Zwischen Neckar und Alb

Wurde beim Bau geschludert?

Experten sehen Mängel an der abgerutschten Wand in Zizishausen – Staatsanwaltschaft ermittelt

Im Juni rutschte ein Hang in Zizishausen ab – offiziell ist die Ursache unklar. Spricht man mit Fachleuten, hört man: hier muss etwas falsch gelaufen sein.

Die Wand ist am frühen Morgen des 8. Juni abgerutscht - 14 Häuser mussten evakuiert werden. Archivfoto: Jüptner
Die Wand ist am frühen Morgen des 8. Juni abgerutscht - 14 Häuser mussten evakuiert werden. Archivfoto: Jüptner

Nürtingen. „Das war ganz klar ein Böschungsbruch“, sagt Wolfgang Schmauser. Der Hang habe hier der Last der Mauer nicht mehr standhalten können und sei ins Rutschen geraten. Schmauser ist Experte – seit über 20 Jahren ist er Geschäftsführer der Firma Hoy Geokunststoffe in Kesselsdorf bei Dresden. Er ist sich sicher: Am verwendeten Material lag es nicht. „Mit dem, was ich auf den Fotos sehen kann, lässt sich so eine Mauer stabil und sicher bauen“, sagt Schmauser. Der Fehler liegt eher in der technischen Umsetzung.

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Die Mauer sei nach dem Prinzip der bewehrten Erde, auch Geogitter genannt, gebaut worden. Dabei werden Kunststoffmatten mit den Gabionen verbunden und halten durch das Gewicht die Konstruktion stabil. Dafür benötige es aber einiges an „Grundlagenforschung“, wie Schmauser betont. Ein Gutachten und eine Prüfstatik eines Geotechnik-Ingenieurs seien mindestens erforderlich. Beides lag nach derzeitigen Erkenntnissen nicht vor. Nur durch die Gutachten könne bestimmt werden, welches Material verwendet werden darf. Mit Oberboden und lehmigem Aushub, welche auf den Fotos zu sehen sind, könne man nicht die erforderliche Stabilität hinbekommen.

Ähnlich sieht es auch Sigurd Henne, Professor für Landschaftsarchitektur, Umwelt und Stadtplanung an der HfWU Nürtingen. Er zweifelt außerdem an, ob das richtige Auffüllmaterial verwendet wurde. Die Beschaffenheit des Bodens sei wichtig für die Entwässerung des Bauwerks. Ist der Boden zu lehmhaltig, kann sich Wasser stauen und auf den Bau drücken.

Für so ein Bauwerk hätte man laut Schmauser von Anfang an ein Baugrundgutachten und eine Prüfstatik einreichen müssen. Und nicht nur das: Bei Gabionenmauern und bewehrten Erden handelt es sich um nicht geregelte Bauprodukte, für die es keine technischen Baubestimmungen gibt. Deshalb sei eine Zustimmung im Einzelfall erforderlich.Die Anträge dafür müssen beim Regierungspräsidium Tübingen eingereicht werden. Dort weiß man vom Bauvorhaben in Zizishausen nichts.

Die Pressestelle der Stadt Nürtingen schreibt, dass vor der aufgeschütteten Terrasse in den Antragsunterlagen eine Mauer dargestellt sei. Für die sei eine Baugenehmigung erteilt worden. Die Art der technischen Ausführung müsse in den Bauantragsunterlagen nicht dargestellt werden, so Pressesprecher Clint Metzger.

Für die eine Mauer muss nach den Vorgaben der Landesbauordnung kein statischer Nachweis vorgelegt werden. Es genüge, dass ein Statiker beauftragt ist. Folglich bedürfe die Mauer auch keiner „Prüfstatik“. Das gesamte Bauvorhaben werde im Baugrundgutachten behandelt. Mit dem Vorhaben waren Fachbüros für Statik, Baugrunduntersuchung sowie Geotechnik und Grundbau befasst.

„Wir sind nicht befugt, weitergehende Auskünfte aus einem Baugenehmigungsverfahren zu erteilen“, fügt der Pressesprecher in seiner schriftlichen Antwort hinzu. Der Bauherr des Gebäudes betont: „Die Statik und alle mit der Errichtung des ‚Bewehrte-Erde-Systems‘ benötigten Vorschriften waren Auftragsgegenstand bei dem von uns beauftragten Unternehmen“.

Das geologische Gutachten sei von einem Fachbüro aus der Region erstellt worden. Am 11. Juli habe ein Abstimmungsgespräch mit Vertretern des Bauamts der Stadt Nürtingen stattgefunden. „In diesem Gespräch wurde über den Maßnahmenplan diskutiert. Die Stadt Nürtingen möchte den Plan extern überprüfen lassen“, so der Bauherr. Danach werde mit den Angrenzern über die weitere Vorgehensweise gesprochen.

Derweil ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart immer noch gegen Unbekannt wegen Baugefährdung. Noch stehe das Gutachten des Landesamts für Geologie, Rohstoffe und Bergbau aus. Deren Sprecher Jan Holzner geht davon aus, dass die Ermittlungen im Spätsommer abgeschlossen werden können.

Nach dem Hangrutsch in der Nacht zum 8. Juni mussten vorübergehend 14 Häuser unterhalb der Baustelle in der Panoramastraße evakuiert werden. Wie hoch der Gesamtschaden des Hangrutsches ist, kann noch nicht beziffert werden. Die Kosten der Hangsicherungen der vergangenen Wochen muss die Stadt jedoch nicht tragen.