Zwischen Neckar und Alb

„Wir sind gut vorbereitet“

Corona Dass die Zahl der Infizierten im Kreis wieder ansteigt, hält der Arzt Rainer Graneis für bedenklich. Für Maskenverweigerer hat er kein Verständnis. Von Gerd Schneider

Rainer Graneis praktiziert im Ostfilderner Stadtteil Nellingen. Außerdem ist er Sprecher der Kreisärzteschaft.Foto: Roberto Bulg
Rainer Graneis praktiziert im Ostfilderner Stadtteil Nellingen. Außerdem ist er Sprecher der Kreisärzteschaft. Foto: Roberto Bulgrin

Der Nellinger Allgemein­arzt Rainer Graneis hat momentan jede Menge zu tun. Mit den kühleren Temperaturen steigt die Zahl an Patienten, die unter Erkältungen leiden, was in Zeiten der Corona-Pandemie große Herausforderungen mit sich bringt. Außerdem steht die Grippesaison bevor. Graneis ist Sprecher der Kreisärzteschaft und gehört federführend dem Corona-Krisenstab des Landkreises an.

Herr Graneis, die zweite Covid-19-Welle ist da. Wie sind die Hausärzte im Kreis darauf vorbereitet?

Rainer Graneis: Ja, die Welle wird größer. Aber wir sind gut darauf vorbereitet. Wir haben in Nürtingen das Abstrichzentrum mit Fieberambulanz, und dazu gibt es 39 Covid-Schwerpunkt-Praxen im Kreis, die sich um solche Patienten kümmern.

 

Wie bekommen Sie all die Patienten versorgt, die jetzt mit dem beginnenden Herbst Erkältungssymptome haben und damit potenzielle Corona-Fälle sind?

Rainer Graneis: Das ist das Problem. Wir haben gerade jetzt viele, viele Patienten mit Erkältungssymp­tomen, das ist typisch für diese Zeit. 99 Prozent der Fälle sind banale Infekte, es sind Patienten mit Schnupfen oder Halsschmerzen. Aber alle müssen wir primär so behandeln, als hätten sie Corona und wären hochansteckend. Das heißt, mit der kompletten Schutzkleidung und -ausrüstung sowie den ganzen Vorsichtsmaßnahmen.

 

Werden die Kapazitäten für die Corona-Tests im Kreis reichen? Die eigentliche Hochsaison für grippale Infekte steht uns ja noch bevor.

Rainer Graneis: Davon gehe ich aus. Wir haben die erste Welle im Frühjahr gut bewältigt, und damals mussten wir erst alle Strukturen dafür aufbauen - warum sollten wir es dann jetzt nicht schaffen? Falls das Abstrichzentrum in Nürtingen an seine Grenzen kommt, wären wir in der Lage, wieder das zweite Zentrum an der Messe hochzufahren.

 

Mit welchem Verlauf an Corona-Fällen rechnen Sie in den nächsten Monaten?

Rainer Graneis: Gelassen bin ich nicht, man muss auf der Hut sein. Von dramatischen Verhältnissen sind wird aktuell allerdings ein Stück entfernt. Von den getesteten Patienten sind momentan etwa fünf Prozent Corona-positiv. Wir haben aber keinen Patienten auf der Intensivstation. Bei der Sieben-Tage-Inzidenz, der Zahl der gemeldeten Neuinfizierten pro 100 000 Einwohnern, lagen wir letzte Woche bei 26, davor auch schon bei über 30. Ab der Schwelle von 35 gilt erhöhte Vorsicht. Liegt die Inzidenz höher als 50, greifen verschärfte Maßnahmen.

 

Woran kann das liegen, dass der Landkreis Esslingen bei der Inzidenz weit über dem Landesdurchschnitt liegt?

Rainer Graneis: Das ist schwer zu sagen. Vielleicht spielt der Flughafen eine Rolle.

 

Die Bundeskanzlerin hat mit drastischen Szenarien an die Bürger appelliert, nicht nachzulassen bei den Vorsichtsmaßnahmen. Manche halten das für übertrieben.

Rainer Graneis: Unsinn! Die Zahlen sind nur deshalb auf diesem Niveau, weil die meisten Menschen Corona sehr ernst nehmen und entsprechend vorsichtig sind. Sie tragen Schutzmasken, halten Abstand und achten auf Hygiene. Nur deshalb haben wir das Virus bislang im Griff.

 

Haben Sie Verständnis für Menschen, die keine Maske tragen wollen und die Corona-Maßnahmen des Staates für überzogen halten?

Rainer Graneis: Nein. Ich verstehe diese Menschen nicht. Es muss sich doch jeder darüber bewusst sein, dass man andere anstecken kann. Die Altersgruppe, in der es derzeit bei uns im Kreis die meisten Neuinfizierten gibt, ist plus/minus 30. Vor schweren Verläufen müssen sich die allermeisten von ihnen nicht fürchten. Aber sie haben sicher Freunde und Verwandte, die über 60 sind. Und in diesem Alter weisen nun mal viele klassische Risikofaktoren auf: Raucher und Übergewichtige, Leute mit Diabetes, Bluthochdruck oder Lungenkrankheiten. Für die ist Corona gefährlich. Also: Man gefährdet andere, und deswegen muss man Maske tragen. Man kann dagegen sein, und von mir aus kann man auch gegen den Kurs der Regierung demonstrieren. Aber nur mit Maske.

 

Empfehlen Sie Ihren Patienten, sich speziell vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie gegen Grippe impfen zu lassen?

Rainer Graneis: Ja, ich empfehle das allen. Allerdings haben viele niedergelassene Ärzte derzeit noch nicht genug Impfdosen. Daher priorisieren wir erst mal diejenigen, die älter als 60 sind, Schwangere und Beschäftigte im Gesundheitssektor.

 

Wie schaffen Sie es als niedergelassener Arzt eigentlich, den Überblick zu behalten, wenn sich die Empfehlungen und Regeln zu Corona ständig ändern?

Rainer Graneis: Das ist gar nicht so leicht, denn es ändert sich immerzu etwas. Es braucht ein gutes Informationssys­tem, und das haben wir im Landkreis zum Glück. Wir haben einen regelmäßigen Rundbrief, bei dem 1300 Ärzte im Verteiler sind. Darin werden alle Änderungen und neue Entwicklungen zu Corona zusammengefasst. Und jeden Dienstag tagt der Krisenstab des Kreises, in dem Vertreter der Ärzteschaft, der Kliniken, der Malteser, des Gesundheitsamts und des Landrats­amts sitzen.

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