Zwischen Neckar und Alb

Wenn ein Flieger auf die Nase fällt

Übung Regelmäßig wird am Stuttgarter Flughafen der Ernstfall simuliert. Hierbei lernt auch das THW Kirchheim, einen notgelandeten Flieger zu bergen. Von Daniela Haußmann

Am Stuttgarter Flughafen üben Helfer den Notfall an einer über 40 Jahre alte Passagiermaschine.Fotos: Daniela Haußmann
Am Stuttgarter Flughafen üben Helfer den Notfall an einer über 40 Jahre alte Passagiermaschine. Foto: Daniela Haußmann

Jedes Jahr packen Sonnenhungrige und Erholungssuchende ihre Koffer, um vom Stuttgarter Flughafen aus in den Urlaub zu starten. Der Flieger zählt nach wie vor zu den sichersten Verkehrsmitteln. Trotzdem kann es während der Start- und Landephase zu Problemen kommen. Abstürze und Notlandungen sind zwar nicht die Regel, trotzdem bewältigen Uwe Decker und seine Kollegen von der Flughafenfeuerwehr Stuttgart derartige Fälle drei- bis viermal im Jahr. Gemessen an den rund 130 000 Starts und Landungen ist das äußerst selten.

Decker erinnert sich an umgekippte Privatflieger, aber auch an abgerissene und defekte Fahrwerke, die zur Havarie großer Maschinen führten. Darauf müssen sich die Sicherheitskräfte vorbereiten. Bundesweit bieten lediglich die Landesflughäfen Stuttgart und Frankfurt solche Flugzeug-Bergeseminare an.

Auf Kissen gebettet

Auf der Südseite des Flugfeldes liegt eine Tupolev 154 sprichwörtlich auf der Nase. Das Bugfahrwerk ist defekt. Jetzt müssen die Trainingsteilnehmer die Übungsmaschine aufrichten und abtransportieren. Mit vereinten Kräften rollen sie ein Lufthebekissen unter dem Heck des stählernen Vogels aus. Eberhard Moser baut das Steuerpult für die Luftzufuhr auf und schließt 14 gelbe Luftschläuche an das Hebekissen an. Das andere Ende verbinden seine Kollegen mit dem Steuerpult. Das ist an einen Kompressor angeschlossen, der das Kissen aufpumpt.

Wolfgang Klügling befestigt unterdessen Rundschlingen am Hauptfahrwerk, das sich unterhalb der Tragflächen befindet. Anschließend bringt er zwischen den Schlingen einen Zugkraftmesser an. „Er misst, mit welcher Kraft der Laster später die Maschine beim Abtransport bremst“, erklärt Decker. Diese Daten werden gespeichert. „Denn wenn die Luftfahrtgesellschaft nachher Schäden am Fahrwerk entdeckt, die unter Umständen auf die Bergung zurückzuführen sind, müssen wir nachweisen, dass die Schuld nicht bei uns liegt“, so der Experte.

Zwischenzeitlich berührt das Luftkissen das Heck der Tupolev in etwa 1,65 Metern Höhe. Am Bug, an dem das defekte Fahrwerk sitzt, hebt bereits ein Kran die Maschine an. Mit einem lauten „Hauruck“ schieben die Feuerwehrleute einen roten Anhänger über das Flugfeld. Auf ihm ist ein Tragetisch montiert, in dem sich Matratzen und Luftkissen befinden. In wenigen Minuten wird auf ihnen der Rumpf des über 70 Tonnen schweren Stahlvogels ruhen.

Kerosin wird umgepumpt

Uwe Decker, der die Bergungssimulation leitet, deutet auf den Tank der über 40 Jahre alten, aber immer noch flugfähigen Tupolev. „In ihm befinden sich mehrere Tausend Liter Kerosin. Die lassen sich zu Übungszwecken umpumpen“, erzählt er. „Durch das Umpumpen in andere Tragkammern kann ein Kippen der Maschine nach hinten vermieden oder eine günstigere Lastverteilung erzielt werden.“

Andreas Rudlof, Leiter der Feuerwehr und Flugzeugbergebeauftragter am Landesairport, schaut aus dem Fenster in seinem Büro. Er blickt auf die Südseite des Flugfeldes, wo der Kran die Tupolev gerade auf den Tisch ablässt. Im Ernstfall ist eine reine Bergung im Idealfall in nur 30 Minuten abgeschlossen. „Am Landesflughafen gibt es nur eine Start- und Landebahn, die muss für andere Flieger schnell wieder nutzbar sein“, erklärt Rudlof. „Daher ist jede Verzögerung der Bergemaßnahmen für den weiteren Betriebsablauf suboptimal.“

Feuerwehrleute aus ganz Europa, Südafrika, Nord- und Südamerika nehmen am Bergeseminar des Stuttgarter Flughafens teil. Auch Mitglieder des Technischen Hilfswerkes (THW) Kirchheim durchlaufen die Ausbildung. Unterdessen setzt sich Wolfgang Dörner von der Flughafenfeuerwehr hinter das Steuer eines Flugzeugschleppers. „Im Ernstfall würden wir die Tupolev jetzt in den Hangar ziehen, wo sie repariert wird“, sagt Dörner, der den Vogel am Flugfeldrand parkt, während wenige Meter entfernt die nächste Maschine mit donnernden Turbinen in den Himmel aufsteigt.

Mit einem Kompressor wird das Hebekissen aufgepumpt.
Mit einem Kompressor wird das Hebekissen aufgepumpt. Foto: Daniela Haußmann

Kooperation der Helfer

Die ehrenamtlichen Helfer der Technischen Hilfswerke (THW) Kirchheim, Neuhausen und Ostfildern arbeiten bei der Bergung von Flugzeugen mit der Flughafenfeuerwehr Stuttgart zusammen. Die THW-Vertreter durchlaufen ein Bergeseminar, bei dem der Umgang mit der erforderlichen Ausrüstung, wie zum Beispiel Lufthebekissen und Hydraulikgeräten, trainiert wird. Die Flughafenfeuerwehr hat mit dem THW bereits drei Flugzeuge geborgen. Eines von ihnen war 2011 auf der Hahnweide abgestürzt.

Die Bergeausrüstung des Landesairports hat einen Wert von rund acht Millionen Euro.

Die Teilnahme am 1 650 Euro teuren Bergeseminar ist für die THW-Vertreter kostenlos. Seit 2008 besteht eine Hilfsleistungsvereinbarung zwischen den Organisationen. Das heißt, dass diese zusammenarbeiten.dh

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