Zwischen Neckar und Alb

„Wir erleben spannende Zeiten“*

Corina Schimitzek ist seit zwei Wochen die neue Chefin im Staatlichen Schulamt in Nürtingen

Dr. Corina Schimitzek fordert neue Lösungen für ältere, geflüchtete Jugendliche.Foto: Jean-Luc Jacques
Dr. Corina Schimitzek fordert neue Lösungen für ältere, geflüchtete Jugendliche.Foto: Jean-Luc Jacques

Corina Schimitzek ist neue Leiterin des Staatlichen Schulamts Nürtingen. Zuständig für 3 800 Lehrkräfte an 145 Schulen im Kreis Esslingen. Die Nachfolgerin von Günter Klein, der im April die Leitung des Landesinstituts für Schulentwicklung übernommen hat, muss künftig vor allem den Wandel begleiten.

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Bernd Köble

Frau Schimitzek, was hat Sie angetrieben, vom Regierungspräsidium näher an die Schulfront zu rücken?

SCHIMITZEK: Ich bin seit vielen Jahren in der Schulverwaltung tätig. Da war es naheliegend, irgendwann in eine leitende Position vor Ort zu wechseln, um Aufgaben gestalten zu können. Ich hatte vom RP aus immer Kontakt mit dem Nürtinger Amt, das ich als sehr kooperativ und vor allem kreativ wahrgenommen habe. Ich wollte nicht irgendwo hin. Ich wollte hierher.

Die Unterrichtung von Flüchtlingskindern ist sicher das drängendste Thema zurzeit. 565 neue Stellen wurden landesweit allein dafür geschaffen. Wird das reichen?

SCHIMITZEK: Für das Kalenderjahr 2016 sind wir in den Vorbereitungsklassen personell gut gerüstet. Wie es weitergeht, kann keiner sagen. Die Entwicklung, wie wir sie zurzeit haben, war für niemand vorhersehbar. Deshalb ist es umso wichtiger, zu erkennen: Das Ministerium lässt uns nicht im Regen stehen.

Ausreichend Personal ist die eine Seite. Lehrkräfte werden andererseits immer häufiger mit schwer traumatisierten Flüchtlingskindern konfrontiert. Können Lehrer Ersatztherapeuten sein?

SCHIMITZEK: Ersatztherapeuten können die Lehrkräfte vor Ort nicht sein. Deshalb gibt es eine funktionierende Kooperation mit den Beratungsstellen im Kreis und in den Städten. Ich muss auch einen Dank aussprechen für die gute Arbeit unserer Schulpsychologen. Das alles funktioniert bisher gut. Auf Dauer werden wir personell aber sicherlich an Grenzen stoßen.

Was kann die Schule leisten, um das Problem zu bewältigen?

SCHIMITZEK: Wir wollen die Verweildauer in den Vorbereitungsklassen verkürzen. Integration funktioniert am besten, wenn man gemeinsam lernt. Bei den jüngeren Flüchtlingskindern ist das meist kein Problem. Die wechseln schnell in eine Regelklasse. Wir brauchen Lösungen vor allem für ältere Jugendliche. Da gilt es, gemeinsam mit Industrie, Handwerk und den Kommunen als Schulträger zu kooperieren und neue Wege zu gehen.

Was erwartet Sie durch das neue Schulgesetz zur Inklusion?

SCHIMITZEK: Zunächst bin ich froh, dass wir das Gesetz haben. Die Leitplanken sind jetzt da und man spürt eine Aufbruchstimmung. Bis wir von der verbesserten Ausbildung und Qualifizierung der Lehrkräfte in diesem Bereich profitieren, wird es allerdings ein paar Jahre dauern. Das Gesetz gibt jetzt Klarheit. Eltern müssen Wahlfreiheit haben. Es zeigt sich aber auch, dass 60 bis 70 Prozent der Eltern mit behinderten Kindern gar keine inklusive Beschulung wünschen, sondern weiter auf die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren vertrauen.

Ein Wort zur Unterrichtsversorgung. Zu Beginn des Schuljahres gingen 6 000 neue Lehrkräfte an den Start, so viele wie noch nie. Trotzdem ist jetzt schon von Engpässen bei der Krankheitsvertretung die Rede.

SCHIMITZEK: Wir haben dieses Jahr Einstellungszahlen, wie ich sie noch nie erlebt habe. Es freut mich vor allem für die jungen Kolleginnen und Kollegen, von denen vielen das große Bangen in den Sommerferien erspart blieb. Die Kehrseite ist, dass sich vor allem bei langfristigen Ausfällen Engpässe in der Krankheitsvertretung abzeichnen. Wir müssen gegebenenfalls genau prüfen, wo Deputatserhöhungen möglich sind.

Am Montag ist Welt-Lehrertag. Welches Bild des Lehrerberufs würden Sie zu diesem Anlass zeichnen?

SCHIMITZEK: Was ich in den vergangenen zwei Wochen seit meinem Dienstantritt in Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen an Offenheit und Engagement bei allen Themenfeldern erfahren habe, ist beeindruckend. Wir erleben spannende Zeiten, die viel Schulterschluss erfordern. Es gibt ja den beliebten Satz, wonach Lehrer vormittags recht und nachmittags frei hätten. Was ich erlebe, ist etwas ganz anderes.

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Zur Person

Dr. Corina Schimitzek ist 1962 in Stuttgart geboren und hat dort das Evangelische Mörike-Gymnasium besucht. Nach ihrem Studium an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und der Zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Realschulen 1988 arbeitete sie im kirchlichen Auftrag an unterschiedlichen Schulen. Ab 1994 war sie Lehrerin an der Realschule Weinsberg. Schimitzek übernahm ab 1996 beratende Aufgaben am Staatlichen Schulamt Heilbronn. Nach mehrjähriger Unterrichtstätigkeit wechselte sie 2004 an das Landesinstitut für Schulentwicklung. In dieser Zeit promovierte sie an der Pädagogischen Hochschule Weingarten im Fach Erziehungswissenschaften. Von 2008 an war sie bei den Regierungspräsidien Karlsruhe und Stuttgart als Referentin in der Schulverwaltung tätig. Im Frühjahr 2015 übernahm Schimitzek dort die stellvertretende Leitung im Referat Grund-, Werkreal-, Haupt-, Real-, Gemeinschafts- und Sonderschulen.tb