Zwischen Neckar und Alb

Zeitreise mit allen Sinnen

Das Freilichtmuseum in Beuren macht Kultur auch für Blinde erlebbar

Tasten, riechen, schmecken – das Beurener Freilichtmuseum hat auch sehbehinderten Menschen etwas zu bieten. Eine Führung der besonderen Art.

Blindenführung Freilichtmuseum Beuren
Blindenführung Freilichtmuseum Beuren

Beuren. Eine Handvoll Menschen mit Seheinschränkung und ihre Begleitpersonen haben sich an einem heißen Nachmittag und bei fast wolkenlosem Himmel am Treffpunkt Öschelbronner Platz im Freilichtmuseum in Beuren versammelt. Mit Museumsführerin Hannelore Schmid begeben sie sich auf eine Reise der Sinne durch die Zeitgeschichte.

Zunächst geht es links einen geschotterten, mit Ablaufrinnen gespickten Weg hinab in Richtung Museumsgasthaus, ein ehemaliges Bauern- und Wirtschaftsgebäude des 18. Jahrhunderts aus Tamm, zu dessen Eigenheiten ein Anbau mit Stuckdecke im Rokokostil gehört – für die damalige Zeit eine Besonderheit, so beschreibt Hannelore Schmid das Anwesen.

Detailreich geht sie auf das einstige Rathaus in Häslach ein. Das Gebäude mit seinen drei Eingangstüren war einst Schulhaus mit Ratssaal, später der Amtssitz von Bürgermeister Otto Bauer und Lehrerwohnung der Familie Deile. Dort betrieb die Lehrergattin eine Sparkassen-Filiale. Die Familie führte schon 1963 ein mit Fernseher und Kühlschrank modernes Leben.

Auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen machen die Teilnehmer wenige Meter weiter unter einer Linde Rast vor dem Backhaus aus dem Jahr 1887. Die bildhaften Erläuterungen von Hannelore Schmid erheitern und wecken Erinnerungen. Genau beschreibt sie den Aufbau des Backofens, das Anheizen und das Brotbacken in früherer Zeit – gar nicht so einfach und eine Wissenschaft für sich. Für die richtige Backtemperatur muss der aus Schamottesteinen bestehende Ofen mit einem Reisigbesen, der vorne mit einem nassen Sack umwickelt ist, „ausghudelt“ werden. Mit Zeitungspapier wird die Hitze im Ofen getestet.

Auf dem Programm steht anschließend das Tageslicht-Fotoatelier von Otto Hofmann. Das Gebäude mit seiner großzügigen Wandverglasung und einem nach Norden ausgerichteten Glasdach stand einst in Kirchheim. Dort ließ sich seinerzeit beispielsweise auch der Dichter Hermann Hesse ablichten.

Weiter geht es bei der Führung bergauf ins mehrstöckige Gebäude der Familie Kittelberger. In der angenehm temperierten Wohnstube gibt es Wissenswertes zu den Besonderheiten des Bauernhauses und der Familie zu erfahren. In Wohn- und Schlafzimmer können Tisch, Stühle, ein Seil für die Zugläden, Bett, Bettgestell und Truhen ertastet werden. In der angrenzenden Küche vermittelt Hannelore Schmid Eindrücke vom Kochen und Feuermachen in der Zeit um 1800.

Weil es schlichtweg zu heiß ist, um in den Kräutergarten zu gehen, hat Hannelore Schmid vorgesorgt und allerlei in ihren „Gredda“ eingepackt, was ertastet und mit der Nase erkundet werden kann. Erfühlt und gerochen werden können die Beschaffenheit und Aromen von Kamille, Salbei, Lavendel, Rosmarin und Oregano. Auch dürfen mit den Händen, ein alter Kinderschuh mit genagelter Sohle, eine Schiefertafel samt Griffel, ein Kinderhemdchen und ein gestrickter und geflickter Socken mit den Händen erkundet werden.

Den Teilnehmenden gefällt die sinnenreiche eineinhalbstündige Zeitreise. Hannelore Schmid erntet zum Schluss viel Applaus.

Blindenführung Freilichtmuseum Beuren
Blindenführung Freilichtmuseum Beuren
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