Zwischen Neckar und Alb

Trollinger leidet unter Sonnenbrand

Rebensaft Hitze und Trockenheit: Der Klimawandel wirkt sich auf den Esslinger Weinbau aus. Künftig setzt man daher auf eine Sortenumstellung. Von Peter Stotz

Für Maximilian Kusterer ist klar: "Sortenumstellung ist die Zukunft."

Der Trollinger schien über lange Zeit ein unverrückbarer Teil schwäbischer Alltagskultur zu sein, als Ausdruck von Lebensart ebenso unverzichtbar wie Linsen mit Spätzle. Doch die Rebsorte ist auf die Verliererstraße eingebogen. Schuld daran ist der Klimawandel, dessen Folgen wie zunehmende Hitze und Trockenheit dem Trollinger zusetzen. Auch in Esslingen ist das spürbar, und obwohl das noch lange nicht das Aus für die Sorte bedeutet, ziehen die Wengerter dennoch erste Konsequenzen.

Die Wengerter Hans und Maximilian Kusterer stapfen mit kritischem Blick entlang der Rebzeilen in einem ihrer Weinberge am Steilhang oberhalb von Mettingen. Dort wächst Trollinger, der klassische Tischwein der Region. Doch der bereitet den Wengertern zunehmend Sorge.

Steigende Temperaturen und teils extreme Hitze sowie immer trockenere Böden setzen die Reben unter starken Stress, und die Folgen sind im Weinberg sichtbar. An so manchem Rebstock hängen verschrumpelte Trauben, schwärzlich eingetrocknet und bis auf die Stiele verdorrt, auch so manches Blatt ist braun und trocken. „Sonnenbrand und Hitzestress - mittelfristig wird der Trollinger bei uns ein ernsthaftes Problem bekommen, denn er kommt mit der Klimaänderung nicht klar“, erklärt Hans Kusterer.

Das Problem liegt darin, dass im Frühsommer ein Teil der Blätter am Rebstock entfernt werden muss, um die Trauben vor der Kirschessigfliege und Fäulnis zu schützen. Dadurch aber setzt man die Trauben einer seit einigen Jahren immer stärker werdenden Sonneneinstrahlung und Hitze aus, denen die Haut der Trollingerbeeren nicht gewachsen ist. Kommen dann noch zu wenige kühle Nächte und fehlende Bodenfeuchtigkeit hinzu, erreicht der Trollinger seine Grenzen.

Esslinger Wengerter sorgn sich aufgrund des Klimawandels um ihre Trauben. Foto: Peter Stotz

Die Kusterers, Jochen Clauß, Vorstandsmitglied der Esslinger Weingärtnergenossenschaft, und Adolf Bayer, Inhaber des gleichnamigen Weinguts in Rüdern, haben während der vergangenen Hitzetage in exponierten Lagen Temperaturen von bis zu 50 Grad gemessen. Zudem berichtet Hans Kusterer von ausgetrockneten Böden bis zu einer Tiefe von zwei Metern. „Da bekommt der Trollinger ein Problem.“

Jochen Clauß vermutet, dass die Hitze- und Trockenheitsschäden beim Trollinger in den Weinbergen der Genossenschaftsmitglieder etwa 15 Prozent betragen dürften. „Vereinzelt und in exponierten Lagen könnten es aber bis zu 80 Prozent werden. Das ist extremer Sonnenbrand, aber noch können wir beim Trollinger insgesamt zufrieden sein“, sagt er. Adolf Bayer sieht zwar für dieses Jahr „noch kein großes Problem“ und erwartet eine gute Ernte, „aber ich war sehr erschrocken, dass beim Trollinger in manchen Lagen sogar schon die Blätter verbrannt sind. Das war noch nie der Fall.“

Mittelfristig erwartet keiner der Esslinger Wengerter das Aus für den Trollinger. „Wir wollen den Trollinger weiterhin bewahren, aber er wird zurückgehen und wir werden ihn künftig wohl nicht mehr in der Steillage und der Terrasse anbauen“, sagt Jochen Clauß. Auch Maximilian Kusterer und Adolf Bayer sehen den Trollinger zwar nach wie vor in Esslingen. „Er wird nicht aussterben, aber er wird sich in die höheren und kühleren Lagen zurückziehen“, sagen sie. Dies entspreche dem Klimawandel und der Verschiebung der Klimazonen, deren Auswirkungen beim Anbau von Weißweinen, besonders beim Riesling, bereits spürbar seien. „Das verschiebt sich zusehends nach Norden und Osten“, berichtet Bayer.

Wasser bereitet Probleme

In der Konsequenz bedeutet das für den Esslinger Weinbau eine deutliche Veränderung. „In der Steillage und im Terrassenanbau werden wir künftig eher Merlot, Blaufränkisch und verschiedene Cabernet-Sorten anbauen, die kommen mit weniger Wasser und auch großer Hitze klar“, sagt Hans Kusterer. Bei der Genossenschaft wird zudem seit einigen Jahren mit Erfolg Syrah angebaut, und auch Bayer sieht künftig in der Steillage Cabernets „und andere Sorten, an die früher nicht zu denken war“ reifen.

Bleibt das Problem mit dem Wasser. „Der Grundwasserspiegel sinkt seit Jahren, wir sehen das an den Brunnen“, sagt Bayer. Doch die Tropfenbewässerung, die nun auch im Esslinger Weinbau öfter eingesetzt wird, sieht er kritisch. „Reben sind nun mal Tiefwurzler. Wenn sie ständig oberflächlich Wasser bekommen, wachsen die Wurzeln nicht mehr nach unten. Das spürt man dann an der Qualität“, sagt er. Für Kusterer ist das Fazit jedenfalls klar: „Sortenumstellung ist die Zukunft.“

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