Zwischen Neckar und Alb

Ziemlich beste Freunde

Freundschaft Der Iraker Hussein Alo Khalaf kümmert sich um den MS-Kranken Michael Hohner. Für den bedeutet diese Zeit mehr Lebensqualität. Von Katja Eisenhardt

Hussein Alo Khalaf (links) ist anerkannter Flüchtling und kümmert sich um den MS-kranken Michael Hohner. Foto: Katja Eisenhardt
Hussein Alo Khalaf (links) ist anerkannter Flüchtling und kümmert sich um den MS-kranken Michael Hohner. Foto: Katja Eisenhardt

Michael Hohner hat Multiple Sklerose (MS). Eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die zwar therapier-, aber nicht heilbar ist. Die Krankheit brach bei dem heute 37-jährigen Plochinger aus, als er 19 Jahre alt war. „Anfangs trat sie in Schüben auf, allerdings noch nicht so stark, dass sie mich allzu sehr einschränkte. Das verändert sich allerdings über die Jahre massiv“, erklärt Hohner. Er spricht sehr offen über seine Krankheit.

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Die Schübe werden stärker, die Folgen nachhaltiger. Seit 2005 sei sein Sichtfeld einseitig sehr eingeschränkt, ein Jahr später kamen Spastiken dazu. „Heute bin ich Pflegestufe 3 und muss über den Tag verteilt 35 Tabletten nehmen.“ Seit 2008 sitzt Hohner im Rollstuhl: „Anfangs konnte ich noch aufstehen und ein paar Schritte gehen. 2012 war ich sogar samt Rollstuhl im Urlaub auf Teneriffa. Das ist vorbei. Die Muskeln bauen immer mehr ab.“

Michael lebt bei seinen Eltern

Ohne Hilfe gehe im Prinzip nichts mehr, erklärt der 37-Jährige, der bei seinen Eltern in den Lettenäckern lebt und zusätzlich Unterstützung durch den Pflegedienst der Sozialstation Plochingen bekommt. Allein spontan mit dem Rollstuhl vor die Tür oder gar in die Stadt runter zu fahren, sei mittlerweile nicht mehr möglich, sagt Michael Hohner. Geschweige denn, allein aus Plochingen rauszukommen. „Das fängt schon damit an, dass ich genau wissen muss, wo die Bordsteine abgesenkt sind, sodass ich mit dem Rollstuhl fahren kann.“ In Plochingen kenne er die Strecken. „Woanders würde es schwierig werden.“ Hinzu komme, dass es wegen seiner eingeschränkten Sicht auf der Straße gefährlich werden könne - etwa, wenn er ein Auto zu spät sehe.

Das schränke die Lebensqualität natürlich extrem ein: „Es gehen ja nicht mal mehr ganz alltägliche Dinge wie im Sommer Eis essen zu gehen. Ich brauche bei allem Hilfe.“

Hussein will Erzieher werden

Seit einem halben Jahr sorgt der 26-jährige Hussein Alo Khalaf, ein anerkannter Asylbewerber aus dem Irak, der seit Mai 2015 in Plochingen lebt, für Lichtblicke. Die beiden lernten sich über eine Mitarbeiterin der Sozialstation kennen. Alo Khalaf hatte dort angefragt, ob er beim ehrenamtlichen Besuchsdienst aushelfen könne. Schon beim ersten Treffen verstanden sich Hohner und Alo Khalaf so gut, dass sie weitere ausmachten. Heute sind der Dienstag und Samstag feste Termine in der Woche. Dann kommt Alo Khalaf für zwei Stunden bei Hohner vorbei. Wann immer es geht, sind sie draußen unterwegs, sei es im Eiscafé, im Sprachcafé des Lokalen Bündnisses für Flüchtlinge (LBF) oder bei einem Spaziergang. „Wir haben uns sehr schnell angefreundet, es ist ein großes Vertrauensverhältnis da“, sagt Michael Hohner. „Hussein kennt meine Geschichte, ich kenne seine.“ Man merkt, wie viel ihm diese Freundschaft bedeutet.“

Die beiden sind ein eingespieltes Team. Das zeigt sich schnell, als sie sich von den Lettenäckern in Richtung Bruckenwasen aufmachen. Dort trifft sich die Trommelgruppe des LBF. Hussein Alo Khalaf gehört seit einem Jahr zu der internationalen Truppe. Beim Plochinger Bruckenwasenfest hat er Hohner einfach mitgenommen, der probierte das Trommeln aus und fand Gefallen daran.

Sicher lenkt Alo Khalaf den Elektrorollstuhl von Hohner durch die Innenstadt, die Freunde unterhalten sich über das Erlebte der letzten Tage. Er habe gern mit Menschen zu tun, wolle helfen, wo er könne, erzählt der 26-Jährige. Zu Hause im Irak half er bei der Pflege seines Großvaters, hier würde er gern eine Ausbildung zum Erzieher machen, sobald er die Schule beendet hat.

Hussein Alo Khalaf freut sich immer auf die Treffen mit Michael Hohner: „Wir sind schnell gute Freunde geworden, auch seine Familie kenne ich mittlerweile gut“, erzählt er. „Ich habe nie Vorurteile gegenüber Flüchtlingen gehabt, ich bilde mir lieber meine eigene Meinung. Das würde ich wirklich jedem empfehlen“, so der klare Appell Hohners. Dass er Hussein kennengelernt habe, sei für ihn ein Glücksfall.

Multiple Sklerose in Zahlen und Fakten

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Krankheit, bei der das Zentrale Nervensystem angegriffen wird. Die Ursache für die Krankheit ist trotz Forschung unbekannt.

Bei jungen Erwachsenen ist MS nach Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten. Schätzungen ergeben, dass in Deutschland etwa 122 000 Menschen erkrankt sind.

Die Krankheit ist nicht heilbar. Was positiv beeinflusst werden kann, sind die Symptome - beispielsweise durch Logopädie, Physiotherapie, Psychotherapie und Medikamente. mona