Zwischen Neckar und Alb

Vinzenzifest: Blaupause für Integration

Brauchtum Am Wochenende haben wieder Tausende von Menschen in Wendlingen das traditionelle Fest der Egerländer gefeiert. Von Gaby Kiedaisch und Sylvia Gierlichs

Die Stadt Wendlingen lässt die Egerländer nicht im Regen stehen. Die Schirme dienten am Vinzenzifest-Wochenende auch nur zum Sch
Die Stadt Wendlingen lässt die Egerländer nicht im Regen stehen. Die Schirme dienten am Vinzenzifest-Wochenende auch nur zum Schutz vor der Sonne.Fotos: Ralf Just

Ordentlich was los war am Wochenende in Wendlingen beim 66. Vinzenzifest. Einzig für die Trachtenträger wurde es beim Festzug wegen der Temperaturen schweißtreibend. Am späten Samstagnachmittag hatte Bürgermeister Steffen Weigel das Vinzenzifest unter dem schattigen Platanendach auf dem St.-Leu-la-Forêt-Platz feierlich für eröffnet erklärt. Zur Eröffnung gaben sich Tanz- und Plattlergruppen der Banater Schwaben, der Egerländer Jugend Baden-Württemberg und aus dem Südwestdeutschen Gauverband der Heimat- und Trachtenvereine ein buntes Stelldichein auf der Bühne, musikalisch begleitet von den Lauterbläsern.

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Nach Ansicht von Bürgermeister Weigel soll sich das Fest jedes Jahr ein Stück weiterentwickeln. Diesmal stand die neue Bühne auf dem St.-Leu-la-Forêt-Platz im Fokus als Tanzboden für die Trachtengruppen. Hier soll künftig die alte Tradition des Volkstanzes seine weitere Belebung finden.

Wie schon zuvor Harald Wenig, der Landesvorsteher des Verbands der Egerländer Gmoin, die Patenstadt Wendlingen für ihre gute Zusammenarbeit mit den Egerländern gelobt hatte, griff auch Volker Jobst, der Bundesvorsitzende, das Lob auf und dankte Bürgermeister Weigel für dessen „hervorragendes Engagement“. Ein besonderer Dank ging an die Wendlinger Bürger, die dem Fest all die Jahre die Treue gehalten hätten, und an die Familie Rödl für ihren Einsatz über Generationen hinweg.

So wie das Alte, das Brauchtum, seinen Platz beim Vinzenzifest hat, so hatten am Abend moderne Rock- und Popklänge die Besucher auf dem übervollen Marktplatz zum Tanzen von den Bänken gerissen. Von dieser Stimmung, diesem Gefühl war auch am Sonntagmorgen beim Empfang der Stadt noch einiges zu spüren.

Traditionell wird zu diesem Anlass die Vinzenzirede von einem Politiker gehalten. Gestern sprach Friedlinde Gurr-Hirsch zum Thema „Baden-Württemberg: Heimat durch Ehrenamt“. Die parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz weiß, wovon sie spricht, ist sie doch nicht nur Politikerin, sondern seit 2001 auch Vorsitzende des Blasmusikkreisverbands Heilbronn.

Mit diesem Hinweis hatte sie sich schon einiges an Vorschusslorbeeren eingeheimst. Als sie dann auch noch die Anwesenden mit „Liebe Housn-Oatoutara“ ansprach, waren sämtliche Vorbehalte, wenn sie überhaupt da gewesen sein sollten, vollends ausgeräumt. Der Housn-Oatoutara ist übrigens der Gürtelknopf, den die Egerländer anstelle einer Gürtelschnalle an ihrer Trachtenhose tragen.

Friedlinde Gurr-Hirsch ging auf die Bedeutung des Vinzenzifests ein, „das zu Baden-Württemberg gehört und ein Stück Baden-Württemberg ist“. Die Bedeutung des Erntedankfests sei vor allem der „verbindende Charakter“, über Ländergrenzen hinweg. Neben dem Dank für eine reiche Ernte gelte es auch, Dank zu sagen für die geistige Ernte in Europa, die sich in einem lang anhaltenden Frieden niedergeschlagen habe.

Das von den Egerländern nach der Vertreibung nach Wendlingen mitgebrachte Fest sei von der hiesigen Bevölkerung angenommen worden. „Ein Vorbild für Integration“, würdigte Gurr-Hirsch dieses Verhalten. Das Vinzenzifest sei die „wachgehaltene Erinnerung für die Vertriebenen“. Die „Geschichte des Ankommens und der Hoffnung“ sei damals nicht anders gewesen als heute. Gurr-Hirsch ist deshalb froh, dass Tausende von Freiwilligen einen Beitrag in der gegenwärtigen Situation der Flüchtlinge leisten.

Stimmungsvoll umrahmt hatte die Egerländer Familienmusik Hess den Empfang, den sie nach reichlich Beifall mit einer Zugabe beschloss.

Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch hielt die Vinzenzirede.
Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch hielt die Vinzenzirede.