieren - nach Meinung von Umweltforschern der Uni Heidelberg ließen sich in Deutschland auf diese Weise etwa 600 000 Haushalte ein Jahr lang mit Energie versorgen und gleichzeitig pro Tonne Abfälle 194 Kilogramm Kohlendioxid einsparen. Zu dieser Bilanz trägt auch der Kompost bei, der den Einsatz von Kunstdünger in der Landwirtschaft vermindern hilft. Bisher wird bundesweit jedoch nur gut ein Fünftel der Bioabfälle zur Energiegewinnung genutzt. Im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg sind es immerhin 40 Prozent. Ein Wert, der nach dem Willen des Stuttgarter Umweltministeriums in den nächsten Jahren deutlich wachsen soll.

Im Kreis Esslingen will man Teil davon sein. Etwa 20 000 Tonnen organische Abfälle pro Jahr sollen von Kirchheim zur Vergärung nach Leonberg transportiert werden. Dafür müsste die bestehende Anlage dort allerdings vergrößert werden. Bau und Betrieb soll eine „Bioabfallverwertung GmbH Leonberg“ übernehmen, die auch Auswirkungen auf die künftigen Geschäftsanteile beider Partner hat. Bisher war der Landkreis Böblingen mit 20 Prozent an der Kompostwerk Kirchheim GmbH beteiligt. Dieser Anteil wird sich nun auf 35 Prozent erhöhen. Gleichzeitig steigt Esslingen mit 35 Prozent in die neu zu gründende Betreibergesellschaft ein. Der Kreistag in Böblingen hat dem bereits Ende Februar zugestimmt. Mit dem Ja aus Esslingen ist nun der Weg politisch geebnet, um gemeinsam mit dem Regierungspräsidium in Planung und Ausbau der Leonberger Anlage einsteigen zu können.

Zusätzlichen Verkehr zwischen beiden Standorten will man so gut es geht vermeiden. Lkw, die Müll zur Vergärung nach Leonberg karren, sollen für den Rückweg mit Gärresten zur Kompostierung in Kirchheim beladen werden. „Wir wollen möglichst kurze Wege“, sagt Landrat Heinz Eininger. Deshalb soll der Müll aus den westlichen Kreisgemeinden auf den Fildern nicht erst in Kirchheim umgeschlagen werden, sondern direkt nach Leonberg gelangen.

Wird deshalb in Kirchheim künftig weniger kompostiert? „Der Mengenrückgang ist geringfügig“, sagt Manfred Kopp, Geschäftsführer im Esslinger Abfallwirtschaftsbetrieb. Kopp zerstreut auch gleich Hoffnungen, dass sich die Stromgewinnung günstig auf die Höhe der Müllgebühren auswirken könnte. „Unsere Kosten werden dadurch ganz sicher nicht geringer“, sagt er. Immerhin sind die Entsorgungsgebühren im Kreis auch so schon mit die günstigsten im ganzen Land.

Strom für 2 300 Haushalte

Die Vergärungsanlage des Landkreises Böblingen an der Autobahn A 8 in Leonberg ist seit Anfang 2005 in Betrieb und steht auf dem Gelände der ehemaligen Kreismülldeponie, die 1999 geschlossen wurde. Der Teil des Biomülls aus dem Kreis, der nicht zur Kompostierung nach Kirchheim geht, wird dort in einem 25 Meter hohen Fermenter vergoren.

Das Biogas, das dabei entsteht, wird in drei Blockheizkraftwerken in elektrische Energie umgewandelt. Die Anlage erzeugt auf diese Weise bisher 8,2 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr, was dem Bedarf von etwa 2 300 Privathaushalten entspricht. bk

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