Zwischen Neckar und Alb

Zwei Kinder auf einen Schlag

Gastfamilie In einem Monat hat Familie Sender zwei Söhne bekommen – ihr Baby Jakob und den jungen Flüchtling Zehrollah. Seit Januar lebt die Familie mit dem Afghanen unter einem Dach.

Foto: pr

Ende Dezember ist Zekrollah, ein junger Flüchtling aus Afghanistan, bei Familie Sender in Kirchheim eingezogen. Ende Januar 2017 ist das erste eigene Kind der Familie geboren. „In einem Monat haben wir zwei Söhne bekommen - das muss man erst mal hinbekommen“, lacht Gastvater Tobias Sender.

Als eine Mitarbeiterin vom Pflegekinderdienst des Landratsamts Esslingen die Familie zu Hause besucht, öffnet Zekrollah mit strahlendem Lächeln die Tür und führt sie in das Wohnzimmer der Familie. Das hat sich seit dem letzten Besuch ein wenig verändert. Seit ein paar Tagen schmückt ein geknüpfter Teppich den Raum. An der Wand hängt eine große Weltkarte, und jetzt auch eine von Afghanistan.

Der neue, deutsche Alltag sieht für den jungen Afghanen aus wie für die meisten seines Alters. Er besucht von Montag bis Freitag die Schule, eine sogenannte VABO-Klasse. Nachmittags hört er Musik, spielt mit Jakob und kocht gemeinsam mit seinem Gastvater. Auch mit Freunden telefonieren ist wichtig. Er spielt sehr gerne Fußball und ist Mitglied in einem Fußballverein in Jesingen. Am Wochenende wird geputzt, es gibt Ausflüge oder Spaziergänge mit dem Hund der Familie. Ein Hund als Familienmitglied ist neu für Zekrollah. Mittlerweile haben sich die beiden gut angefreundet, nur auf den Teppich in Zekrollahs Zimmer darf der Hund nicht.

Muriel und Tobias Sender, die Gasteltern, unterstützen ihren Schützling im Alltag. Es wird viel über Politik, Geschichte und Zusammenhänge gesprochen - das heißt, erklären, erklären, erklären. Natürlich geht es auch um Organisieren und Orientieren wie bei Schulanmeldung oder Ämtergängen. Ihre Rolle als Gasteltern sehen sie weniger in der Erziehung, als vielmehr in der Begleitung.

Auf die Idee, einen Flüchtling aufzunehmen, sind Senders durch eine andere Gastfamilie im Bekanntenkreis gekommen. Freude hat die Gastfamilie auch im Austausch und Vergleich des Lebens in Deutschland und in Afghanistan. „Das ist ein bisschen wie verreisen im Alltag“, schmunzelt Tobias Sender. Oft geht es auch um Themen wie Religion und wichtige Werte wie Freiheit, die eigene Freiheit, aber auch die Freiheit der anderen. Nur über die Gründe für seine Flucht und die Erlebnisse auf dem Weg hierher spreche Zekrollah praktisch nicht.

Auf die Frage, was Zekrollah hier am besten gefällt, antwortet er: „Die Leute sind sehr nett und die Schule finde ich gut - Schule, jeden Tag Schule.“ Er findet das Leben in einer Familie viel besser, als alleine in einer stationären Einrichtung zu sein. Nur die kleine Schwester zu Hause in Afghanistan fehlt Zekrollah sehr.

Nicht immer gelingt das Miteinander von Gastfamilien und den jungen Flüchtlingen so reibungsarm wie bei Familie Sender. Flüchtlinge und ihre Gastfamilien werden je nach Bedarf auch stärker unterstützt und beraten. Manchmal sind die Erwartungen aneinander zu groß und die Gemeinsamkeiten zu klein, oder das „Reisegepäck“ aus dem Herkunftsland ist zu schwer. So kann es vorkommen, dass doch ein neuer Platz gesucht werden muss. Doch wenn ein Gastfamilienverhältnis gelingt, ist es so, wie Muriel Sender es beschreibt: „Es ist ein bisschen wie Blindflug. Doch mit Mut und Neugier ist es ein schöner Flug.“

Momentan ist der Zustrom von jungen Flüchtlingen geringer geworden. Doch für einige sucht der Pflegekinderdienst neue Gastfamilien. Sie werden von Anfang an vom Pflegekinderdienst begleitet und erhalten eine Aufwandsentschädigung und finanzielle Anerkennung ihrer Unterstützung. pm

Info Wer Interesse hat, einen Flüchtling bei sich aufzunehmen, kann sich beim Pflegekinderdienst des Landkreises Esslingen unter der Telefonnummer 07 11/3 90 24 29 92 oder per Mail an pflegekinderdienst@LRA-ES.de melden.

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