Zwischen Neckar und Alb

Tausche Lampe gegen Balsamico

Online-Börse Der „Verschenkmarkt“ des Esslinger Abfallwirtschaftsbetriebs wird immer beliebter. Auf die Plattform können Bürger ihre Habseligkeiten stellen, die zu schade zum Wegwerfen sind. Von Karin Ait Atmane

Viele verschenken Dinge des täglichen Gebrauchs, aber auch Möbel werden angeboten. Foto: pr
Viele verschenken Dinge des täglichen Gebrauchs, aber auch Möbel werden angeboten. Foto: pr

Viele Warentauschtage sind der Coronakrise zum Opfer gefallen. Schade um die schöne Gelegenheit, den Hausstand zu entrümpeln oder aufzustocken. Zumal sich in vielen Haushalten derzeit die aussortierten Dinge stapeln. Digitale Alternativen gibt es zwar schon lange - jetzt ist der Zeitpunkt, sie auszuprobieren. Ein Selbstversuch.

„Verschenkmarkt“ heißt die Plattform des Landkreises, auf der Bürger ihre Habseligkeiten einstellen können. Vorausgesetzt, sie möchten sie - wie beim Warentauschtag - tatsächlich verschenken. Zwar bieten die kos­tenlosen Anzeigen im Web auch die Option „Tauschen“ an, sie hat aber eher Symbolcharakter. „Man kann tauschen, aber gegen relativ geringe Werte“, erklärt Manfred Kopp, der Leiter des Kreis-Abfallwirtschaftsbetriebes. Denn eigentlich gehe es darum, dass funktionierende Dinge nicht weggeworfen, sondern weiterverwendet werden: verschenken statt verschwenden. Manche Anbieter nutzen die Tausch-Option dennoch kreativ und bieten den Cupcake-Automaten gegen Kino-Karten, die Leuchten gegen Bio-Balsamico und Ähnliches.

Das Einstellen von Angeboten ist einfach. Ein Konto braucht man keines anzulegen, man stellt die Anzeige direkt mit einem Passwort online, bis zu fünf Fotos dazu. Das Inserat wird dann geprüft - von wem auch immer - und erscheint im Lauf der kommenden Stunden online. Erlaubt sei, was legal ist, sagt Manfred Kopp.

Wer über den Verschenkmarkt etwas sucht, muss immer wieder reinschauen. Einen Benachrichtigungsalarm wie beispielsweise bei ebay gibt es nicht. Das bedeutet, dass man auch als Anbieter etwas Zeit einplanen muss. Anfragen trudeln oft erst nach Tagen oder sogar Wochen ein. Für Eilige ist das nichts, für eine entspannte Abwicklung schon.

Tatsächlich findet sich im Lauf der Zeit fast alles, wenngleich nicht unbedingt das, was man sucht: vom Blumentopf über Laufschuhe und Computer bis hin zu Möbelstücken. Kindersachen, Kleinmöbel und Elektroteile stünden in der Statistik ziemlich weit oben, berichtet Kopp, der auch selbst schon Sachen über die Verschenkbörse angeboten hat: „Das ging relativ gut weg.“ Unser Selbstversuch verläuft ähnlich: Wir werden gebrauchte Wandlampen ebenso los wie ein Waschbecken mit Armatur und andere Baustoffe. Eine Deckenlampe hätten wir aber noch zu bieten. Laut dem Jahresbericht 2019 der Kundenberatung des Abfallwirtschaftsbetriebs ist der Verschenkmarkt des Kreises Esslingen „einer der meistbesuchten in Deutschland“ - mehr als 160 000 Mal ist er im vergangenen Jahr aufgerufen worden. Die verwendete Software ist zwar der in einigen Nachbarkreisen sehr ähnlich, aber der Kreis Esslingen hat die Funktion darüber hinaus auch in seine Abfall-App integriert, sodass man sie direkt mit dem Handy nutzen kann.

Ein Vergleich mit dem Kleinanzeigenmarkt von ebay zeigt: Letzterer hat eine deutlich größere Reichweite und ist schneller, aber auch anstrengender. Kaum sind die Angebote eingestellt, ploppt eine Anfrage nach der anderen auf - zumindest, wenn man etwas verschenken möchte. Der ungeübte Anbieter kommt da ins Schwitzen: Muss ich jetzt allen antworten und eine gerechte Reihenfolge einhalten? Oder pick ich einfach jemanden raus, der das Ding ohne Umschweife abholen will? Den Rekord brechen die Stahlregale im Keller. Kaum eingestellt, schon klingelt am späteren Samstagabend das Telefon im Minutentakt. Am Sonntagmorgen sind sie weg.

Die 15 Jahre alte Ikea-Kommode, schon damals nicht teuer, wird von jungen Leuten abgeholt, das Kunstledersofa bugsieren drei junge Männer auf halsbrecherische Weise durchs Treppenhaus. Zwischendrin diskutieren sie, das große, schwere Teil auf dem Geländer balancierend, wie sie um die nächste Ecke kommen. Das kos­tet schon beim Zuschauen Nerven. Beim Sideboard mit Glasböden beschränken wir den Kontakt von Anfang an auf nur eine Person, die besonders nett anfragt. Als sie das Möbelstück abholt, stehen wir draußen und reden eine Weile. Ohne Corona würde man jetzt einen Kaffee zusammen trinken.

Zur Tauschbörse gelangen Interessierte unter esslingen.verschenkmarkt.info

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