Zwischen Neckar und Alb

„Wir sind ein Einwanderungsland“

Integration Der Landkreis verabschiedet ein langfristiges Konzept, das Flüchtlingen, aber auch Migranten, die schon länger in Deutschland leben, die Eingliederung erleichtern soll. Von Roland Kurz

Sprachkurse sind nur ein Mosaikstein im Integrationsplan des Landkreises.Archivfoto: Jean-Luc Jacques
Sprachkurse sind nur ein Mosaikstein im Integrationsplan des Landkreises.Archivfoto: Jean-Luc Jacques

Nicht allein den Flüchtlingen, sondern auch Migranten, die schon länger in Deutschland leben, soll der Integrationsplan 2017 des Landkreises Esslingen dienen. Es gehe darum, die ganze kulturelle Vielfalt für unsere Gesellschaft zu erschließen, sagte Landrat Heinz Eininger im Kreistag. 132 Maßnahmen führt der Plan auf, von Sprachkursen über Beratung für traumatisierte Flüchtlinge bis zu Ausbildungsprojekten zur Fachkräftesicherung. Der Plan ist als Basis für die gemeinsame Integrationsarbeit von Kommunen, Behörden und Wohlfahrtsverbänden gedacht.

Gelingende Integration sei eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe, betonte der Landrat. Ziel sei, dass die zugewanderten Menschen mittelfristig möglichst „hilfefrei und selbstverantwortlich“ bei uns leben. Zwar habe das Land den „Pakt für Integration“ mit den Kommunen abgeschlossen, sagte Eininger, aber der Kreis sei für Sozialleistungen zuständig und man brauche ein abgestimmtes Handlungskonzept. Deshalb hat die kreisweite AG „Netzwerk Flüchtlinge“ den Plan gemeinsam mit vielen Beteiligten erarbeitet, auch Vertreter der Wirtschaft, von Vereinen und engagierte Bürger haben mitgewirkt.

Kümmerer-Stelle wird bis 2019 weiterfinanziert

Unter Leitung von Koordinatorin Koridze Araujo wurden zehn Handlungsfelder beackert: Wohnen, Sprachförderung, Bildung, Arbeit, soziale Beratung, Gesundheit und Altenhilfe, bürgerschaftliches Engagement, interkulturelle Öffnung und gesellschaftliche Teilhabe. 35 000 Euro hat der Kreistag freigegeben, um Beschäftigte für die spezielle Beratungstätigkeit zu schulen. Um psychisch belasteten Menschen mit Fluchterfahrung zu helfen, bauen die psychologischen Beratungsstellen von Kreisdiakonie, Caritas und Tragwerk Anlauf- und Beratungsstellen auf. Auch „Wildwasser“ und „Kompass“ als Fachstellen gegen sexuelle Gewalt sind beteiligt. 2018 und 2019 sind dafür je 110 000 Euro eingeplant. Mit 150 000 Euro beteiligt sich der Kreis nächstes Jahr am Landesprogramm „VwV Deutsch für Flüchtlinge“.

47 000 Euro kosten drei weitere Projekte jährlich. Unter dem Stichwort Elternbegleitung sollen Eltern mit Migrationshintergrund gewonnen werden, um ehrenamtlich neu zugewanderte Familien zu unterstützen. Das Dolmetscherprojekt dient dazu, die Verwaltung zu unterstützen sowie bei der Trauma-Behandlung zu helfen. Notwendig sind auch mehrsprachige Info-Broschüren. Schließlich wird das Projekt „Integration durch Ausbildung“ fortgesetzt. Dazu wird die „Kümmerer-Stelle“ bis 2019 weiterfinanziert. Sie hat bislang 30 Betriebe beraten und 50 Personen in Ausbildung oder Praktikum vermittelt. Die Unternehmen seien offen, sagte der Landrat, wünschten sich aber eine verlässliche Unterstützung bei ausländerrechtlichen Fragen. Zudem hätten die jungen Geflüchteten selbst einen hohen Beratungsbedarf.

Ablehnend reagiert nur Ulrich Deuschle

Der Plan sei eine gute Arbeitsgrundlage, die Empfehlungen praxisnah, sagte CDU-Fraktionsvorsitzender Martin Fritz. Für diese „Generationenaufgabe“, so Rainer Lechner (Freie Wähler) sei ein planvolles Vorgehen notwendig, abgestimmt mit den Kommunen. Marianne Erdrich-Sommer (Grüne) betonte, der Integrationsplan nütze allen, weil Integration dem Zusammenhalt der Gesellschaft diene.

Ablehnend äußerte sich lediglich Ulrich Deuschle (REP). Er sprach von einem „Gesinnungsplan“. Er sei zwar beeindruckt von der Arbeit, frage sich aber, ob hier nicht zu viel des Guten beziehungsweise des Schlechten getan werde. Er wünsche sich, dass so viel auch für Menschen in Pflegeheimen getan würde. Landrat Eininger fuhr dem REP-Sprecher in die Parade: „Es ist unerträglich, wie Sie hier soziale Gruppen auseinanderdividieren. Deutschland ist - ob es Ihnen passt oder nicht - ein Einwanderungsland. Man kann das negieren oder sich der Aufgabe stellen.“ Man müsse jenen Menschen, die ein Bleiberecht haben, eine Perspektive bieten. Die Bundesregierung sei aber auch gefordert, Einwanderungsregeln aufzustellen und sie müsse die Ausreise von jenen Menschen anpacken, die kein Bleiberecht hätten. Der Kreistag beschloss den Integrationsplan mit überwältigender Mehrheit. Nur die zwei REP-Kreisräte stimmten mit Nein.

Ausländeranteil steigt auf 16 Prozent

9 100 Flüchtlinge sowie 516 minderjährige, unbegleitete Ausländer sind vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Oktober 2017 in den Landkreis Esslingen eingereist.

4 628 Personen wurden in diesem Zeitraum aus der vorläufigen Unterbringung des Landkreises in die Anschlussunterbringung bei den Städten und Gemeinden zugewiesen.

Im Jahr 2011 betrug der Ausländeranteil im Kreis Esslingen 13 Prozent (65 400 von 504 900 Personen). Bis 2016 ist der Ausländeranteil um etwa drei Prozent auf 16,1 Prozent gestiegen (84 000 von 527 000 Personen). Die Bevölkerungszahl insgesamt ist um vier Prozent gestiegen.

130 Staatsangehörigkeiten gibt es hier. Die größte Gruppe sind die Türken, gefolgt von Menschen aus Italien, Griechenland, Kroatien, Rumänien, Kosovo, Polen und Syrien.rok

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