Zwischen Neckar und Alb

Zahngold bringt Bares

Pfandhaus Beim Pfandleiher bekommt die Not ein Gesicht. Eren Darilmaz sieht sie jeden Tag. Wer knapp bei Kasse ist, bekommt von ihm gegen ein Pfand ein Darlehen. Das Geschäft brummt. Von Susann Schönfelder

Eren Darilmatz in seinem Pfandhaus in der Göppinger Grabenstraße. Auch teure Pelze geben Kunden gegen bares Geld ab.Foto: Giacin
Eren Darilmatz in seinem Pfandhaus in der Göppinger Grabenstraße. Auch teure Pelze geben Kunden gegen bares Geld ab. Foto: Giacinto Carlucci

Die Trennung vom alten Familienschmuck dauert keine zehn Minuten. Die alte Frau auf der anderen Seite des Panzerglases hat Alt- und Zahngold dabei. „Wem gehören diese Zähne?“ fragt Eren Darilmaz. „Zum Teil mir“, sagt die Frau verschämt. Der Inhaber des Göppinger Pfandhauses schaut die Sachen durch: 333er-Gold findet er in der Schmuckschatulle. „Von meinen Eltern, die sind schon lange tot“, erzählt die Frau. Emotionen zeigt sie in diesem Moment nicht. Darilmaz wiegt den Schmuck und schätzt das Zahngold. Auf 700 Euro kommt der Geschäftsinhaber schließlich. Seine Kundin staunt und ist erleichtert, sie hatte mit deutlich weniger gerechnet. Noch eine Ausweiskopie, dann verlässt die Rentnerin den Laden in der Grabenstraße - in dem Wissen, sich finanziell etwas Luft verschafft zu haben.

Für Eren Darilmaz sind solche Situationen Alltag. Im August hat der Geislinger das Pfandhaus eröffnet, „seitdem kommen zehn bis 20 Leute pro Tag“ - nicht nur aus dem Landkreis. Der 39-Jährige erlebt lustige Sachen, wenn beispielsweise ein Kunde seinen Hund als Pfand dalassen möchte. Tiere nimmt er aber nicht.

Meistens bekommt der Geschäftsmann mit voller Wucht die Not und Armut der Menschen zu spüren. Wenn ein alter Herr seine Ringe abgibt, um Blumen für das Grab seiner Frau zu kaufen. Oder wenn ein Firmenchef, dessen Unternehmen vor Jahren pleite gegangen ist, heute von Hartz IV lebt und Stammgast im Pfandhaus ist, um seine Krebsmedikamente bezahlen zu können.

Es gibt auch Menschen, die an seine Scheibe klopfen, weil sie wissen, dass er da ist - obwohl der Laden geschlossen ist. „Da weiß ich, die brauchen das Geld jetzt sofort“, sagt Darilmaz.

Es gibt Tage, an denen er seinen Job am liebsten an den Nagel hängen würde - auch wenn er von der Notlage anderer Menschen lebt. Einmal habe eine Familie in seinem Laden gestanden, die wollten ein Kinderspielzeug für ein Darlehen von 40 Euro bei ihm lassen. „Das Kind hat vorher noch ein Eis bekommen, damit es das Spielzeug abgibt“, erzählt Darilmaz.

Das Göppinger Pfandhaus ist ein Spiegelbild dafür, was Armut in Deutschland bedeutet: Eine Märklin-Sprint-Eisenbahn steht hier, eine Kettensäge, ein Hochdruckreiniger. Ein Pelz, ein russischer Rotfuchs, hängt an einer Garderobe. Wert: 4200 Euro. „Vom Reichtum ins Pfandhaus“, beschreibt der Betreiber den Werdegang der Kundin. Doch auch ein Golfset, Bilder, und eine Kaffeemaschine haben den Weg ins Pfandhaus gefunden. Handys, Laptops und Gold gehen am häufigsten über die Ladentheke. „Wir nehmen eigentlich alles“, fasst der 39-Jährige zusammen.

Das ursprüngliche Geschäftsmodell habe sich schnell gewandelt: Anfangs wollte Darilmaz nur Darlehen gegen ein Pfand gewähren, mittlerweile sei der An- und Verkauf ein weiteres Standbein. Gekaufte Sachen werden bei Ebay versteigert. Doch es gibt auch Menschen, die wirklich kurzfris­tig Geld brauchen und ihr Pfand wieder abholen. Dessen Verkehrswert wird geschätzt. Der Zins und die Bearbeitungsgebühr seien bis 300 Euro gesetzlich geregelt. Ab 300 Euro werde es individuell und nach Marktlage festgelegt, erklärt Darilmaz.

Um Weihnachten herrscht Hochbetrieb im Geschäft. „Weihnachten ist jeder jedem etwas schuldig“, meint Darilmaz. Der Konsum regiere, die Fassade müsse gewahrt bleiben - auch wenn das Konto leer ist. „Dabei sollten die Leute doch einfach zusammensitzen, einen Gockel essen und Zeit miteinander verbringen.“ Doch Geschenke müssten offenbar sein. Dafür stiehlt man sich voller Scham ins Pfandhaus - in der Hoffnung, nicht gesehen zu werden. Denn durch die zentrale Lage sei es mit der Anonymität in einer Stadt wie Göppingen nun mal nicht weit her.

Wie kommt man mit all den Schicksalen klar? „Ich habe es nie bereut“, sagt der frühere Autohändler, der in Nenningen aufgewachsen ist und breitestes Schwäbisch spricht. Der Dieselskandal habe ihm den Garaus gemacht, die Banken hätten ihm den Hahn zugedreht. Für ihn war damals die einzige Lösung der Weg zum Pfandhaus. Die eigene Erfahrung sei sein Antrieb, heute anderen Menschen zu helfen: „Wir versuchen, den, der ohne Geld kommt, mit Geld rauszuschicken.“

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