Zwischen Neckar und Alb

„Wir würden sofort wieder losfahren, um zu helfen“

Konvoi Feuerwehren, das DRK und die Malteser aus dem Kreis haben eine einzigartige Hilfsaktion für Erdbebenopfer in Kroatien gestartet. Sie wurden mit Jubel von der notleidenden Bevölkerung empfangen. Von Thomas Krytzner

Auf der insgesamt zwölfstündigen, 1920 Kilometer langen Fahrt nach Kroatien ging es auch über schneebedeckte Straßen.
Auf der insgesamt zwölfstündigen, 1920 Kilometer langen Fahrt nach Kroatien ging es auch über schneebedeckte Straßen. Fotos: DRK

Am 29. Dezember 2020 ereignete sich ein Erdbeben der Stärke 6,4. Das Epizentrum lag bei Petrinja in Kroatien. Dabei kamen mindestens sieben Menschen ums Leben, und es entstanden beträchtliche Schäden. Zum Teil wurden ganze Dörfer dem Erdboden gleich gemacht. In Baden-Württemberg rief der ehemalige Vizepräsident des Landesfeuerwehrverbands, Gerhard Lay, die Feuerwehren zu Sachspenden auf. An dieser Aktion beteiligten sich auch Fabian Günther, Sven Kohls, Philipp Ron und Jonas Brinn vom DRK Ortsverein Baltmannsweiler. Sie fuhren mit einem Mannschaftstransportwagen samt Anhänger im Konvoi in das Krisengebiet, um dringend benötigte Hilfsmittel zu liefern.

Sven Kohls, Jonas Brinn, Philipp Ron und Fabian Günther vom DRK Baltmannsweiler waren ein Teil des Hilfskonvois für Kroatien (ob
Sven Kohls, Jonas Brinn, Philipp Ron und Fabian Günther vom DRK Baltmannsweiler waren ein Teil des Hilfskonvois für Kroatien (oben). Die Erdbebenopfer wohnen zum Teil in notdürftig aufgestellten Zelten, Containern oder Wohnmobilen (rechts), weil ihre Häuser durch das Beben zerstört wurden (unten). Fotos: DRK

„Für die Entscheidung, ob wir mitfahren, blieben uns gerade mal 20 Minuten“, erinnert sich Sven Kohls an den Neujahrstag. Als Sebastian Kurz, Bürgermeister von Aichtal, die Aktion „Aichtal hilft“ startete, war die Spendenbereitschaft von freiwilligen Feuerwehren sowie vom DRK und den Maltesern so groß, dass beim Beladen der Hilfsgüter klar wurde, der Platz reicht nicht aus. Martin Kuhn vom DRK Kreisverband Esslingen wusste, dass beim Ortsverein in Baltmannsweiler noch ein Mannschaftstransporter samt Anhänger steht und bat seine Kollegen um Hilfe. „Ich habe noch nie im Leben in 20 Minuten so viel telefoniert wie am Neujahrstag“, berichtet Bereitschaftsleiter Fabian Günther von seiner Entscheidungsfindung, ob er kurzfristig nach Kroatien fah- ren soll. Rasch fand er drei weitere Kollegen für die Hilfsaktion. Die Reaktionen in den jeweiligen Familien waren gemischt, und es flossen auch Tränen, weil sich Angst breit machte. Die Neugier indes überwog bei den vier Einsatzkräften aus Baltmannsweiler. „Wir wussten ja nicht, was uns in Kroatien erwartet“, beschreibt Jonas Brinn die Gefühle.

Die Not ist groß. Die Erdbebenopfer wohnenzum Teil in notdürftig aufgestellten Zelten, Containern oder Wohnmobilen, weil ihre Hä
Die Not ist groß. Die Erdbebenopfer wohnenzum Teil in notdürftig aufgestellten Zelten, Containern oder Wohnmobilen, weil ihre Häuser durch das Beben zerstört wurden.

Los ging es am Feuerwehrgebäude in Aichtal, wo der Anhänger mit den Hilfsgütern beladen wurde. Insgesamt vier Fahrzeuge aus dem Landkreis Esslingen standen bereit, sich dem Hilfskonvoi in Gruibingen anzuschließen. „Nach einer Wartezeit bei den Maltesern in Kirchheim, wo wir sehr gut verpflegt wurden, gings um 2 Uhr nachts endlich los“, erklärt Philipp Ron.

850 Kilometer Fahrt stand dem Konvoi mit insgesamt 16 Fahrzeugen bevor, eine zwölfstündige Fahrt, die es in sich hatte. „Es war die längste Blaulichtfahrt meines Lebens“, erzählt Sven Kohls. So richtig bewusst, wo die Fahrt überhaupt hingeht, wurde es den vier Rotkreuzhelfern an der Grenze zu Kroatien. Denn: In Richtung Slowenien bildeten sich in der Grenzregion kilometerlange Staus von Menschen, die aus der Erdbebenregion flüchteten. „Da wurden wir zum ersten Mal nachdenklich“, beschreibt Sven Kohls das aufkeimende mulmige Gefühl.

Die Zerstörungswut des ersten Erdbebens am 29. Dezember 2020 war groß. Innerhalb von 20 Sekunden vernichtete das Erdbeben mit ei
Die Zerstörungswut des ersten Erdbebens am 29. Dezember 2020 war groß. Innerhalb von 20 Sekunden vernichtete das Erdbeben mit einer Stärke von 6,4 auf der Richterskale zehntausende Häuser. Die Menschen sind derzeit obdachlos.

Kurz vor dem Zielort Sisak wurde der Hilfskonvoi von Kollegen der örtlichen Feuerwehr eskortiert. „Wir sahen, dass die Kathedrale von Sisak erkennbare Risse hatte und dass bei vielen Häusern die Dächer abgedeckt oder eingestürzt waren“, erinnert sich Fabian Günther an die ersten Eindrücke. „Vor einer Brücke hieß es: Einzeln passieren, wir wissen nicht, ob die Brücke standhält. Erst da wurde uns bewusst, in welche Gefahr wir uns begaben“, betont Philipp Ron. „Selbst das Feuerwehrgebäude von Sisak, Einsatzzentrale für das Erdbebengebiet, wies Beschädigungen auf.“ Ein besonderes Erlebnis war jedoch der Jubel der Menschen, als der Hilfskonvoi nach zwölf Stunden Fahrt in Sisak eintraf. Nach dem Ausladen der Hilfgüter ging es ins Hotel zum Schlafen.

Verstörende Bilder vor Ort

Am nächsten Tag hieß es, bei Aufräumarbeiten zu helfen. „Einer Familie, deren Hausdach zerstört war, konnten wir beim Aufspannen einer Plane über das Dach helfen“, sagt Sven Kohls. „Ställe und Scheunen waren vollständig zusammengefallen, und die Hausmauern wiesen starke Risse auf“, präzisiert Jonas Brinn den ersten Eindruck vom Erdbebengebiet. „Es war schwierig, dieses Leid der Dorfbewohner zu sehen. Die Menschen müssen nun in Zelten oder in Notunterkünften hausen.“ Die Exkursion in das betroffene Gebiet brachte für Sven Kohls mehrere Erkenntnisse: „Zum einen war uns allen klar, dass es richtig war, hierher zu fahren, um zu helfen, und zum anderen lernten wir, dass bei Erdbeben mit diesem Ausmaß vor allem Behausungen für die Menschen gebraucht werden.“

Gegen 14.15 Uhr traten die vier DRKler die Rückreise in die Heimat an. Zu Hause angekommen war sich der Helfertrupp sofort einig: „Es bedarf weiterer Hilfe für die Menschen in Kroatien. Wir fah- ren sofort wieder nach Kroatien, wenn wir weitere benötigte Hilfsgüter bekommen.“

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