Zwischen Neckar und Alb

„Wir nehmen keine Gewalttäter auf“

Bürgermeister verhindert, dass die Diskussion im Gemeinderat über auffällige Flüchtlinge eskaliert

Sind die nach Deizisau verlegten Flüchtlinge aggressiv, sind sie „potenzielle Straftäter“ oder haben sie sich in ihrer bisherigen Unterkunft nur wegen zu lauter Radiomusik gestritten? Zur Fragestunde in der Deizisauer Gemeinderatssitzung waren fast 60 Bürger gekommen, um nachzufragen, zu schimpfen, aber auch um zu beruhigen.

In diese Baracken verlegt der Landkreis bis zu 28 auffällige Asylbewerber. Bisher sind aber nur wenige eingetroffen. Foto: Bulgr
In diese Baracken verlegt der Landkreis bis zu 28 auffällige Asylbewerber. Bisher sind aber nur wenige eingetroffen. Foto: Bulgrin

Deizisau. Empfangen wurden die Besucher von jungen Leuten, die ein Flugblatt mit dem Titel „Der dritte Weg“ verteilten und auf deren Jacken die Aufschrift „national, revolutionär, sozialistisch“ prangte. An die Ermahnung von Bürgermeister Thomas ­Matrohs, auf politische Verunglimpfung und Beleidigungen zu verzichten, hielten sich aber alle Besucher. Dazu trug bei, dass Matrohs jeden zu Wort kommen ließ und er ruhig durch schwieriges Fahrwasser steuerte.

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Der Bürgermeister stellte zunächst die Entwicklung im Ort und seine Überlegungen dar. Der Gemeinderat habe zwar dem Neubau einer Unterkunft für 130 Flüchtlinge zugestimmt, bislang jedoch nur 28 Flüchtlinge untergebracht. Als der Landrat vor Weihnachten angekündigt habe, zunächst die Sport- und Gemeindehallen jener Gemeinden zu füllen, die ihre Quote bei Weitem nicht erfüllt haben, sei das für ihn eine „klare Ansage“ gewesen.

Der Gemeinderat beschloss darauf, zwei Wohnhäuser bereitzustellen, dennoch habe der Landkreis wegen jener Asylbewerber, die andernorts auffällig geworden waren, in Deizisau angeklopft. Die Baracken lägen eben am Ortsrand und seien von überschaubarer Größe. Matrohs betonte: „Es ist nicht so, dass die Gemeinde auf den Kreis zugegangen ist.“ Er habe sich dann das Sicherheitskonzept – Security plus Polizeistreifen – vorlegen lassen.

„Wie sieht der Deal mit dem Landkreis aus? Wie viele Flüchtlinge bekommt Deizisau dafür weniger?“ Die entsprechende Erwartung eines Bürgers konnte Matrohs nicht mit Sicherheit erfüllen: „Es gibt keinen Deal.“ Gleichwohl hat Matrohs eine Erwartung an den Landkreis: Er könne sich nicht vorstellen, dass der in nächster Zeit die Sporthalle fordere. „Können Sie ausschließen, dass uns potenzielle Straftäter zugewiesen werden?“ Wenn sie durch den Ort gingen, lasse er seine Freundin abends nicht mehr auf die Straße, meinte ein angriffslustiger Fragesteller. Die Unterkunft sei kein Gefängnis, erwiderte Matrohs.

Die Gemeinde habe in den vergangenen drei Jahren keine Auswahlmöglichkeit gehabt und auch jetzt nicht. „Ich verstehe Ihre Besorgnis“, aber es gehe nicht um die Messerstecher aus einer Unterkunft in Ostfildern. „Wir nehmen keine Gewalttäter auf.“ ­Matrohs betonte mehrfach, dass das Projekt gescheitert sei, sobald die Sicherheit der Bürger gefährdet sei. Dann sei Schluss mit der Kooperationsbereitschaft der Gemeinde.

„Die Herrschaften werden doch belohnt, wenn sie von einer großen Unterkunft nach Deizisau kommen und ein Zimmer mit zwei oder drei Betten bekommen“, fand ein älterer Bürger. So schlecht wie die Unterkunft in der Sirnauer Straße sehe die schlimmste Gemeindewohnung nicht aus, entgegnete der Bürgermeister. „Versifft“, ergänzte ein Mitglied des Arbeitskreises Asyl. Neue Betten haben die Ankömmlinge jedoch erhalten, weil die bisherigen Bewohner ihre Betten und Spinde in die Gemeindewohnungen mitgenommen haben.

Sorgen macht manchen Bürgern, dass Marktplatz, Schule oder das Freibad zu Treffpunkten für schwierige Flüchtlinge werden könnten. Auch das freie WLAN auf dem Marktplatz hat laut Matrohs bislang zu keiner Pulkbildung geführt. Flüchtlinge seien schon vergangenen Sommer im Freibad gewesen, berichtete eine Frau, die im AK Asyl engagiert ist. Mit denen habe man sich unterhalten und „unsere Kinder leben noch“. Eine andere Frau vom AK Asyl erklärte, man werde den Ankömmlingen deutlich erklären, was Rechtsstaat bedeute, und ihnen auch sagen, dass die Bevölkerung Angst habe. Maik Vosseler vom Ortsjugendring fügte hinzu, Angst hätten auch die Flüchtlinge, die schon länger da seien und nun mit den Auffälligen in einen Topf geworfen werden.

Er sei auch nicht ganz frei von Angst, sagte Kirchengemeinderat Johannes Kress, aber gerade deshalb schlage er vor, „dass wir die Menschen kennenlernen, um zu sehen, ob man Angst haben muss oder nicht.“ Bürgermeister Matrohs appellierte, die Flüchtlinge nicht von Beginn an zu stigmatisieren. Er hoffe, dass die Deizisauer nicht jeden Asylbewerber abschätzig betrachten, der ihnen im Ort begegne. Offen ist, wie lange Deizisau die Extra-Unterkunft behält. Matrohs: „Wenn der Landkreis die 130 Plätze braucht und baut, dann ist dieses Projekt beendet.“