Zwischen Neckar und Alb

Willig, aber nicht gewollt

Integration 80 Prozent der Flüchtlinge in Sprachkursen halten durch. An ihren Bleibechancen ändert das nichts.

Das Programm ist ein Erfolgsmodell. Trotzdem wird es wieder in der Schublade verschwinden, weil das Land sich aus der Förderung zurückziehen wird. Ende März läuft der zweite Teil des Sprachförderprogramms „Wege in Ausbildung und Arbeit“ (WIAA) aus, das Flüchtlinge auf ein Berufsleben vorbereiten soll. Der Kreis Esslingen beteiligt sich seit November 2015 an der Finanzierung der Intensivsprachkurse, die von der Deutschen-Angestellten-Akademie (DAA) angeboten werden, die auch die Eignungstests übernimmt. Beim Start vor zwei Jahren erhielten 338 von 480 Bewerbern einen Platz in den zehn Grund- und sechs Aufbaukursen mit insgesamt 700 Unterrichtsstunden pro Jahr. Mehr als 80 Prozent der Absolventen haben die Kurse erfolgreich abgeschlossen.

Mangelnde Sprachkenntnisse gelten bei Flüchtlingen als größtes Hemmnis auf dem Weg in Schule und Beruf. Von den 178 Kursteilnehmern, die bereits nach dem Grundkurs ausgestiegen sind, wechselten 134 in berufsbezogene Aufbaukurse. 55 absolvierten nach Kursende ein Praktikum, 30 fanden einen Ausbildungsplatz.

Katharina Kiewel, Sozialdezernentin im Esslinger Landratsamt mit gutem Draht ins Stuttgarter Ministerium, zieht ein positives Fazit, rechnet aber dennoch nicht mit einer Neuauflage. Bisher gebe es weder vom Bund noch vom Land Signale für eine Fortführung. Das Land hat jährlich 224 000 Euro in den Unterricht gesteckt. Der Eigenanteil des Landkreises liegt bei 150 000 Euro. Das Besondere daran: Die Sprachkurse sind für Asylbewerber mit wenig Aussicht auf ein Bleiberecht. Also solche, die von den Integrationskursen des Bundesamtes ausgeschlossen sind. Das sind im Kreis Esslingen immerhin 54 Prozent. Weil sie trotzdem hier sind und aus verschiedenen Gründen auch geduldet werden, sollen sie eine Chance bekommen.

Für manche Politiker hinausgeworfenes Geld, für andere ein sinnvoller Beitrag zu mehr sozialem Frieden. Auch unter den Fraktionen im Kreistag sind die Meinungen geteilt. Man müsse genau hinschauen, welchen Ertrag der finanzielle Aufwand einbringe, schließlich habe der Kreis genügend andere soziale Verpflichtungen, meint CDU-Fraktionschefin Ursula Merkle. „Das ist die billigste und effektivste Entwicklungshilfe und Sicherheitspolitik, die wir kennen“, sagt hingegen Carla Bregenzer (SPD).

Für Landrat Heinz Eininger ist die Diskussion in erster Linie ein Beleg für Versäumnisse der Berliner Politik. „Wenn mehr als die Hälfte keine Chance auf Bildung hat“, meint er, „dann zeigt das, wie dringend wir ein Einwanderungsgesetz brauchen.“ Das Asylrecht macht keinen Unterschied zwischen ausgebildeten Fachkräften und Straftätern. Von der verschärften Abschiebepraxis sind beispielsweise auch Auszubildende in Branchen mit akutem Personalmangel betroffen, etwa in Pflegeberufen oder im Handwerk. Eininger: „Durch Abschiebungen lösen wir dieses Problem nicht.“Bernd Köble

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