Zwischen Neckar und Alb

„Unpünktlich und unzuverlässig“

Der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel kritisiert die Bahn

Die Bahn – ein Verkehrsmittel, das immer wieder für Ärger sorgt. Dieses Problem ist dem Bundestagsabgeordnete ­Matthias Gastel von Bündnis 90/Grüne nicht unbekannt.

Kreis Esslingen. Bei der vergangenen Bundestagswahl hatte er als Neuling den Sprung ins Berliner Parlament geschafft: „Die Zeit ist unheimlich schnell vergangen. Aber ich habe gut Fuß gefasst und beackere meine Themen.“ Verkehr und digitale Infrastruktur – das sind die Kernbereiche, mit denen er sich befasst. Er leitet die Arbeitsgruppe der Fraktion dazu und koordiniert intern die Themen. 12 bis 15 Leute kommen da zusammen, fünf davon sind Abgeordnete, der Rest Mitarbeiter und Berater. Unter Gastels Federführung werden hier die grünen Positionen erarbeitet.

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Da geht es zwar auch, aber nicht nur, um Bahnpolitik: Schienenlärm, Fernbusse, Carsharing sowie Fuß- und Radverkehr werden da aufgerufen. Eine große Rolle spielt auch die barrierefreie Mobilität. Grundfrage hier: „Wie können öffentliche Räume so umgestaltet werden, dass Teilhabe möglich ist?“ Da geht es nicht nur um Bahnhöfe und Haltestellen, sondern auch um die Wege dorthin.

Aktuell sitzt Gastel auch über einem Positionspapier zur Zukunft der Bahn. „Wie muss eine gute Bahn gestaltet werden, dass sie mehr Menschen und mehr Güter sicher und zuverlässig befördern kann?“, lautet hier die Frage. Da redet er viel mit Nutzern und anderen Experten: „Vor allem höre ich viel zu.“ Vergleichbares tüftelt er auch zum Radverkehr aus.

Das größte Manko der Bahn sieht Gastel in der Unpünktlichkeit und der Unzuverlässigkeit – und dass es am Bahnhof keine Informationen über eventuelle Alternativen gibt, wenn ein Zug verspätet ist oder gleich ganz ausfällt. Dabei hat die Bahn sehr viel Geld zur Verbesserung der Infrastruktur zur Verfügung. Es wird auch viel gebaut, aber viel zu oft viel zu unkoordiniert: „Am Baustellenmanagement mangelt es massiv“, so Gastel. Die Bahn muss seiner Ansicht nach auch stärker serviceorientiert werden. Zur Wahrheit gehöre, dass sie kein billiges Verkehrsmittel ist: „Aber man kann bei guter Organisation Dinge bieten, die den Preis rechtfertigen.“ Etwa ein guter, funktionierender Service, gastronomische Angebote und saubere WCs.

Aber woran hapert es, dass gerade das Letztere so oft nicht klappt? „Die Bahn hat einen Fahrzeug-Mangel. Deswegen startet sie morgens mit Zügen, bei denen Mängel sind. Es mangelt an Reparatur und Wartung.“ Die Bahn könne es sich nicht leisten, einen Zug einen Tag stehen zu lassen, um ihn gründlich zu überholen. „Und dann fährt man oft schon mit defekten Klos oder kaputten Türen los.“ Noch heute fehlten Züge, deren Bestellung vom früheren Konzern-Chef Hartmut Mehdorn, der die Bahn auf Biegen und Brechen an die Börse habe bringen wollen, abgeblasen worden sei.

Die Schweiz gebe pro Jahr pro Kopf etwa sieben Mal so viel für ihre Bahn aus wie die Bundesrepublik: „Die Schweizer sind auch stolz drauf, dass ihre Bahn so gut und zuverlässig funktioniert.“ In Deutschland habe sie freilich nicht den nötigen Stellenwert. Bei der Debatte um den neuen Bundesverkehrswegeplan hat Minister Dobrindt zwei Drittel der Bahn-Projekte nicht mal bewertet, frei nach dem Motto „Viele Straßen, wenig Schienen.“

Gastel hingegen ist ein alter Bahn-Hase. All seine Erlebnisse dokumentiert er in seinem Bahn-Tagebuch im Internet unter www.matthias-gastel.de/meine-fahrgast-erlebnisse-mit-der-deutschen-bahn/.

Was Wendlingen anbelangt, so ärgert ihn etwas: Die „Wendlinger Kurve“, über die die Neckartalbahn von Nürtingen aus in die Neubaustrecke zum Flughafen einschwenken soll, ist bisher nur eingleisig geplant, obwohl eine Studie der Bundesregierung zum Deutschland-Takt für zwei Gleise plädiert. Im Bundesverkehrswegeplan fehlt dieses zweite Gleis ebenfalls. Gastel findet es unglaublich, wie sich der Bund so aus seiner Verantwortung stiehlt und offenen Auges auf einen Engpass zusteuere: „Da frage ich mich schon, was die Sonntagsreden über die Bedeutung der Bahn für die alltägliche Praxis bedeuten.“