Zwischen Neckar und Alb

Waffe sollte nur Respekt einflößen

Gericht Der Angeklagte im Prozess um den Doppelmord von Reudern bestreitet eine Tötungsabsicht.

Ein heute 53 Jahre alter Mann soll im Juli 2017 seine Frau und den Lebensgefährten seiner Tochter in Reudern erschossen haben. N
Ein heute 53 Jahre alter Mann soll im Juli 2017 seine Frau und den Lebensgefährten seiner Tochter in Reudern erschossen haben. Im Prozess hat er jetzt jede Tötungsabschicht bestritten.

Stuttgart. Am sechsten Verhandlungstag im Reuderner Mordprozess stellte der Verteidiger des Angeklagten erneut zahlreiche Beweisanträge. Der Anwalt hatte am vergangenen Sitzungstag angekündigt, dass er den psychiatrischen Gutachter Dr. Peter Winckler wegen Befangenheit ablehnen wolle, was er am Dienstag auch tat. Es folgten weitere fünf Anträge, weshalb die Kammer das Verfahren für insgesamt drei Stunden zur Beratung unterbrach.

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Außerdem brach der Angeklagte sein Schweigen und verlas eine von seinem Anwalt verfasste Stellungnahme. Er wollte nur, dass seine Frau zu ihm zurückkomme, so der Angeklagte. An den Streit auf der Terrasse des Hauses seiner Tochter könne er sich kaum noch erinnern - nur dass ihm von seiner Frau das T-Shirt zerrissen wurde.

Die Tatwaffe habe er im Handschuhfach des Autos gehabt. Die Pistole sei nicht gesichert gewesen, wie er auf Nachfrage des Gerichts einräumte. In der vom Anwalt verfassten Einlassung stand, dass sich die Sicherung beim Einstecken in die Hosentasche versehentlich löste.

Auf Nachfragen des Gerichts, wie die Waffe denn ins Handschuhfach gekommen sei, schilderte der Angeklagte einen Weg über seinen Rucksack ins Gartenhaus und dann ins Handschuhfach - sein Sohn habe die Waffe nicht sehen sollen. Auch als er am Tatort die Pistole aus dem Fach nahm, habe sein Sohn sich gerade mit der Familie unterhalten - angeblich aus dem Autofenster. Auch die Frage, warum die Waffe geladen und entsichert im Handschuhfach lag, konnte der Angeklagte nicht beantworten. „Das war Zufall, sie war halt im Auto.“

Mit der Waffe wollte er sich Respekt verschaffen, vor allem bei seinem Schwiegersohn, der ihm die Rolle als Familienoberhaupt streitig machte. Er habe nicht verstanden, warum mit einem Mal alle gegen ihn waren, so der Angeklagte. Um die Drohung zu unterstreichen, lud er die nicht mehr gesicherte Waffe durch und richtete sie zunächst auf den Schwiegersohn. Dann löste sich ein Schuss. „Ich verlor die Kontrolle und wollte dann nur, dass Ruhe herrscht“, sagte der Angeklagte. Durch diesen Schuss sei er ins Straucheln geraten, und es habe sich unmittelbar der zweite Schuss gelöst.

Das Ziehen der Waffe sei als Ausgleich, als Kompensation seiner schmerzhaften seelischen Lage erfolgt. „Ich wollte Frieden schaffen mit der Waffe“, sagte er. Dadurch habe er seine Familie zerstört. Er habe das völlig falsche Mittel gewählt. „Ich wollte sie dazu zwingen, mir weiter den Respekt als Familienoberhaupt entgegenzubringen“, so der Angeklagte. „Ich habe niemanden töten wollen, ich wollte meine Familie retten.“Philip Sandrock