Zwischen Neckar und Alb
Wo ohrenbetäubender Lärm die Moderne verkündete

Erinnerung Beim „Tag des offenen Denkmals“ herrscht reger Andrang im Wendlinger Otto-Quartier.

Wendlingen. Zur ersten Führung im Wendlinger Otto-Quartier um 11 Uhr kamen am Tag des offenen Denkmals mehr als 40 Interessierte, und es gab so viel zum Schauen und so viele Nachfragen, dass aus der geplanten Stunde schnell eineinhalb wurden. Karsten Preßler, in der Praktischen Bau- und Kunstdenkmalpflege unter anderem für den Landkreis Esslingen zuständig, gab Auskunft.

Ganze 50 Jahre lang, von 1844 bis 1894, leitete Heinrich Otto sein Textilunternehmen, vergrößerte es mit Standorten in Frickenhausen, Neckartenzlingen, Nürtingen, Plochingen, Reichenbach und Unterboihingen. 1885 beschloss sein Sohn Robert Otto, Leiter des Unterboihinger Werks, in Wendlingen eine Weberei zu errichten. Die Spinnerei kam in Wendlingen erst später dazu, bis dahin wurde die dortige Weberei von Unterboihingen mit Garn beliefert. Geplant wurde der neue Standort von Otto Tafel und später dem fleißigen „Blitzarchitekten“ Philipp Jakob Manz.

Der Kohle als Energielieferant standen die Erbauer noch skeptisch gegenüber, sie setzten anfangs rein auf Wasserkraft. Die Transmission vom Wasserturbinenhaus zur Weberei geschah unterirdisch über Riemen, dadurch war der Antrieb der Webstühle verdeckt und sicher. Auch in anderer Hinsicht war die Weberei modern: Sie hatte elektrisches Licht, der Strom wurde über Dynamos im Untergeschoss erzeugt. „Es war eines der modernsten und größten Webereigebäude der Zeit“, sagte Preßler. Es gab 600 Webstühle.

Auch der Hochbau für die Spinnerei entstand 1889 und 1903 in zwei Bauabschnitten. Preßler erinnerte an den Lärm, der einst in den großen Spinnereisälen geherrscht haben muss. Ein Zuhörer bestätigte das: „Man konnte sich nicht unterhalten. Ich weiß von meiner Mutter, dass die Mitarbeiterinnen mit der Zeit alle schwerhörig wurden.“ Die Fenster sind alle doppelt: Die äußeren Fenster sind aus Metall, die inneren Fenster aus Holz. Für die Be- und Entlüftung gab es große Kanäle, auch die Sprinkleranlage ist noch zu sehen. Für sie gab es hoch oben einen Wassertank, in einem der Treppenhäuser ist noch der Wasserstandsanzeiger zu sehen. Fürs Spinnereigebäude sei eine gewerbliche Nutzung geplant, sagte Preßler. „Das wird nicht ohne Eingriffe gehen.“ Durch das Öffnen der Geschossdecken soll innen ein Lichthof entstehen. „Das ist möglich, ohne dem Baudenkmal zu sehr weh zu tun.“

In der Weberei ist bis 11. Oktober die Wanderausstellung „Upgrade! Ressource Industriedenkmal“ zu sehen. Auf großen Tafeln präsentiert die Vereinigung der Denkmalfachämter in den Ländern, wie historische Bausubstanz bei vielen bereits abgeschlossenen Projekten bundesweit neu genutzt wurde. In einer hohen Halle wurde ein „Haus im Haus“ gebaut, in einen Wasserturm ist ein Hotel eingezogen. Die Ausstellung ist nur im Rahmen von Führungen zu sehen. Interessenten melden sich bei patrick.schumann@rps.bwl.de. Die Führungen werden unter www.denkmalpflege-bw.de veröffentlicht. Peter Dietrich