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Sicherheit Im Plochinger Lkw-Simulator trainieren Einsatzkräfte unter realen Bedingungen den Ernstfall. Vergleichbares gibt es nur in Hamburg oder im Ausland. Von Katja Eisenhardt

Ausbilder Jörg Hartmann in der Fahrerkabine des Lkw-Simulators: Hier können Einsatzkräfte üben. Foto: Katja Eisenhardt
Ausbilder Jörg Hartmann in der Fahrerkabine des Lkw-Simulators: Hier können Einsatzkräfte üben. Foto: Katja Eisenhardt

Die Sirene heult, das Gaspedal wird durchgedrückt. Das massive Feuerwehrauto bahnt sich mit 80 Stundenkilometern seinen Weg zum Einsatzort. Der Puls ist oben, nur keinen Unfall bauen. Dann rumpelt es gewaltig im Fahrerhaus - mit voller Geschwindigkeit ging es über den Bordstein. In der Fahrzeughalle des Plochinger Verkehrsausbildungsbetriebs Hartmann sitzt Inhaber Jörg Hartmann am Steuer von EMIL, einem Lkw-Simulator. EMIL steht für Effizienz, Mobil, Intensiv und Lkw. Später werden an diesem Platz nacheinander sechs Feuerwehrleute aus Ilshofen bei Schwäbisch Hall sitzen.

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In EMIL können besonders Feuerwehren und Rettungsorganisationen wie das DRK oder das Technische Hilfswerk unter realen Bedingungen ihre Einsatzfahrten trainieren. Seit 2015 steht die mobile Übungsanlage bei Verkehr und Ausbildung Hartmann in Plochingen. Den Namen EMIL haben sich Jörg Hartmann und sein Team ausgedacht: „Wir haben nach einem griffigen Namen gesucht. Wenn es heute heißt, ‚EMIL ist da‘, weiß jeder Bescheid“, erklärt der Chef. Der Simulator ist mit seiner hoch entwickelten Technik eine Million Euro wert. Gebaut wurde er von der Firma Krauss-Maffei aus München. In den 1960er-Jahren hat das Unternehmen angefangen, Simulatoren fürs Militär zu bauen, also Anlagen, in denen die Panzer-Fahrten trainiert werden konnten. „Auch für die Deutsche Bahn gibt es entsprechende Simulationsanlagen“, sagt Jörg Hartmann. Vergleichbare Lkw-Simulatoren gibt es derzeit nur noch einmal in Hamburg, in Holland sowie fünfmal in Polen. Entsprechend groß ist der Einsatz-Radius: „Wir sind mittlerweile in ganz Süddeutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs.“ Derzeit hauptsächlich bei Feuerwehren, seit zwei Jahren zusätzlich beim Technischen Hilfswerk. „Außerdem sind wir im Gespräch mit dem DRK“, sagt Jörg Hartmann.

Die Simulationsanlage ist explizit auf die Begebenheiten während der Einsatzfahrten ausgelegt. Jörg Hartmann kennt diese nur zu gut, er ist selbst aktiv bei der Feuerwehr - früher in Esslingen, heute in Plochingen. Durch die Erlebnisse während der Einsatzfahrten, die oft sehr brenzligen Situationen gleichen, kam er auf die Idee, einen Trainingssimulator anzubieten.

Schnell reagieren im Stress

Mit dem Münchner Hersteller Krauss-Maffei wurde das Projekt besprochen und ab 2012 zunächst versuchsweise mit einem Fahrzeug in Holland getestet. „Immer wieder war deren Anlage für ein paar Wochen bei uns. Das war allerdings ein viel zu hoher logistischer und finanzieller Aufwand.“ Seit 2015 gibt es ein eigenes Fahrzeug in Plochingen.

Das EMIL-Training verteilt sich auf einen Theorie- und einen Praxisblock. Die Trainingseinheit im Simulator dauert pro Gruppe à drei Personen 90 Minuten. Jeder bestreitet dabei eine virtuelle Einsatzfahrt, die aufgezeichnet und anschließend analysiert wird. Mehr als 50 verschiedene Strecken zwischen zwei und zehn Minuten Dauer haben Jörg Hartmann und sein Team programmiert. Je nach Wissensstand der Teilnehmer werden unterschiedliche Schwierigkeitsgrade ausgewählt. „Die Umgebung, die Straßen und Häuser sind in dem Programm voreingestellt. Was wir individuell aus eigenen Erfahrungen heraus programmieren können, sind die Gefahrensituationen auf der Fahrt“, erklärt Jörg Hartmann. „Beispielsweise die Licht- und Wetterverhältnisse, wie dicht der Verkehr ist, das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer - sprich: macht ein Autofahrer vor einem plötzlich die Tür auf, kommt ein Fahrradfahrer, rollt ein Ball von spielenden Kindern auf die Straße, oder springt ein Tier vor unser Fahrzeug.“ Alles Dinge, die auf realen Einsatzfahrten geschehen.

In solchen Situationen gilt es, schnell zu reagieren, und das in einer ohnehin stressigen Situation. Zumal ein Feuerwehrfahrzeug mit seinen 16 Tonnen Gewicht, bis zu 360 PS und bei dem Tempo einer Einsatzfahrt nicht so schnell zum Stehen gebracht werden kann. „Die Augen müssen überall sein, damit man schnell reagieren kann.“

Anfangs seien viele der Kameraden skeptisch, was den Nutzen des Simulators angeht. „Sobald sie ihre Fahrt hinter sich haben, sieht das anders aus“, beobachtet Jörg Hartmann. 169 Euro kostet die mehrstündige Schulung pro Person. Eine Investition, die den Einsatzkräften mehr Sicherheit gibt.