Zwischen Neckar und Alb

„Wir wollen Chancen schenken“

Armut Die Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen ist 2016 316-mal in der Not eingesprungen.

Symbolfoto

Esslingen. Familie S. hat drei Kinder, der Vater ist arbeitslos, die Mutter hat nur einen Minijob. Die Kinder sind aus den Sportsachen herausgewachsen. Auch die Fünftklässlerin braucht mehr für die Schule, als die Familie zahlen kann und die staatlichen Hilfen hergeben. Ein klassisches Beispiel, in dem die Kinderstiftung Esslingen-Nürtingen einspringt. Vor fünf Jahren ist sie vom katholischen Dekanat Esslingen-Nürtingen und der Caritas Fils-Neckar-Alb gegründet worden. Das Stiftungskapital von 50 000 Euro ist mittlerweile auf rund 118 000 Euro angewachsen. Auch die Zahl der Kinder aus einkommensschwachen Familien, denen die Kinderstiftung helfen konnte, ist kontinuierlich in die Höhe geklettert. 2016 konnten 316 Anträge unterstützt werden, 2014 waren es noch 113, 2015 schon 238. Seit ihrer Gründung hat die Kinderstiftung 700 Einzelfall-Anträge erhalten und dafür bisher knapp 58 000 Euro ausgeschüttet.

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6 427 Kinder im Landkreis sind arm

Ob die Teilnahme an einem Schwimmkurs oder im Karateverein, ob beim Gitarrelernen oder beim Feinschliff der deutschen Sprache: Die Kinderstiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die konkreten Nöte von Kindern aus benachteiligten Familien im Landkreis zu lindern. Der gilt zwar als wohlhabend. Nimmt man aber alleine die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit vom Januar 2016, leben hier mindestens 6 427 Kinder in Armut, bestätigt Lisa Kappes-Sassano, Regionalleiterin der Caritas Fils-Neckar-Alb und Kuratoriumsvorsitzende.

Für Paul Magino, Dekan im Dekanat Esslingen-Nürtingen und Gründungsstifter, ist das nicht nur ein wichtiger christlicher, sondern auch ein politischer Auftrag. Der drücke sich auch in dem Armutsbericht aus, den der Diözesanrat und die Caritas zusammen auf den Weg gebracht haben. Er sei deutlich expliziter als der der Landesregierung, die dieses Thema lange Jahre gar nicht habe hören wollen. „Auch wenn dieses Bundesland nach außen hin die Armut nicht kennt, so ist sie doch breit wahrnehmbar“, weiß der Dekan. Mittlerweile gehören aber Familienpflege, Diakonie, die Stiftung Jugendhilfe aktiv oder andere Einrichtungen zu den Antragstellern. Der Bekanntheitsgrad nimmt zu. Die Förderung ist auf 300 Euro pro Kind und Jahr gedeckelt. Sie soll den Staat nicht aus der Pflicht nehmen, sondern springt erst dann ein, wenn seine Leistungen abgeschöpft sind.

Die Unterstützung der Kinderstiftung beschränkt sich nicht nur auf finanzielle Einzelfallhilfe. 32 Menschen aus allen Berufs- und Altersgruppen verbringen mit betroffenen Kindern als ehrenamtliche Paten ein Jahr lang einmal in der Woche ihre Zeit. Die „Chancenschenker“ gehen mit ihnen ins Theater, lernen mit ihnen, machen Ausflüge und vieles mehr. 15 000 Euro nimmt die Stiftung dafür jedes Jahr in die Hand.

Bei einem Zinssatz von 2,25 Prozent wirft das Stiftungskapital nicht viel ab. Und so werden die Ausschüttungen eben aus den Spenden bestritten, wie Kuratoriumsmitglied Frank Dierolf, hauptberuflich im Vorstand der Kreissparkasse, einräumt. Im vergangenen Jahr sind rund 54 500 Euro zusammengekommen. Sie stammen zum Beispiel von Unternehmen, die ihre Weihnachtsgeschenke an Kunden und Mitarbeiter dadurch ersetzt haben. Oder von Kindern, die Selbstgebasteltes auf dem Flohmarkt verkauft haben. Bislang kommen die meisten Förderanträge aus dem Raum Esslingen. Deshalb soll in diesem Jahr die Region um Nürtingen mehr einbezogen werden. Claudia Bitzer