Zwischen Neckar und Alb

Zwangsheirat oder Vernunftehe?

Das Jubiläumsjahr zum 75-jährigen Bestehen Wendlingens geht mit einer Buchpräsentation in die letzte Runde

„Wendlingen am Neckar – Zwangsheirat oder Vernunftehe?“ – dieser Buchtitel birgt Zündstoff. Denn die Vereinigung der Gemeinden Wendlingen und Unterboihingen 1940 sorgt bis heute für Diskussionen. Nun wurde das neue Stadtbuch der Öffentlichkeit vorgestellt.

Bürgermeister Steffen Weigel und die Autoren Dr. Gerhard Hergenröder, Fabian Wex und Manfred Waßner präsentieren den neuesten Ba
Bürgermeister Steffen Weigel und die Autoren Dr. Gerhard Hergenröder, Fabian Wex und Manfred Waßner präsentieren den neuesten Band der Wendlinger Stadtgeschichte.Foto: Sylvia Gierlichs

Wendlingen. Eigentlich hätte der vierte Band der Schriftenreihe zur Stadtgeschichte, der sich mit dem Zusammenschluss von Wendlingen und Unterboihingen beschäftigt, schon im Juli erscheinen sollen. Ein Umstand, der jedoch ganz neue Chancen eröffnete: Zwei weitere Autoren konnten mit ihren Beiträgen weitere Aspekte des Themas aufgreifen. Bis zur Buchpräsentation blieb es spannend, denn die Auslieferung des Buches durch die Druckerei erfolgte fast buchstäblich in letzter Minute.

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Wie Bürgermeister Steffen Weigel erläuterte, wurde schon 1910 über einen Zusammenschluss der beiden Gemeinden nachgedacht. Ein Zusammenschluss, der 1940 erfolgt ist. Ein Vorgang, mit dem sich vor allem in Unterboihingen die Menschen nur schwer abfinden konnten. „Ich bin sicher, dass sich in den vergangenen 75 Jahren gezeigt hat, dass der Zusammenschluss an sich nicht falsch war, der Akt an sich aber nicht mit demokratischen Regeln in Einklang gebracht werden kann“, so Weigel.

Appetit auf die Lektüre machte dann Kreisarchivar Manfred Waßner. So habe Dr. Gerhard Hergenröder mit einer Chronik, die von 1906 bis 1968 reiche, den zeitlichen Rahmen gesteckt. Die Chronik, so Waßner, sei eine nützliche Sache, die schnell einen Überblick über die geschichtlichen Abläufe gebe. So sei nach 1910 auch 1912 ein Anlauf genommen worden, Wendlingen und Unterboihingen zu „verheiraten“. Doch die Schultheißen beider Orte weigerten sich, an einen Zusammenschluss auch nur zu denken. Kurios auch der Schluss der Chronik, die mit dem Jahr 1968 endet – dem Jahr, in dem endlich die Urkunde zur Stadterhebung mit dreieinhalbjähriger Verspätung in Wendlingen eintraf.

Waßners Beitrag trägt den Titel „Zwischen ,Gleichschaltung‘ und Gebietsreform“ und befasst sich mit der kommunalen Selbstverwaltung in Württemberg während der NS-Diktatur. Er schildert, wie die Nationalsozialisten die kommunale Selbstverwaltung ausgeschaltet haben.Nicht nur Wendlingen und Unterboihingen wurden „verheiratet“ . „Mehr als 100 Gemeinden in Württemberg waren davon betroffen“, sagte Waßner.

Der Beitrag Dr. Frank Rabergs, der mit dem Titel „Gewalt und Anmaßung“ überschrieben ist, betont nochmals, dass der Zusammenschluss Unterboihingens und Wendlingens ein Unrechtsakt der nationalsozialistischen Machthaber war und zeigt dann an Weingarten und Pfullingen weitere Beispiele für Eingemeindungen auf. Ein Porträt des Wendlinger Bürgermeisters und späteren Esslinger NSDAP-Kreisleiters Eugen Hund komplettiert Rabergs Abhandlung.

Der vierte Autor, Fabian Wex, ist ein junger Wendlinger Historiker, der sich in seiner Zulassungsarbeit an der Universität Tübingen mit dem Thema befasst hat. Er befasst sich mit den Ausgemeindungsbestrebungen Unterboihingens, die bereits im Mai 1945 begannen. Interessante Aspekte seines Aufsatzes sind die Argumente, die Unterboihingen für die Ausgemeindung, Wendlingen hingegen für den Verbleib des Zusammenschlusses ins Felde führten. Zeitzeugenberichte runden seinen Beitrag ab.

Der Abend wurde musikalisch vom Blechbläserensemble der Musikschule Köngen/Wendlingen umrahmt. Die jungen Männer brachten mit einer verjazzten Version von „Lasst uns froh und munter sein“ am Ende sogar etwas Adventsstimmung in die Veranstaltung.