Zwischen Neckar und Alb

Wissen, wo das Schlagloch lauert

Technologie Mit der neuen Schlagloch-App eines Stuttgarter Start-up-Unternehmens lassen sich Straßenschäden umfassend klassifizieren und gezielt Sanierungspläne erarbeiten. Von Harald Flößer

Leicht zu bedienen: Leinfelden-Echterdingens Bauhof-Mitarbeiter Ottokar Schmelzle ist von der App überzeugt (oben). Schlaglöcher
Leicht zu bedienen: Leinfelden-Echterdingens Bauhof-Mitarbeiter Ottokar Schmelzle ist von der App überzeugt. Foto: Roberto Bulgrin 

Das hält noch eine Weile. Außerdem stehen im Haushalt sowieso keine freien Mittel zur Verfügung.“ Mit solchen Argumenten tritt man im Gemeinderat gerne auf die Bremse, wenn es um das Ausbessern schadhafter Stellen auf örtlichen Straßen geht. Mit oftmals fatalen Folgen: Ein harter Winter mit Frostperioden reicht schon, um aus kleineren Rissen oder Schlaglöchern einen teuren Sanierungsfall zu machen. Künstliche Intelligenz hilft nun Kommunen, rechtzeitig einzugreifen und damit Geld zu sparen.

Mit einer App von Vialytics, einer Erfindung von drei Jungunternehmern aus Stuttgart, lässt sich der Zustand des kommunalen Straßennetzes nicht nur schnell erfassen, sondern notwendige Sanierungsschritte auch effizient und einfach planen. 25 Städte, Gemeinden und Landkreise in Baden-Württemberg und Hessen sowie die Stadt Leipzig in Sachsen vertrauen bereits auf die Schlagloch-App. Im Landkreis Esslingen sind es Weilheim, Wernau, Frickenhausen, Aichwald und seit Kurzem die Große Kreisstadt Leinfelden-Echterdingen.

Andreas Waibel, der Leiter des dortigen Tiefbauamtes, ist von der modernen Technik überzeugt: „Sie hilft uns, Geld und zugleich Zeit sparen“, sagt er. Genauso begeistert ist Bauhof-Mitarbeiter Ottokar Schmelzle. „Diese Technik ist wirklich sinnvoll. Und sie lässt sich einfach bedienen.“

Fünf Bewertungsstufen

Und so funktioniert die App: Ein Smartphone, das an der Windschutzscheibe beispielsweise eines städtischen Fahrzeugs angebracht ist, erfasst über seinen Bewegungssensor beim Befahren einer Straße alle Erschütterungen. Seine Kamera liefert Bilder, und der GPS-Empfänger bestimmt den jeweiligen Standort. Die so gesammelten Daten werden anschließend von Vialytics ausgewertet und der Kommune zur Verfügung gestellt. „Alle vier Meter macht die Kamera ein Foto“, erklärt Kundenbetreuer Daniel Moz. Auf diese Weise werde der gesamte Straßenraum erfasst. Sämtliche Schäden werden nach fünf Bewertungsstufen kategorisiert, von 1 für guter Zustand bis 5 für stark sanierungsbedürftig.

Vialytics orientiert sich dabei an den Vorgaben der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV). „Wir gehen sogar noch darüber hinaus, weil wir bei den Schäden noch mehr differenzieren“, erklärt Moz. Das System werde stetig weiterentwickelt. Neu sei beispielsweise, dass auf überstehende Gullydeckel aufmerksam gemacht wird. Außerdem zeige die App Defizite bei der Verkehrssicherheit auf. Wenn etwa Büsche in den Straßenraum hineinragen oder Schäden an Gehwegen festzustellen sind. Diese Aufnahmen muss der jeweilige Fahrer allerdings händisch mit dem Smartphone machen.

Anfangs große Skepsis

Als ihm die neue Technologie vorgestellt wurde, habe er große Zweifel gehabt, berichtet Bauhof-Mitarbeiter Schmelzle. „Ich dachte erst, ich werde verschaukelt.“ Heute möchte er sie nicht mehr missen. Seit 28 Jahren ist er bei der Stadt Leinfelden-Echterdingen beschäftigt und kennt dort mittlerweile jeden Winkel. Und natürlich einen Großteil des 145 Kilometer langen innerörtlichen Straßennetzes. Dass der Zustand der Straßen in Leinfelden-Echterdingen mittelmäßig bis eher schlecht einzustufen ist, war Schmelzle von vielen Fahrten durch die Stadt bereits bekannt. Dank der neuen Technologie hat er nun einen objektiven Blick auf die jeweiligen Schäden und verlässliche Daten, die Gemeinderat und Verwaltung helfen, die Situation richtig einzuschätzen und Sanierungspläne aufzustellen.

Dabei geht es stets um viel Geld. Im aktuellen Haushalt der Stadt Leinfelden-Echterdingen sind 2,5 Millionen Euro für Komplett-Sanierungen am Straßennetz eingestellt, hinzu kommt eine halbe Million für kleinere Ausbesserungen. Wollte man wirklich alle Schäden ausmerzen, müsste die Summe noch deutlich höher sein.

„Absolut sinnvoll“

52 000 Euro verlangt Vialytics von der 40 000-Einwohner-Kommune für ein Drei-Jahres-Abo. Die Hälfte trägt die Stadt, die andere Hälfte wird über staatliche Fördermittel finanziert. Tiefbauamts-Chef Waibel braucht nicht lange nachzudenken: „Absolut sinnvoll eingesetztes Geld.“

Info Das Start-up „Vialytics“ wurde von der EnBW gemeinsam mit den Gründern Achim Hoth, Patrick Glaser und Danilo Jovicic sowie der Pioniergeist GmbH gegründet.

SchlaglochLimburgstr
Schlagloch in der Kirchheimer Limburgstraße. Foto: Carsten Riedl
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