Zwischen Neckar und Alb

„Veggie Day“ als Glaubensfrage

Kreisweiter Diakoniesonntag in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in der Parksiedlung

Im Landkreis Esslingen präsentierte sich der Kreisdiakonieverband bei der „Woche der Diakonie“ in Ostfildern auf ­eindrückliche Weise.

Ostfildern. Seine Mitarbeiter hatten sich unter den Gottesdienstbesuchern verteilt, nach und nach erhoben sie sich mit ihren großen Tafeln und stellten ihre authentischen „Fälle“ vor. Ein 60-jähriger Witwer kann vor lauter Schulden und Existenzängsten nicht mehr schlafen. Ein 46-jähriger Vater kommt nicht mehr an seinen Sohn heran, der nur noch vor dem PC sitzt. Ein 58-jähriger Bauarbeiter verlor durch eine schwere Verletzung an Hand und Knie seinen Job und findet keinen neuen. Eine 27-jährige Mutter, alleinerziehend und mit ergänzendem ALG II, müsste dringend zur Mutter-Kind-Kur. Eine 45-jährige Ehefrau hat ihrem Mann schon so viele Chancen gegeben, doch sie ist nach zwölf Jahren Ehe hin- und hergerissen. Eine 30-jährige Rumänin ist erst seit drei Monaten in Deutschland und fragt sich, wie sie ihren Berufsabschluss als Krankenpflegerin anerkennen lassen kann und wo ihre Kinder zur Schule gehen. Eine Rentnerin mit 65 Jahren kann sich am Monatsende nicht einmal mehr einen Apfel leisten.

Was haben diese Menschen gemeinsam? Ihnen allen möchte der Kreisdiakonieverband durch fachlich hoch qualifizierte Mitarbeiter helfen – sei es durch Schuldner- und Erziehungsberatung, durch Sozial- und Lebensberatung, Kurberatung, Paarberatung oder Migrationsberatung. Es wird aber nicht nur geredet, sondern auch zu günstigsten Preisen verkauft, an kreisweit sechs Standorten in den Diakonieläden und in der Fildertafel. Möglich wird das alles nur durch öffentliche und kirchliche Gelder – und durch Spenden, um die am Diakoniesonntag gebeten wurde. Auch der Überschuss vom Mittagessen kommt der Diakonie zugute. Gekocht wurde es von Pfarrer Ulrich Enderle und der Männerkochgruppe der Kirchengemeinde. Mit dem Ansetzen der 150 Portionen Gaisburger Marsch hatten sie schon am Freitagabend begonnen. Dazu gab es kamerunisches Hühnchen, die 50 Portionen gingen restlos weg. Das mobile, italienisch-dreirädrige Café des Kreisdiakonieverbands fand auf dem Kirchenvorplatz ebenfalls großen Anklang.

Das Wort „Diakonie“ bedeute übersetzt „Dienst“, sagte Enderle. „Vor Gott sind alle Menschen gleich, aber auf der Erde haben sie verschiedene Aufgaben“, sagte Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands. Er will, dass „alle am großen Kuchen teilhaben“.

Die Predigt hielt der Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg, Oberkirchenrat Dieter Kauffmann. Er warnte davor, sich bei unterschiedlichen Ansichten gegenseitig den Glauben oder in der Gesellschaft den Respekt abzusprechen. Zu den Zeiten des Apostels Paulus sei über den Verzehr von Götzenopferfleisch gestritten worden. „Heute ist der Veggie Day zur Glaubensfrage geworden.“ Es stehe niemand zu, andere Menschen zu richten: „Wir sehen nicht in das Herz eines Menschen, wir sehen nur einen ganz begrenzten Ausschnitt.“ Natürlich werde es eine Bewertung geben, aber nicht von Menschen zu Menschen, sondern von Gott. Heute gelte: „Niemand soll ausgegrenzt werden, unter die Räder kommen oder im Mittelmeer kentern.“

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