Zwischen Neckar und Alb

Zwangsfixierung: ein heißes Eisen

Versorgung Nach der Gesetzesänderung ist die Beschwerdestelle für psychisch kranke Menschen häufiger gefragt. Die Mitarbeiter vermitteln in heiklen Fällen zwischen Ärzten, Pflegekräften und Patienten. Von Roland Kurz

Zwangsfixierung, Medikamente, Entlassbericht und Zweifel an der Diagnose, das sind Themen, um die sich die Informations-, Beratungs- und Beschwerdestelle (IBB) für psychisch kranke Menschen kümmert. Die Beschwerdestelle, die im Kreis Esslingen seit mehr als 20 Jahren arbeitet, hat sich aufgrund der neuen Gesetzeslage neu formiert - und sie hat mehr Arbeit, weil sie bekannter geworden ist.

Schon seit 1996 betreibt eine Gruppe aus Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und Fachleuten ehrenamtlich eine Beschwerdestelle für die psychiatrische Versorgung im Kreis Esslingen. Was es früher nur in wenigen Landkreisen gab, ist durch das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz seit 2015 verpflichtend: Jeder Kreis muss eine Informations-, Beratungs- und Beschwerdestelle (IBB), wie es nun heißt, einrichten. Außerdem gibt es in jedem Regierungsbezirk eine Besuchskommission, die im Drei-Jahres-Rhythmus die großen Kliniken inspiziert.

Vom neuen Namen IBB abgesehen, haben sich für die Kreis-Beschwerdestelle zwei Dinge geändert: Der Landeszuschuss von jährlich 14 500 Euro ermöglichte, in Kirchheim ein Büro einzurichten. Außerdem hat die Arbeit zugenommen, nicht zuletzt dank der neuen Homepage. Bis Mitte Oktober wurden schon mehr als 100 Anfragen gezählt, 2016 waren es im gesamten Jahr 91 Anfragen, davon 26 echte Beschwerden, ansonsten ging es um Beratung. Trotz Zuschuss durch den Kreis legt die IBB großen Wert darauf, unabhängig zu arbeiten.

In die neue IBB muss laut Gesetz ein Patientenfürsprecher integriert sein. Diese Rolle übernimmt offiziell der Psychotherapeut Gerth Döring. Er sieht diese Funktion mit gemischten Gefühlen: „Bislang hat sich jeder von uns als Patientenfürsprecher verstanden.“ Außerdem beobachtet er, dass sich in manchen Landkreisen die IBB auf einen Patientenfürsprecher beschränkt. Die IBB im Kreis Esslingen hält an ihrem trialogischen Prinzip fest: Bei den monatlichen Sitzungen arbeiten die Fachleute, die Angehörigen und die Psychiatrieerfahrenen gleichberechtigt zusammen. Ein Thema, das die Beschwerdestelle immer wieder beschäftigt, ist die Fixierung von Patienten. „Das ist nach wie vor ein heißes Eisen“, sagt Döring. Aktuell bearbeitet er einen Fall, bei dem eine Patientin erklärt, ein Pfleger habe ihr den Arm verdreht. Seit März hat Döring viele Gespräche geführt, auch den Chefarzt eingeschaltet. Der Zwischenstand: Aussage gegen Aussage. Die Pflegekraft erklärt, sie wisse genau, wie man hinlangen dürfe. Demnächst wird es auch noch ein Abschlussgespräch mit allen Beteiligte geben.

In einem anderen Fall hat sich ein Patient beschwert, die Medikamente würden ihm nach Gutdünken verabreicht. Der Patientenfürsprecher hat mit ihm und den Pflegekräften gesprochen. Manchmal geht es auch um die Art des Medikaments. Döring hat beispielsweise nachgehakt, ob das starke Mittel gegen die psychotische Störung wirklich sein müsse. Der Arzt will nun die Medikation überdenken. Erfolgreich hat sich die Beschwerdestelle eingemischt, als ein Patient mit seinem Entlassbericht nicht einverstanden war. Der Chefarzt habe ihn verändert, berichtet Döring. Solche Berichte landen auch bei der Versicherung und können beruflich relevant werden. Kritik an Diagnosen, Geringschätzung durch Ärzte und Pflegepersonal und Kommunikationsprobleme sind weitere Stichworte, die sich in den Jahresberichten immer wieder finden.

IBB-Sprecher Döring glaubt, dass allein die Einmischung der Beschwerdestelle in vielen Fällen eine positive Veränderung bewirkt. Beim Thema Zwangsfixierung wünscht er sich allerdings eine grundsätzliche Veränderung. Gesetzlich sei eine 1:1-Betreuung vorgeschrieben. Angesichts der Personalknappheit werde der Patient meist nur über eine Kamera beobachtet. Man könne aber nur im direkten Kontakt feststellen, ob die Fixierung noch notwendig sei. „Da könnte mehr Empathie einfließen“, bemängelt er die Praxis in vielen deutschen Kliniken. Besser ist aus seiner Sicht die in England praktizierte Methode des Festhaltens, bis der hoch erregte Mensch wieder ansprechbar ist.

Die Kooperation mit dem Chefarzt der Psychiatrie an der Medius-Klinik (vormals Kreiskliniken) lobt Döring. Der Wechsel in der Klinikführung und das veränderte Konzept habe jedoch zunächst zu mehr Unsicherheit bei Patienten und Personal geführt. Nach wie vor registrieren die ehrenamtlichen Mitarbeiter, dass Patienten sich erst nach der Entlassung melden - wohl aus Angst, dass die Beschwerde negative Folgen bei einem weiteren Klinikaufenthalt haben könnte. Aus diesen Beobachtungen ziehe man den Schluss, „dass sich in der psychiatrischen Landschaft - auch bei uns im Landkreis - atmosphärisch, beziehungsfokussiert und inhaltlich noch einiges verbessern lässt“.

Info Am zweiten Donnerstag des Monats gibt es eine offene Sprechstunde im Bürgertreff Nürtingen. Das Büro in Kirchheim befindet sich in der Alleenstraße 92. Weitere Infos gibt es unter der Telefonnummer 01 72/8 41 15 03 oder info@ibb-psychiatrie-esslingen.de.

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