Zwischen Neckar und Alb

Wo selbst Zeus sich fürchtet in der Nacht

Ausstellung Der in Kirchheim geborene Fotograf Murat Türemis hat das Schicksal von Kindern auf ihrem Fluchtweg nach Europa dokumentiert. Zu sehen sind die Fotos zurzeit in Filderstadt. Von Bernd Köble

Gesichter, die sich einprägen: Geflüchtete bei der nächtlichen Ankunft auf der griechischen Insel Chios.Foto: Murat Türemis
Gesichter, die sich einprägen: Geflüchtete bei der nächtlichen Ankunft auf der griechischen Insel Chios.Foto: Murat Türemis

Es ist ein Abschied, der befremdet. Murat Türemis umarmt den Mann, weint mit ihm, versucht Trost zu spenden ohne Worte. Der Syrer hat soeben seinen Sohn beerdigt, der auf der langen Reise mit unklarem Ziel an einer Hirnhautentzündung gestorben ist. Eine Reise, die der Mann anschließend fortsetzt. Das Grab im türkischen Çeşme lässt er zurück.

Murat Türemis hat viele solcher Schicksale erlebt. Ein halbes Jahr lang hat er Menschen auf der Flucht nach Europa mit der Kamera begleitet und dabei die Schwächsten der Schwachen zu seinem Thema gemacht. „Kinder sind Antihelden“, sagt Türe­mis. „Sie können den Lauf der Geschichte nicht beeinflussen. Sie sind gefangen darin.“ Kinder auf der Flucht, auf staubigen Landstraßen, in durchnässten Lagern. Nächte im Freien bei Hunger und Kälte. Gesichter, aus denen vor allem eines spricht: Unverständnis.

Türemis hat die Gesichter der Kinder ins Zentrum seiner Arbeit gerückt. Monatelang war er auf der Fluchtroute von der türkischen Ägäisküste und den vorgelagerten Inseln Griechenlands bis zur mazedonischen Grenze unterwegs. Drei Wochen lang hat er im Februar 2016 im Grenzlager im griechischen Idomeni mit den dort Gestrandeten verbracht. Hat Freundschaften geschlossen und menschliche Nähe erfahren, wo Menschlichkeit fernab schien.

Dazu gehört auch die Hilfsbereitschaft der griechischen Bevölkerung, die er erlebt hat. In einem schon weithin sichtbaren Lager, weil der Himmel, der es überspannt, rußgeschwärzt ist. Verdunkelt vom Qualm zahlloser Feuerstellen. Ein kalter, lebensfeindlicher Ort, der sich nach tagelangen Regenfällen in eine Schlammwüste verwandelt hat. „Die Menschen haben alles, was greifbar war, verbrannt, um Kleidung und Habseligkeiten zu trocknen“, erzählt Murat Türemis. Eine Tragödie an der Stätte der griechischen Mythologie. „An einem Ort“, wie er sagt, „an dem selbst Zeus sich vor der Nacht gefürchtet haben soll.“

In einer solchen Nacht entstanden auch seine Schwarz-Weiß-Porträts auf der Ägäis-Insel Chios. Türemis ist mittendrin, so nah wie möglich am Geschehen. Er zeichnet Gesichter, in denen sich Ängste spiegeln. Immer auf der Hut, Klischees zu meiden. „Empathie ist die wichtigste Voraussetzung für ein gutes Foto“, sagt der 52-Jährige. Wichtiger als die Genehmigung durch die Behörden, ohne die nichts geht. Türemis will wie viele seiner Kollegen Zeitzeuge sein. Was sich in den vergangenen beiden Jahren im Mittelmeer und auf der Balkanroute ereignet hat, nennt er historisch. „Keiner soll hinterher sagen können, dass es all dies nicht gegeben hat.“

Was ihn bei seinen Begegnungen mit Kindern beeindruckt habe? „Ihre Lebensenergie“, sagt Türemis. Wenn etwa gespielt und gelacht werde, trotz tagelanger Fußmärsche. „Kinder sind neugierig und für wenig dankbar. Sie brauchen nicht mehr als Wärme und Zuneigung.“ Seine Ausstellung „Auf der Flucht - being a child refugee“ ist auch ein politisches Bekenntnis. „Sämtliche Rechte aus der UN-Kinderrechtskonvention werden in den Camps ignoriert und mit Füßen getreten“, sagt Türemis. Er hat miterlebt, wie radikale Ideologien verbreitet werden in den Camps. „Wenn man sich um diese Kinder nicht kümmert“, meint er, „dann stellt sich die Frage: Was kommt danach?“

1www.murattueremis.de

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