Zwischen Neckar und Alb

Viel mehr als Husten, Schnupfen, Heiserkeit

Das Team des Malteser-Hilfsdienstes versorgt täglich rund 80 Asylbewerber auf dem Messegelände

Rund 1 500 Flüchtlinge sind derzeit in Halle 9 der Messe untergebracht. Mitten in der Halle steht ein weißes Zelt des Malteser Hilfsdienstes. Jeden Tag, auch am Wochenende, werden dort aktuell rund 80 Patienten versorgt, überwiegend Kinder.

Damit Arzt und Patient einander verstehen, ist es auch in der Messehalle perfekt, wenn unter den Flüchtlingen welche sind, die d
Damit Arzt und Patient einander verstehen, ist es auch in der Messehalle perfekt, wenn unter den Flüchtlingen welche sind, die deutsch sprechen. Fotos: Peter Dietrich

Kreis Esslingen. Anfang Oktober ging es los, an einem Montagnachmittag kam der Anruf. Ab morgen seien 2 500 Flüchtlinge auf der Messe. Gemeinsam und in aller Eile bauten die Malteser und das Deutsche Rote Kreuz in Halle 1 eine medizinische Versorgung auf. „Wir haben rund um die Uhr fast Unmögliches geleistet“, sagt der Malteser-Einsatzleiter Marc Lippe. Anfangs wurden jeden Tag 300 Patienten versorgt. „Die Menschen kamen frisch von der Fluchtroute“, sagt Lippe. Manche hatten Schmerzen an den Knien, manche waren aus ihrer Heimat keine Schuhe gewohnt. Als Windpocken auftraten, wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion 248 Kinder geimpft.

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„Es war für uns ein Lernprozess“, sagt Jochen Herkommer, der ärztliche Leiter des Einsatzes. „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt.“ Das will etwas heißen, denn er ist schon seit 15 Jahren bei den Maltesern. Seine Frau hält in der gemeinsamen Nürtinger Praxis die Stellung, wenn er auf der Messe ist. Anfangs waren die Flüchtlinge noch nicht registriert, gaben teils bei jeder Untersuchung einen anderen Namen an. Also führten die Malteser ein eigenes Registrierungssystem ein. Jeder Patient bekam ein Kunststoffband mit einem Strichcode um den Arm. So weiß jeder Arzt – etwa 40 verschiedene sind im Zelt im Einsatz – den Verlauf der bisherigen Behandlung. Die Flüchtlinge müssen nicht zur Apotheke, erhalten ihre Medikamente direkt. Ein Dolmetscher erklärt genau, wie sie zu nehmen sind.

Nach etwa zehn Tagen zogen die Flüchtlinge in Halle 9 um, unter den nun 1 500 Bewohnern herrscht ein ständiger Wechsel. Die Malteser, nun alleine im Einsatz, müssen sich ständig umstellen. „Abends kam die Meldung, dass 400 Leute ankommen, direkt von der Balkanroute“, erzählt Lippe. Die dauerhaftesten Bewohner sind nun sechs Wochen hier. Unter ihnen ist eine Frau, die inzwischen in der Filderklinik ein Kind geboren hat. Zum medizinischen Dienst im großen Zelt gehören auch zwei Hebammen.

„Das Ehrenamt kam in Halle 1 an seine Grenzen“, sagt Lippe. In Halle 9 erhält das Personal eine Aufwandsentschädigung. Zu den 40 Ärzten, darunter auch Kinderärzte, kommen rund 50 Helfer. Alle kommen aus dem ärztlichen Notfalldienst. Durch den Einsatz würden die Kliniken entlastet, sagt Herkommer. „Aber wir weisen auch mal ein, wenn es nötig ist.“ Chefärzte der Kliniken waren zu Besuch, die Zusammenarbeit ist laut Lippe sehr gut.

Die Dolmetscher stellen die Flüchtlinge teils selbst. Unter ihnen ist ein syrischer Arzt, der perfekt Deutsch spricht. Er darf in Deutschland zwar nicht als Arzt arbeiten, aber hilft gerne als Übersetzer. Ein anderer syrischer Arzt, der vor zwei Jahren nach Deutschland kam, hat inzwischen seine deutsche Zulassung, ihn haben die Malteser eingestellt. „Der ist fachlich gut“, sagt Lippe, „und er spricht alle arabischen Dialekte.“

Täglich von 14 bis 20 Uhr ist Sprechstunde, es gibt drei Behandlungsplätze. Schwerwiegende Infekte traten zum Glück keine auf, dafür Infektionskrankheiten der Haut. „Krätze hatte ich in meiner eigenen Praxis nur einmal“, sagt Herkommer. Die Bundeswehr half bei den nötigen Maßnahmen: Duschen, Eincremen, neue Kleidung anziehen. Sie half auch, ebenso wie das Gesundheitsamt, bei der Behandlung von Läusen. Herkommer ist überzeugt, dass die Malteser die Verbreitung von Krankheiten verhindert haben. So wurden Durchfallpatienten angewiesen, alle dieselbe Toilette zu benutzen. Warum gehen Flüchtlinge nicht zu niedergelassenen Ärzten? Nicht nur wegen der fehlenden Kapazitäten, sagt Herkommer: „Die Halle muss als Gesamtes betrachtet werden.“ So habe man den Überblick, wenn sich etwa eine Bronchitis verbreite.

Wenn die Unterkunft auf der Messe am 11. Dezember schließt, werden die Malteser nicht arbeitslos. Sie haben für den Landkreis Esslingen die medizinische Versorgung in allen größeren Unterkünften übernommen. „Die Menschen sind alle dankbar“, sagt Herkommer, Lippe bestätigt das nachdrücklich. Und hat eine Bitte: Er könne vor Ort keine Sachspenden annehmen, viel besser sei eine Überweisung aufs Spendenkonto.

Die Malteser in der Flüchtlingsunterkunft in Halle 9 der Messe Stuttgart - Dr. Jochen Herkommer, der ärztliche Leiter des Einsat
Die Malteser in der Flüchtlingsunterkunft in Halle 9 der Messe Stuttgart - Dr. Jochen Herkommer, der ärztliche Leiter des Einsatzes, untersucht einen Jungen aus Syrien
Die Malteser in der Flüchtlingsunterkunft in Halle 9 der Messe Stuttgart
Die Malteser in der Flüchtlingsunterkunft in Halle 9 der Messe Stuttgart