Zwischen Neckar und Alb

Textiler kämpfen für ihre Rechte

Jubiläum Der Arbeiterverband innerhalb der IG Metall feierte sein 150-jähriges Bestehen mit einem Festakt im Melchior-Areal in Nürtingen. Radikale Umbrüche prägten die Zeit der Gründung. Von Sabrina Kreuzer

Leopold Paydl war Strickermeister bei der Textilfirma Lorch - im Nürtinger Stadtmuseum zeigt er regelmäßig, wie eine Rundstrickm
Leopold Paydl war Strickermeister bei der Textilfirma Lorch - im Nürtinger Stadtmuseum zeigt er regelmäßig, wie eine Rundstrickmaschine funktioniert. Auch Mitglieder der IG Metall Esslingen interessierten sich für die Anfänge der Textilindustrie. Foto: Sabrina Kreuzer

Die Gewerkschaft Textil-Bekleidung war der erste Zusammenschluss von Arbeitnehmern in Baden-Württemberg. Das 150-jährige Bestehen nahm die IG Metall Esslingen zum Anlass, bei einem Festakt zu hinterfragen, warum heute noch solche Organisationen nötig sind. Bekannt als Stadt der Strickwaren war Nürtingen lange von der Textilindustrie geprägt. Ein anschauliches Beispiel ist das Melchior-Areal zwischen dem Neckar und der B 313: Wo sich heute Kunststudenten kreativ austoben, wurden im 19. Jahrhundert Stoffe produziert. In diesen Räumen fand der Festakt statt.

„Die Gewerkschaftsgründung ist ein Beispiel dafür, dass Menschen auch in feudalen Systemen ihre Stärke in der Solidarität sahen“, so der IG-Metall-Bezirksvorsitzende Gerhard Wick. Waren die Arbeiter im 19. Jahrhundert bedroht von der Industrialisierung, prägen radikale Umbrüche die heutige Zeit. Der Klimawandel und der Übergang ins digitale Zeitalter erzwingen laut Wick eine andere Art des Wirtschaftens und Lebens. „Die Beschäftigten brauchen Sicherheit. Das ist unsere Verpflichtung aus der Geschichte.“

Peter Donath, Vorstandssekretär für Tarifpolitik in der ehemaligen Gewerkschaft Textil-Bekleidung, seit 1998 Teil der IG Metall, verwies auf Missstände, die an die Vergangenheit erinnern: „In Indien fehlt es an einfachsten Arbeitssicherungen. Frauen werden geschlagen, sexuell bedrängt und sie arbeiten rund 16 Stunden am Tag.“ Vergleichbar sei dies mit den Bedingungen für Textilarbeiter vor der Zeit der Gewerkschaft: Ihr Alltag wurde durch Zwölfstundentage bestimmt. Feierabend oder Wochenende waren für sie Fremdwörter. Diese Bedingungen führten 1891 in der heute thüringischen Stadt Pößneck dazu, dass Forderungen an die Arbeitgeber gestellt wurden wie das Verbot von Kinderarbeit, gleicher Lohn für Frauen und Männer sowie ein Achtstundentag. Die Arbeitgeber argumentierten mit der Konkurrenzfähigkeit: Würden sie den Bedingungen zustimmen, seien Produktionen in anderen Bundesländern und im Ausland günstiger. Davon ließen sich die Textiler nicht abschrecken. Sie organisierten sich gewerkschaftlich. Sie hatten das Prinzip begriffen, dass die Schwäche der Einzelnen sich in Stärke verwandelt, wenn man zusammen handelt“, so Donath.

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