Zwischen Neckar und Alb

Vom Träumen und vom Glauben

Ausstellung Bis zum 25. Februar werden in der Nürtinger Kreuzkirche über 150 Werke von Marc Chagall und Ernst Fuchs gezeigt. Organisatoren rechnen mit fünfstelliger Besucherzahl. Von Andreas Warausch

Marc Chagalls Engel in der Nürtinger Kreuzkirche.Fotos: Daniel Jüptner
Marc Chagalls Engel in der Nürtinger Kreuzkirche.Fotos: Daniel Jüptner

Thematisch passen beide Künstler wundervoll zusammen. Und so ist es eine durchaus stilvolle Komposition, die die Werke von Marc Chagall und Ernst Fuchs in der Nürtinger Kreuzkirche ergeben. Am Wochenende wurde die Schau mit dem stimmigen Titel „Auf den Spuren der Träume und des Glaubens“ eröffnet.

Bis zum 25. Februar zeigt die Stadt Nürtingen in Kooperation mit der Reuderner Galeristin Brigitte Kuder-Bross insgesamt über 150 Werke der beiden Künstler. Kunst in der Kirche ist in der Hölderlinstadt ein Markenzeichen geworden. Die Kreuzkirche erfreut sich unter Musikern und ihren Hörern bei verschiedensten Anlässen großer Beliebtheit. Doch auch auf dem Sektor der bildenden Kunst hat sich Nürtingens zentraler Kulturtempel zu einer der besten Adressen entwickelt.

Nicht gerade unerheblichen Anteil an dieser stetigen Entwicklung haben die Ausstellungen, die Brigitte Kuder-Bross von der Galerie „Die Treppe“ mit dem Amt für Stadtmarketing, Wirtschaft und Tourismus auf die Beine stellt. So macht es Oberbürgermeister Otmar Heirich immer wieder sicht- und spürbar Spaß, der Öffentlichkeit diese Ausstellungen schmackhaft zu machen.

So auch am Freitag, als im Vorfeld der abendlichen, offiziellen Eröffnung die Presse in die Schau geladen war. Die Farben der Kunst haben nur selten etwas mit nackten Statistiken zu tun, dennoch lässt sich mit ihnen ein Trend einfach belegen. Alle der zurückliegenden Schauen waren gut besucht. Zu den zehn Ausstellungen seit 2007 kamen insgesamt rund 114 000 Gäste.

Vielleicht, so das Stadtoberhaupt, ist einer der wichtigsten Bausteine im Erfolgshaus der winterlichen Ausstellungen ja das Konzept der Doppelausstellung. „So können eben verschiedene Interessen unter einen Hut gebracht werden.“ Im letzten Jahr Lindenberg und Janosch, jetzt Chagall und Fuchs: Der Trumpf des Doppel-Konzepts wird also wieder ausgespielt, und so hofft Heirich wieder auf fünfstellige Besucherzahlen. Bei einer gerade einmal sechs Wochen umfassenden Ausstellungsdauer eine sicherlich ansehnliche Zahl, meint er.

235 Führungen durch die Ausstellung wird es geben, viele sind schon ausgebucht. Bärbel Igel-Goll vom Stadtmarketing-Amt: „134 davon werden für Kindergarten-Gruppen und Schulklassen angeboten.“ Die letzten Zahlen belegen denn auch, dass das Credo der Organisatoren, Kunst für Jung und Alt im Herzen der Stadt erlebbar zu machen, unbedingt mit Leben erfüllt wird. „Das macht Lust auf die Kunst“, sagt der OB begeistert und verweist auf die Malwettbewerbe der Kinder, deren Ergebnisse sich sogar auf Sonderstempeln und Marken der Nürtinger Briefmarkenfreunde verewigt finden.

Diesmal werden mit dem Franzosen Marc Chagall (1887 bis 1985) und dem Österreicher Ernst Fuchs (1930 bis 2015) zwei auf den ersten Blick unterschiedliche Künstler präsentiert. „Auf den zweiten Blick jedoch gibt es Parallelen“, sagt Heirich, und die Einschätzung des Stadtoberhaupts bestätigt Brigitte Kuder-Bross bei einem Rundgang durch die Ausstellung. Chagall und Fuchs in einer großen Schau unter einem Dach, diese Konstellation habe es in Baden-Württemberg noch nie gegeben, sagt die Galeristin.

So offenbaren sie gemeinsamen Reiz: Beide Künstler setzen sich nicht nur mit Träumen auseinander, sondern auch mit dem Glauben. Beide waren jüdischer Abstammung. Während Fuchs mit zwölf Jahren römisch-katholisch getauft wurde, um der Verfolgung zu entgehen, floh Chagall beinahe zeitgleich nach Amerika. Das Reflektieren des Glaubens war ihnen so Lebensaufgabe.

In Nürtingen, wo Chagall schon 2010 eine Ausstellung alleine gewidmet war, sind 110 seiner Werke zu sehen. 40 bis 45 Fuchs-Werke kommen hinzu. Es sind Lithografien, Radierungen vor allem. Und einige Unikate. Wobei auch die grafischen Vervielfertigungen oft Unikats-Charakter haben, da Chagall etwa an jeder selbst arbeitete und Fuchs oft Farben tauschte.

Im Kirchenraum und auf der Empore ist Chagall zu sehen. Es sind Werke voller Fantasie. Biblische Motive, Motive aus der griechischen Mythologie. In der Mitte des Chorraums thront „Der Engel“ des Malers, der sich kaum einer Kunstrichtung zuordnen lässt. Die vier Bilder, die Vorlage von Kirchenfenstern in Jerusalem wurden, sind ebenso zu sehen. Zu sehen sind Bilder voller Details, die dem Betrachter immer wieder neue Optionen der Entdeckung und der Interpretation bieten. Das war vom Künstler so gewollt. Seine Werke hat er nie erklärt, sagt Kuder-Bross. Er stellte dem Betrachter Aufgaben, gewährte Freiraum.

Im Dachgeschoss Ernst Fuchs. Bilder voll leuchtender Farben mit gegenständlichen Motiven. Kein Wunder, Fuchs kam aus der Landschaftsmalerei. Es finden sich auch viele Motive aus der Architektur. Das verband ihn mit Hundertwasser. Sein eigentlicher Mentor aber und sein Vorbild war Dalí. So habe er von sich selbst gesagt, er sei Surrealist gewesen, bevor er gewusst habe, dass es Surrealismus überhaupt gibt. Detailreich und schillernd sind Fuchs’ Werke - wie das Leben des Mannes mit der charakteristischen Kappe selbst, der 16 Kinder mit sieben Frauen hatte. In Paris übrigens sind sich Chagall und Fuchs tatsächlich begegnet. Freunde wurden sie allerdings nicht. Nun aber hängen ihre Werke gemeinsam in Nürtingen - sehr zur Freude der Besucher.

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