Zwischen Neckar und Alb

Vom Versagen der Chefetage

Wirtschaft Jörg ­Menno Harms von Hewlett Packard kritisiert in ­Nürtingen die Trägheit von Führungskräften.

Jörg Menno HarmsFoto: Jürgen Holzwarth
Jörg Menno Harms. Foto: Jürgen Holzwarth

Nürtingen. Wie sieht gute Führung aus? Mit dieser Frage hat sich Professor Jörg Menno Harms, Aufsichtsratsvorsitzender von Hewlett Packard Deutschland, in seiner Rede beim Neujahrsempfang der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen beschäftigt. „Eine traurige Wirklichkeit“, „Tragik“, „erschreckend“ - es waren recht deutliche Worte, die der Hauptredner am Montagabend in der Stadthalle K3N fand. Er war selbst lange Zeit Geschäftsführer bei Hewlett Packard und ist Mitgründer der Initiative Zukunftsfähige Führung. Gleich zu Beginn stellte er klar, dass er „keine Jubelrede auf das Management“ halten wird.

Harms kritisierte, dass sich die Arbeitsumgebung und damit die Ansprüche an Führungskräfte zwar verändern, die Umsetzung aber nicht gut funktioniert. Er warnte, dass so manches Unternehmen zugrunde gehen wird, weil spontanen Änderungen von Technologien zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird: „Führung muss rechtzeitig Erneuerung einführen, falls nötig auch gegen Widerstand.“

Führungskultur auf verlorenem Posten

Ohne eine vernünftige Führungskultur werde man die He­rausforderungen einer vernetzten digitalen Arbeitswelt nicht meistern können. „Globalisierung und Digitalisierung haben zu einem deutlichen Vertrauensverlust in der Gesellschaft geführt“, sagt Harms. Die Führungskultur sieht Harms „auf verlorenem Posten“. Führenden fehle die Zeit zur Reflexion und zur möglichen Veränderung. „Vielleicht fehlt es auch an persönlicher Haltung oder Erfahrung.“ Zum Vertrauensverlust hätten aber auch zahlreiche Beispiele „ethischen Führungsversagens geführt“, wie der 78-Jährige sagte. Beispiele? Der Fall Uli Hoeneß und der Dieselskandal: „Vorbilder handeln anders.“

Doch was macht eine gute Führungskraft aus? Das entsprechende Wissen werde durchaus an den Hochschulen und Business Schools gelehrt. „Aber dieses Wissen wird im Führungsalltag nur zögerlich oder gar nicht umgesetzt.“ Jahrelange Erfahrung sei zwar wichtig, man könne sich aber nicht mehr allein auf sie verlassen. „Wer in neuen Situationen altes Führungsverhalten zeigt, wird seiner Führungsaufgabe nicht gerecht.“ Außerdem wird es nötig sein, Steuerung zunehmend an Mitarbeiter, Gruppen und Teams abzugeben: „Unsere Arbeitswelt ist komplexer und durch die vernetzte Digitalisierung schneller geworden. Zentrale Steuerung durch wenige wird schwierig.“ Matthäus Klemke

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