Zwischen Neckar und Alb

Wie vor Millionen Jahren die heutige Zivilisation entstand

Ausstellung Das Naturschutzzentrum Schopflocher Alb erklärt in einer neuen Schau, was der Geopark über die Erdgeschichte verrät. Von Daniela Haußmann

Mehr als 100 Besucher kamen zur Eröffnung der Ausstellung „Geopark Schwäbische Alb - Faszination Erdgeschichte“ nach Schopfloch.
Mehr als 100 Besucher kamen zur Eröffnung der Ausstellung „Geopark Schwäbische Alb - Faszination Erdgeschichte“ nach Schopfloch. Dort erfährt man zum Beispiel, warum Baden-Württemberg „steinreich“ ist.Fotos: Daniela Haußmann

Für den Geologen sind Steine das, was für den Botaniker die Pflanzen und für den Zoologen die Tiere sind. Dabei hat Gestein gegenüber den Lebewesen einen großen Vorteil: Es steht nicht nur für die Gegenwart. Steine sind die Seiten im Buch der Erdgeschichte. Wer einen Blick hineinwerfen will, kann das Naturschutzzentrum Schopflocher Alb (NAZ) besuchen. Dort beweist die am Sonntag eröffnete Ausstellung „Geopark Schwäbische Alb - Faszination Erdgeschichte“, dass Geologie „rockt“.

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„Die Auffaltung der Alpen und der Einbruch des Rheingrabens sorgten“, laut Dr. Siegfried Roth, „im Tertiär dafür, dass die Alb kipp te und angehoben wurde.“ Umweltkatastrophen wie ein aufkommender Vulkanismus und der Einschlag zweier Meteoriten führten dazu, dass sich die Alb so formte, wie wir sie heute kennen, berichtete der Geopark-Geschäftsführer. Schon das allein bietet eigentlich genügend Stoff für eine Tragödie. Erst recht, wenn man bedenkt, dass in den Gesteinsschichten der Alb ein gigantischer Friedhof liegt.

Vor etwa 201 bis 145 Millionen Jahren war ganz Süddeutschland und so auch die Schopflocher Alb, vom tropischen Jurameer bedeckt. Fische, Seesterne, Muscheln und im späten Jura auch Korallen - viele Organismen fanden laut Roth in dem 20 bis 150 Meter tiefen Meer einen Lebensraum. Nach ihrem Tod sanken die Kadaver auf den Grund, wo sie sich über große Zeiträume hinweg zu immer mächtigerem Kalkschlamm auftürmten. So wurde der Schlamm mit eingeschlossenen Schalen zu Kalkstein, der heute mit all seinen Versteinerungen Auskunft gibt über die damalige Pflanzen- und Tierwelt, aber auch das Klima und die Lebensräume. Ergänzt werden die theoretischen Inhalte von „Faszination Erdgeschichte“ durch die Sammlung von Gerhard Feller. Seit den Fünfzigerjahren hat der Ochsenwanger rings um seinen Wohnort Hunderte von Fossilien zusammengetragen, von denen die schönsten noch bis zum 15. April im NAZ zu sehen.

Baden-Württemberg ist steinreich. Granit, Gneis, Muschelkalk, Posidonienschiefer, Sand und Kies sind Beispiele für die Gesteinsvielfalt, die die Geologie im Südwesten hervorgebracht hat. Diese mineralischen Rohstoffe sind Teil der Zivilisationsgeschichte. Nicht nur Straßen, Wege und Häuser sind aus ihnen gebaut. Siegfried Roth verbindet mit ihnen auch die wirtschaftliche Entwicklung der Alb. Bestes Beispiel sind für ihn Bohnerze, die aus der Verwitterung der obersten Kalk- und Mergelschichten des Weißen Jura entstanden sind. „Die bohnenförmigen Knollen enthalten“, dem Geopark-Geschäftsführer zufolge, „30 bis 50 Prozent Eisen.“ Die Bohnerz-Verhüttung, die vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert erfolgte, war ein wichtiger Impuls für die weitere wirtschaftliche Entwicklung auf der Alb. „Sie legte den Grundstein für die heutige moderne, Metall verarbeitende Industrie“, wie Siegfried Roth berichtete. „Ein Beispiel dafür sind die Schwäbischen Hüttenwerke auf der Ostalb oder die Gegend um Tuttlingen, die als Weltzentrum der Medizintechnik gilt.“

Die Ausstellung im NAZ öffnet damit nicht nur das Fenster in längst vergangene Welten. Sie zeigt auch, wie Entwicklungen und Veränderungen in der Erdgeschichte die Zivilisation möglich gemacht haben. Nicht umsonst ist der Geopark Schwäbische Alb Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Doch Gutachter der Organisation haben dem Geopark vor geraumer Zeit eine „Gelbe Karte“ gezeigt und fordern viele Verbesserungen. Zu wenig Personal, geringe Finanzmittel - die Liste mit Kritikpunkten ist lang. Das bedauerte Landrat Heinz Eininger. Das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium hatte beim Regierungsantritt noch verlauten lassen, dass es den Geopark finanziell unterstützt, wie der Chef des Landratsamtes Esslingen berichtete. Doch davon sei aktuell keine Rede mehr.

„In Stuttgart muss man sich darüber klar werden, wohin man mit der Alb will“, kritisierte Eininger. „Mir fehlt seitens des Landes eine Gesamtstrategie für diesen Natur-, Kultur- und Tourismusraum.“ Die Mitglieder des Geoparks, zu denen auch zehn Landkreise zählen, benötigen laut Heinz Eininger Unterstützung. Die Mitgliedsbeiträge, die laut Siegfried Roth in den vergangenen Jahren von 80 000 Euro auf rund 145 000 Euro angestiegen sind, sollten aus Sicht von Heinz Eininger mit ebenfalls 145 000 Euro von Landesseite aufgestockt werden. Markus Möller, Erster Landesbeamter im Alb-Donau-Kreis, betonte: „Der Geopark ist nicht nur ein Schaufenster für die Region, sondern für das ganze Land. Die UNESCO-Gutachter haben darauf hingewiesen, dass wir sichtbarer werden müssen.“ Dazu soll die Sonderausstellung beitragen, die auch dank der finanziellen Unterstützung der Toto-Lotto-Gesellschaft und der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen möglich wurde, wie das Vorstandsmitglied des Geoparkvereins Schwäbische Alb erklärte.