Zwischen Neckar und Alb

Von denen, die im Trüben fischen

Berufe Polizeitaucher haben einen anstrengenden Job, der sie manchmal auch psychisch an ihre Grenzen bringt. Zwei Profis erzählen von ihrem Alltag und warum sie die Arbeit begeistert. Von Daniela Haußmann

Auch im Neckar zwischen Esslingen und Plochingen kommen immer wieder Polizeitaucher zum Einsatz.Foto: Daniela Haußmann
Auch im Neckar zwischen Esslingen und Plochingen kommen immer wieder Polizeitaucher zum Einsatz. Foto: Daniela Haußmann

Die Suche im trüben Wasser gehört zum Alltag der beiden Polizeitaucher, die die Wasserschutzpolizeistation (WSP) Stuttgart in ihren Reihen zählt. André May und Markus Kremmin tauchen auch zwischen Esslingen und Plochingen immer wieder im Neckar ab. Beispielsweise um nach Beweistücken zu suchen, die in Strafverfahren relevant sind. Ob Einbruchswerkzeuge, Schusswaffen, gestohlene Motorräder, Autos oder Tresore - die Bandbreite der Fundstücke, auf welche die Polizisten am Grund des Flusses stoßen, ist groß.

Manchmal kommen die Taucher bei ihren Funden auch seelisch an die Grenzen. „Auch Leichen holen wir aus dem Neckar“, erzählt Kremmin. „2014 ist zum Beispiel bei Deizisau ein Toter entdeckt worden.“ 2007 hatten junge Männer einen 19-Jährigen aus dem Rems-Murr-Kreis zerstückelt. Einzelne Körperteile tauchten damals bei Plochingen im Fluss auf.

Ganz spurlos gehen die Leichenfunde an keinem der Polizeitaucher vorbei, besonders wenn es sich um Kinder handelt. Reichen Gespräche mit den Kollegen zur mentalen Bewältigung des Erlebten nicht aus, besteht, laut Stephan Notheis, „für alle Polizisten die Möglichkeit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“. Der Leiter der WSP-Station betont, dass psychische Belastbarkeit bei Einsatztauchern eine Grundvoraussetzung ist.

Die Sicht im Neckar beträgt in der Regel weniger als einen halben Meter. Auf der Suche nach Vermissten tasten sich die Taucher daher durch alles Mögliche. Hier ein Autoreifen, da ein Ast, dort irgendetwas Hartes. „Trifft man auf etwas Weiches, kann es die Leiche sein“, erzählt Markus Kremmin.

Der Hauptkommissar räumt ein, dass die Situation deshalb insgesamt belastend sein kann - zumal man unter Wasser trotz Sprechverbindung zur Oberfläche stets allein unterwegs ist. „Jeder, der Polizeitaucher werden will, wird darauf im Lehrgang vorbereitet“, versichert André May. „Wer nicht geeignet ist, scheidet deshalb relativ schnell aus.“

Die Froschmänner suchen am Grund von Flüssen und Seen aber nicht nur nach Beweisstücken, Diebesgut oder Tatwaffen. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem auch die Spurensicherung unter Wasser oder das Absuchen von Gewässern für die Gefahrenvorsorge, beispielsweise nach Schiffsunfällen. Sie überprüfen Schleusen und Wasserfahrzeuge oder suchen den Ursprung umweltgefährdender Flüssigkeiten, die auf der Wasseroberfläche erkennbar sind.

Ob Sommer oder Winter, Tag oder Nacht, wann immer es notwendig ist, rücken André May und Markus Kremmin landesweit zum Einsatz aus. „Je nachdem, wie groß das Gebiet ist, das abgesucht wird, werden Taucher aus ganz Baden-Württemberg angefordert“, erklärt Stephan Notheis. „Deshalb kann der Fall eintreten, dass unsere Leute zum Beispiel im Bodensee oder im Rhein nach Vermissten suchen.“

Oft kommen bei den Tauchgängen Metallsuchgeräte oder ein Sonar zum Einsatz. Doch trotz moderner Technik und ausgefeilter Suchmethoden richtet sich die Erfolgsquote in erster Linie nach menschlichen Quellen - nach der Glaubwürdigkeit und der Genauigkeit der Aussagen von Zeugen oder Tätern. Wieder und wieder ziehen die Polizisten Diebesgut aus dem Neckar, nach dem sie gar nicht gesucht haben.

„Häufig stoßen wir auf leer geräumte Zigarettenautomaten“, erzählt Markus Kremmin. „Zu solchen Zufallsfunden gehören manchmal auch Sprengkörper aus dem Zweiten Weltkrieg.“ Das explosive Kriegsgerät bergen die Beamten in Zusammenarbeit mit dem Kampfmittelräumdienst des Regierungspräsidiums Stuttgart. Diese Einsätze sind übrigens freiwillig. „Dazu kann niemand verpflichtet werden“, betont Stephan Notheis.

André May jedenfalls hat seine Entscheidung, sich zum Einsatztaucher ausbilden zu lassen, nie bereut. Schließlich will er helfen, Verbrechen aufzuklären. Auf seinen kuriosesten Fall stieß er allerdings bei einer gewöhnlichen Schiffskontrolle. Im Maschinenraum eines Frachters trafen die Ordnungshüter auf eine Cannabisplantage. „Eine Zufallsentdeckung hinter einem Duschvorhang. Denn der typische Duft der Pflanze wurde vom Geruch des Maschinenöls überdeckt“, erinnert sich André May, der bei der WSP einen Arbeitsplatz gefunden hat, der wirklich jede Menge Abwechslung bietet.

So wird man Polizeitaucher

Jeder Interessierte, der die Ausbildung zum Polizeibeamten durchlaufen hat, kann sich freiwillig zum Polizeitaucher ausbilden lassen. Kandidaten werden einem Belastungs-EKG unterzogen, müssen körperlich fit sein und das Rettungsschwimmerabzeichen in Silber mitbringen. Die anschließende Fortbildung dauert etwa zwölf Monate. Sie vermittelt unter anderem Kenntnisse in den Bereichen Notfallmanagement, Gerätetechnik, Schall- und Wärmeleitung unter Wasser. Auch verschiedene Sucherverfahren werden eingeübt. Die Teilnehmer werden schrittweise an die Aufgaben herangeführt und müssen Tauchgänge absolvieren, bei denen sie handwerkliche Tätigkeiten, wie Berge- und Hebearbeiten, ausführen müssen. dh

Anzeige