Zwischen Neckar und Alb

Wertschätzung für Lebensmittel fehlt

Landwirte beklagen geringe Erzeugerpreise – Landesweiter Aktionstag mit Bratwurst für zwölf Cent

Bei einem landesweiten Aktionstag haben Landwirte aus dem Kreis gestern auf den starken Druck auf die Erzeugerpreise und die damit verbundene prekäre Lage vieler landwirtschaftlicher Betriebe hingewiesen. Dabei wurden auf dem Esslinger Bahnhofplatz Bratwürste zum Erzeugerpreis von gerade einmal zwölf Cent pro 100 Gramm Schweinefleisch verkauft.

Wertschätzung für Lebensmittel fehlt
Wertschätzung für Lebensmittel fehlt

Esslingen. „Landwirtschaftliche Produkte sind sind schon seit Jahren stark unter Druck. Es gibt einen starken Preiskampf, denn Lebensmittel sind schon längst Teil der globalen Märkte, und das gibt bei uns existenzbedrohende Verwerfungen“, sagte der Landwirt Markus Bauer aus Filderstadt gestern auf dem Esslinger Bahnhofsplatz. Der Landesbauernverband Baden-Württemberg (LBV) und der Kreisbauernverband Esslingen hatten dort anlässlich des landesweiten Aktionstags „Wir machen ihre Wurst. Aber bitte nicht zu diesem Preis“ zur Mittagszeit einen gemeinsamen Informationsstand und eine Würstchenbude aufgebaut.

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Zwölf Cent wurden dort für eine Bratwurst verlangt, inklusive Brötchen und Senf. Angesichts des Preises war die Dauer der Aktion überschaubar. Bereits nach etwa 45 Minuten meldete der Grillmeister „Ausverkauft, 350 Stück sind verbraten“. Ariane Amstutz, Sprecherin des LBV, hörte dies mit zufriedener Miene, auch weil der gesamte landesweite Erlös der Aktion an das Kinderhospiz Stuttgart gespendet wurde. „Ein solcher Preis kann natürlich überhaupt nicht sein. Aber er macht die Leute stutzig, wir kommen dadurch gut ins Gespräch, und ich denke, wir haben heute sehr viele Menschen erreicht“, erzählte sie.

Wie Hans-Benno Wichert, der LBV-Vizepräsident erläuterte, sei dieser Dialog dringend notwendig. Seit Jahren sähen sich die Schweinehalter im Land einem „ruinösen Preisdruck“ ausgesetzt, der vielen Betrieben die Perspektiven raube. Allein in den vergangenen vier Jahren hätten 30 Prozent der Schweinehalter im Land die Nachzucht aufgegeben, die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Baden-Württemberg, die sich hauptsächlich auf die Schweinehaltung stützen, sei in dieser Zeit um 600 auf rund 2700 Betriebe zurück gegangen.

Mit dem symbolischen Preis von zwölf Cent pro Bratwurst könne man den Grund für das Betriebssterben und die Sorgen der Landwirte gut illustrieren. „Rechnet man den Preis, den ein Tierhalter für ein Mastschwein erhält, auf eine Bratwurst mit 100 Gramm um, entspricht das einem Preis von zwölf Cent pro Wurst“, sagte Wichert. Er hoffte auf das Gespräch mit den Passanten und Würstchenkäufern, um über den finanziellen Druck auf die Produzenten ins Gespräch zu kommen.

Auch Michael Zimmermann, der Vorsitzende des Kreisbauernverbands, sah darin Chancen, die regionale Landwirtschaft stärker in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. „Wir haben noch sechs Betriebe im Landkreis mit Schweinehaltung. Über ihre Situation und über die Vorteile von regionalen und qualitativ hochwertigen Produkten wollen wir informieren“, sagte er.

Die Landwirte stießen dabei vor allem bei älteren Passanten auf offene Ohren. „Viele Jüngere nehmen halt zur Kenntnis, Ältere hingegen berührt das Problem der Preise und der Druck auf die Betriebe stärker. Ich denke, die Wertschätzung für Lebensmittel und die Arbeit dahinter ist da noch höher“, beobachtete Markus Bauer. „Was wir wohl also allgemein benötigen, ist eine neue Wertschätzungskultur für Nahrungsmittel, denn was wir an Entwicklungen beim Fleisch sehen, kann auf Milch oder Getreide oder andere landwirtschaftliche Produkte übertragen werden“.

Für Franz Frank aus Esslingen war diese geforderte Wertschätzung selbstverständlich. „Wir kaufen Wurst und Fleisch nur beim Metzger, und das lange nicht jeden Tag. Fleisch ist doch ein wertvolles Lebensmittel, das muss nicht billig sein. Wenn man sieht, wie die Großen die Preise drücken, können die Kleinen doch gar nicht mithalten. Und an eine artgerechte Haltung ist da schon gar nicht zu denken“, sagte der Rentner aus Esslingen.

Bei manchen jüngeren Passanten auf dem Bahnhofsplatz löste die Aktion schulterzuckendes Schweigen im Vorbeigehen aus. Bei einem jungen Mann wurde sogar eine erhebliche Wissenslücke erkennbar. „Krass. Ich wusste gar nicht, dass die Würste aus Deutschland sind. Ich habe hier noch nie Schweine gesehen“, sagte er. Für Amelie Matthe aus Esslingen hingegen war das Problem der Lebensmittelpreise durchaus präsent. „Es ist gut, wenn darauf aufmerksam gemacht wird, dass die Landwirte auch von etwas leben müssen. Ich selbst habe nicht viel Geld und muss deswegen darauf achten, dass ich günstig einkaufen kann. Da gibt es eben nicht jeden Tag Fleisch“, sagte die 27-Jährige.

Für Michael Zimmermann gestaltete sich die Aktion durchaus zufriedenstellend, wenngleich er über konkrete Folgen für die Landwirtschaft im Kreis nur spekulieren konnte. „Wir konnten eine ganze Reihe Menschen über die Situation der Betriebe und über die Misere mit den Erzeugerpreisen informieren. Wir haben bei einigen wohl Bewusstsein geweckt, aber es ist schwer zu sagen, wie es weitergehen wird. Immerhin – manche sind doch ziemlich nachdenklich geworden“, bilanzierte er.