Zwischen Neckar und Alb

Tief ins Atelier geblickt

Kunstnacht Im Kulturpark Dettinger in Plochingen begegnen sich Kunst und Vereinsleben, Industriegeschichte und Natur. Künstler gewähren Einblick in ihre Ateliers. Von Karin Ait Atmane

Die Künstler im Dettinger Park gewährten Einblicke in ihre Arbeitsräume und ihre Gedankenwelt.Foto: Karin Ait Atmane
Die Künstler im Dettinger Park gewährten Einblicke in ihre Arbeitsräume und ihre Gedankenwelt.Foto: Karin Ait Atmane

Die Stadt Plochingen und der Landkreis Esslingen haben mit dem Kulturpark Dettinger einen besonderen Ort geschaffen, den auch viele Bürger lieben. Bei der zweiten „Langen Kunstnacht“ war der Zustrom wieder groß; zahlreiche Gäste genossen die Atmosphäre ebenso wie die Einblicke in die Ateliers.

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Zehn Künstlerinnen und Künstler arbeiten auf dem Areal der ehemaligen Mühlsteinfabrik: vier Stipendiaten des Landkreises und sechs feste Mieter. Sie alle präsentierten in der Kunstnacht eine ihrer Arbeiten in der gemeinsamen Ausstellung „ARTenvielfalt“. Das war eine Premiere, noch nie haben alle Kreativen des Kulturparks gemeinsam ausgestellt.

Auf einer Fahrradinstallation von Stipendiatin Ines Skirde konnten die Besucher, wenn sie in die Pedale traten, über Kopfhörer einen Monolog über Arbeit, Kunst und Gesellschaft hören und eine Leuchtschrift flackern lassen. In einer anderen Ecke fand sich eine Bild-Ton-Installation von Valentin Leuschel, mitten im Raum der Gipsabguss eines Ofenrohrs mit Kohlestäben, mit dem sich Elsa Farbos mit dem Thema Abgase auseinandersetzt. Und dazwischen farbenfrohe Sängerinnen-Porträts von Werner Fohrer, ein rostiges Drahtgebilde von Manuela Tirler, ein Leuchtobjekt von Verena Könekamp oder mit einer Schraubzwinge zusammengespannte Granitplatten von Shinroku Shimokawa.

„Jedem seine Ecke, jedes wirkt für sich“, stellte Anu Paflitschek von der Initiative Ma(h)lwerk fest, die die Ausstellung kuratiert und durch die Werke zweier Gäste ergänzt hatte: auch der kubanische Künstler Altazzo und Mahlwerk-Mitglied Siri Paflitschek waren vertreten.

Draußen im Freien saß man vor Backsteinmauern, alten Fabrikfenstern und Rosenbüschen, im Hintergrund die ehrwürdigen Bäume des Parks, der früher einmal Privatgarten der Fabrikantenfamilie war.

Bürgermeister Frank Buß wie auch Landrat Heinz Eininger sprachen stolz von dem besonderen Ort, den man hier geschaffen habe - gemeinsam, wie beide betonten. Die Stadt erwarb 1990 das Gelände und begann, peu à peu zu sanieren. Der Landkreis baute mit den vier Ateliers, die er jungen Kunstschaffenden für drei Jahre zur Verfügung stellt, einen wichtigen Pfeiler seiner Kulturförderung auf. Hier hätten die Stipendiaten „Zeit und Raum, um sich und ihren Stil zu entwickeln, sich ein Netzwerk aufzubauen“, sagte Eininger - im Austausch mit den fest ansässigen Künstlern.

Beim Gang durch die Ateliers gewannen die Besucher einen sehr persönlichen Eindruck von den Kreativen. Mal betraten sie ein klar strukturiertes, wohnliches Reich wie bei Ibrahim Kocaoglu, mal einen Dschungel aus Drahtgebilden wie bei Manuela Tirler. Großflächige Straßenszenen zogen bei Werner Fohrer die Blicke an, textile Materialien bei Verena Könekamp. Im einen Atelier stapelten sich Bücher, im anderen stand ein Bett, weil sich die Arbeitszeiten nicht nach der S-Bahn richteten, wie Ines Skirde sagte. Die Künstlerinnen und Künstler beantworteten bereitwillig Fragen, erklärten die Idee hinter den Werken und wurden sogar nach ihrem Frauen-Ideal gefragt. Das passierte Wolfgang Thiel, weil einer Besucherin aufgefallen war, dass seine Frauen-Skulpturen im Plochinger Straßenraum doch sehr breitschultrig und androgyn wirkten. So entwickelten sich lebhafte Gespräche.

Thiel hat neben dem Atelier noch einen Schauraum im ehemaligen Verkaufslager der Firma Dettinger. Dort lagern hinter zarten Stoffvorhängen noch immer Transmissionsriemen, Ölkannen oder Bürsten, daneben seine Skulpturen im Regal. Durch Druck auf verschiedene Knöpfe werden mal die einen, mal die anderen angestrahlt, womit sich „sehr harmonisch zwei Welten begegnen“, wie Kulturamtsleiterin Susanne Martin sagte. Die Besucher genossen das Ambiente und viele saßen lange bei Klängen der „Park-Band“ Us & Them und der Plotown-Bigband.