Zwischen Neckar und Alb

„Wir lassen die Menschen nicht alleine“

Krise Das Coronavirus stellt Arbeitsagenturen und Jobcenter vor ganz neue Herausforderungen – Kurzarbeiterzahlen schnellen nach oben. Von Alexander Maier

Agentur für Arbeit - Job-Center - Arbeitsamt - Agentur für Arbeit
Foto: Jean-Luc Jacques

Die Corona-Krise hat das öffentliche Leben quasi über Nacht auf den Kopf gestellt. Viele sorgen sich um ihre Gesundheit - für Arbeitslose kommt die berufliche Unsicherheit erschwerend hinzu. Die Situation stellt Arbeitsagenturen und Jobcenter vor neue Herausforderungen. Trotzdem versichert Thekla Schlör, Chefin der Göppinger Arbeitsagentur: „Kein Kunde muss sich Sorgen ums Arbeitslosen- oder Kurzarbeitergeld machen.“

Die Angst vor Corona bewegt jeden. Bekommen Sie das auch zu spüren?

Thekla Schlör: Ja, und es treibt uns nicht nur um, sondern auch an. Den Arbeitsagenturen und Jobcentern ist ihre Verantwortung sehr bewusst. Deshalb ist unser Hauptziel: Die Auszahlung der Leistungen muss gesichert sein. Kein Kunde muss sich Sorgen machen, ob sein Arbeitslosengeld oder Arbeitslosengeld II pünktlich auf dem Konto ist. In nächster Zukunft wird dies auch für das Kurzarbeitergeld gelten. Die Angst um ihren Arbeitsplatz kann ich den Menschen gerade leider nicht nehmen. Wir haben eine Situation, wie sie noch keiner von uns bisher erlebt hat, mit weitreichenden Auswirkungen. Kein seriöser Wissenschaftler kann abschätzen, wie und wie stark sich die Infektionswelle auf die Wirtschaft auswirkt. Hier kann ich mich nur den Aufrufen und Warnungen der Experten und der Politik anschließen, besonnen zu sein. Wir haben alle das Glück, in einem sehr gut organisierten und leistungsfähigen Staat zu leben.

Thekla Schlör
Thekla Schlör

Gerade in dieser Situation, in der persönliche Ansprache besonders wichtig wäre, müssen Sie direkte Kundenkontakte reduzieren. Lässt sich das am Telefon auffangen?

Schlör: Vieles ja. Glücklicherweise sind wir in der Situation, dass wir für die wichtigste Frage, wie unsere Kunden an die finanziellen Unterstützungsleistungen kommen, inzwischen alles online und telefonisch erledigen können. Auch wenn gerade durch den sprunghaften Anstieg der Anrufe die Leitungen völlig überlastet sind. Unsere Kollegen, die bisher im persönlichen Kontakt Dinge geklärt haben, sind zusätzlich über eine Hotline erreichbar. Das macht mich zuversichtlich, dass die Leitungen stehen, auch wenn es nicht immer beim ersten Versuch klappen wird. Das persönliche Gespräch im Bereich Beratung und Vermittlung kann nicht ganz durch das Telefon ersetzt werden. Dafür ist ein Vertrauensverhältnis notwendig. Aber: Besondere Zeiten verlangen besondere Maßnahmen. Anfragen über das Telefon oder unsere E-Services zu beantworten und abzuwickeln, ist ohnehin längst in unserem Alltag angekommen. Jetzt verstärken wir das um ein Vielfaches, auch die Klärung über E-Mail. Denn die Gesundheit unserer Kunden, aber auch meiner Mitarbeiter steht jetzt klar im Fokus. Dennoch: Keine Frage und kein Anliegen, die ein Kunde an uns im persönlichen Gespräch herangetragen hätte, bleibt unbeantwortet. Wir sind weiter für unsere Kunden da - nur eben auf eine Weise, die das Infektionsrisiko so weit wie möglich reduziert.

Es gibt zehnmal mehr Anrufe als gewohnt. Bekommen Sie das in den Griff?

Das müssen wir. Unsere Techniker arbeiten konzentriert und suchen eine bundesweite Lösung, denn betroffen sind alle Arbeitsagenturen und Jobcenter. Dazu müssen wir unsere telefonischen Kapazitäten auch technisch verstärken, das benötigt noch etwas Zeit. Als ersten Schritt haben wir unter 0 71 61/97 70-9 00 eine Nummer eingerichtet, über die sich Kunden zusätzlich zur Hotline an uns wenden können. Im Moment ist unsere Erreichbarkeit noch eingeschränkt. Deshalb die Bitte: Anrufe nur in Notfällen. Wer sich informieren möchte, findet alles auf unserer Homepage.

Wer arbeitslos ist, braucht einen neuen Job, aber auch kurzfristige finanzielle Hilfe. Ist dies auch ohne direkten Termin gewährleistet?

Ja. Schon vor der Corona-Krise konnten Kunden den Antrag auf Arbeitslosengeld über unsere E-Services beantragen, Nebeneinkommen anzeigen, Krankmeldungen einreichen oder Veränderungen beispielsweise bei Kontodaten mitteilen. Wir haben zwei kostenfreie Hotlines, eine für Anrufe von Arbeitnehmern (08 00/ 4 55 55 00), eine von Arbeitgebern (08 00/4 55 55 20). Das Einzige, was bisher noch die persönliche Anwesenheit zwingend verlangt hat, waren Besuche nach Einladung von uns und die persönliche Arbeitslosmeldung. Darauf verzichten wir vorübergehend, brauchen aber für die Abgabe des Antrags auf Leistungen eine Kopie des Personalausweises. Wir bauen Wege auf, die es schon gab, die aber nicht so intensiv genutzt wurden.

Arbeitsagentur- und Jobcenter-Kunden sind es gewohnt, feste Fristen einhalten zu müssen. Was tut man, wenn man telefonisch nicht durchkommt?

Wir sind über Online-Angebote ja auch per E-Mail erreichbar. Ich weiß, dass wir dort nicht innerhalb von wenigen Stunden alle Anfragen werden abarbeiten können. Es ist aber ein zweiter wichtiger Weg. Angesichts der aktuellen Situation gibt es für Fristen Ausnahmeregelungen, damit niemand finanzielle Nachteile befürchten muss, wenn Termine entfallen oder der Kontakt nicht möglich ist. Wir handeln in diesen Zeiten so gut es geht unbürokratisch und flexibel, damit die Versorgung von Menschen, die auf Geldleistungen der Arbeitsagentur oder des Jobcenters angewiesen sind, sichergestellt ist. Es herrscht aber auch kein anarchischer Zustand: Menschen, die ihre Kündigung bekommen haben, müssen sich trotzdem innerhalb der Frist bei uns arbeitslos melden - telefonisch statt bisher persönlich. Und wenn man gerade nicht durchkommt: Bitte dranbleiben und es weiter versuchen. Oder eine E-Mail schicken mit den Kontaktdaten, wir rufen zurück.

Erste Betriebe sprechen davon, dass sie angesichts der Einbußen ihre Belegschaft wohl nicht halten können. Merken Sie davon schon etwas?

Wir sehen an der extremen Nachfrage nach Kurzarbeitergeld, dass sehr viele Unternehmen daran interessiert sind, ihre Mitarbeiter trotz der aktuell unsicheren Situation zu halten. Die politische Zielsetzung ist mit den deutlich verbesserten Konditionen zum Kurzarbeitergeld und den Liquiditätshilfen darauf ausgerichtet. Seit Absagen von Veranstaltungen und die Einschränkungen im öffentlichen Leben bekannt sind, haben vor allem Kleinstbetriebe zum Beispiel aus Gastronomie und Veranstaltungsbereich Mitarbeitern gekündigt. Ich erwarte in den nächsten Wochen in der Kurzarbeit deutlich stärkere Zuwächse als in der Arbeitslosigkeit.

Kurzarbeit hat sich in der letzten Krise bewährt. Ist sie auch in der Corona-Krise ein probates Mittel?

Mitarbeiter in Betrieben zu halten, ist auch jetzt unser oberstes Ziel. Dabei unterstützen wir die Betriebe nach besten Kräften. Wenn ein Unternehmen wegen fehlender Auftragseingänge durch wirtschaftliche Ursachen oder unabwendbare Ereignisse seine Mitarbeiter nicht in vollem Umfang beschäftigen kann, ersetzt die Bundesagentur für Arbeit 60 Prozent des entgangenen Lohns. Wenn Kinder da sind, sind es 67 Prozent. Meine Hoffnung ist, dass es uns wie in der Weltwirtschaftskrise vor zehn Jahren gelingt, dass die Betriebe ihr Personal weitgehend halten können und nach Ende der Krise schnell wieder in das Arbeiten einsteigen können.

 

Bei Kurzarbeit denkt man vor allem ans produzierende Gewerbe. Probleme haben nun auch andere Branchen. Können auch sie von Kurzarbeit profitieren?

Ja. Jetzt sind wirklich nahezu alle Wirtschaftszweige betroffen: Gastronomie, Hotellerie, Handel, Messebau, Produktion, verarbeitendes Gewerbe, Transport und Logistik, Kultureinrichtungen - die Aufzählung könnte glatt so weitergehen. Andere Branchen wiederum profitieren von den veränderten Bedingungen am Arbeitsmarkt: Onlineanbieter beispielsweise machen gerade das Geschäft ihres Lebens. Für die Gewährung des Kurzarbeitergeldes spielt die Branchenzuordnung keine Rolle, sondern der Grund: wirtschaftliche Ursachen, die unmittelbar oder mittelbar Einfluss auf den wirtschaftlichen Ablauf in einem Unternehmen nehmen.

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