Jubiläum
100 Jahre VfL-Handball: Diese Geschichten kennen selbst viele Fans nicht

Die Handballabteilung des VfL Kirchheim feiert 2026 ihr einhundertjähriges Bestehen. Die Geschichte der Abteilung zeugt sportlich und menschlich von bewegten Zeiten.

Collage: Fabian Müller
Collage: Fabian Müller

Wenn schon, denn schon, musste sich Turnlehrer Paul Gross gedacht haben, als er  mit der gerade erst aufgebauten Kirchheimer Handballmannschaft im ersten Freundschaftsspiel gleich gegen den damaligen deutschen Meister aus Stuttgart antrat. „An Selbstvertrauen fehlte es dieser ersten Mannschaft bestimmt nicht“, heißt es in der Festschrift zum 50. Jubiläum. Das war auch nötig, denn beim 0:23 hatten die Kirchheimer nicht viel zu melden. Entmutigen ließ man sich jedoch nicht, und die Turner fanden immer besser im Spiel zusammen. Nach weiteren Freundschaftsspielen wurde 1926 offiziell die Handballriege im TSV 1861 gegründet. Zwei Jahre später starteten die Kirchheimer in der ersten Verbandsrunde, 1931 gelang der Aufstieg in die höchste Liga Württembergs – die Bezirksliga. Kirchheim stellte mit Ernst Weiler auch einen der ersten Schiedsrichter. Er war der zweite Unparteiische überhaupt, der in Württemberg die Prüfung ablegte. Auch die Frauen machten auf sich aufmerksam. Zehn Jahre nach den Männern wurde eine Damenmannschaft etabliert, die 1938 und 1939 württembergischer Vizemeister wurde. 

Die erste Kirchheimer Handball-Mannschaft bestritt 1926 ihr Premieren-Testspiel und suchte sich dafür gleich den deutschen Meist
Die erste Kirchheimer Handball-Mannschaft bestritt 1926 ihr Premieren-Testspiel und suchte sich dafür gleich den deutschen Meister aus Stuttgart als Gegner aus. Von der 0:23-Niederlage ließen sich die Turner aber nicht entmutigen. Fotos: Archiv

Im „Holzvergaser“ zu Auswärtsspielen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1946 der VfL gegründet, in den die Handballer, bestehend aus Zurückgekehrten und ehemaligen Jugendspielern, als Abteilung eintraten. Erster Abteilungsleiter wurde Kurt Holzwart, der bald zwei Männerteams und eine Frauenmannschaft um sich scharte. 1947 nahmen die Männer an der ersten Pflichtspielrunde teil, in der sie in der tiefsten Liga, der Kreisklasse, antreten mussten. Zu Auswärtsspielen wurde gemeinsam im „Holzvergaser“ von Hans Rau gefahren. „Ging es auch auf der Pritsche stehend sehr eng her, so waren die Fahrten umso fröhlicher“, heißt es in den Aufzeichnungen. Sportlich hinkten die Männer in dieser Zeit hinter den Frauen her, die Anfang der 50er-Jahre zur württembergischen Spitzenklasse gehörten. Walter Abele, der 1947 die Abteilungsleitung übernommen hatte, organisierte in Kirchheim die ersten Kleinfeld-Turniere, unter anderem auf dem Rossmarkt, der damals einen beinharten Kiesuntergrund hatte. Ganze Wagenladungen Sägemehl wurden angekarrt, um das Verletzungsrisiko zu verringern. Spiele in der Halle gab es damals kaum. 

Der Krise getrotzt

In den folgenden Jahren erlebte die Handballabteilung eine echte Krise. Die Frauenmannschaft löste sich auf, bei den Männern gingen etliche berufsbedingt weg, und die Jugendarbeit wurde vernachlässigt. Die Abteilung bestand lediglich noch aus acht Jugendspielern, die auf dem Dachboden des Kornhauses zwischen massiven Balken versuchten, irgendwie ein Training abzuhalten. Der neue Abteilungsleiter Artur Daub schaffte es in den folgenden Jahren, wieder eine Struktur aufzubauen. Als Otto Mangold Trainer wurde, stellten sich auch die Erfolge wieder ein.

Das Trikot der erfolgreichsten Kirchheimer Männermannschaft diente als Vorlage für ein Jubiläumstrikot, das eigens für 100 Jahre
Das Trikot der erfolgreichsten Kirchheimer Männermannschaft diente als Vorlage für ein Jubiläumstrikot, das eigens für 100 Jahre Handball in Kirchheim entworfen wurde. Foto: pr

Nach einer weiteren Krise Anfang der 70er-Jahre begann ein lang anhaltender Höhenflug der Männermannschaft. Ein Aufstieg nach dem anderen gelang dem VfL, der sich so von der Kreisklasse 2 in die Landesliga hocharbeitete. Unter Trainer Enrico Wackershauser ging es 1981 sogar bis in die Oberliga. Der VfL hatte sich zudem für den DHB-Pokal qualifiziert und bis ins Achtelfinale gegen Bayer Leverkusen vorgearbeitet. Die Walter-Jacob-Halle platzte mit 850 Zuschauern aus allen Nähten. Das Spiel ging mit 18:19 denkbar knapp verloren.

Comeback führt bis in die Verbandsliga

In der Liga hielt sich der VfL noch eine Weile oben, ehe der tiefe Fall in die Kreisklasse folgte. Im neuen Jahrtausend ging es über die Bezirks- und Landesliga unter Trainer Engelbert Eisenbeil bis in die Verbandsliga, in der sich die Mannschaft mit Unterbrechung viele Jahre etablierte. Doch dann folgte der nächste Bruch. 2022 verließen Trainer und Abteilungsleiter den Verein. Eine Zukunftswerkstatt sollte neue Wege aufzeigen. 2023 verzichtete der VfL auf sein Startrecht in der Verbandsliga, etliche Spieler schlossen sich dem TSV Weilheim an. „Weil der finanzielle Background gefehlt hat, musste die Mannschaft abgemeldet werden“, sagt Marc Eisenmann, der nach zehn Jahren als Jugendleiter von 2006 bis 2013 der Abteilung vorstand. „Aber man hat über all die Jahre gesehen, dass solche Durststrecken einem gesunden Verein nichts anhaben können“, so Eisenmann, der mittlerweile wieder optimistisch in die Zukunft blickt. Hannah Pegios ist es gelungen, wieder Ruhe in die Reihen zu bekommen. „Uns freut es ganz besonders, dass wir jetzt wieder zwei Männermannschaften melden können“, sagt das VfL-Eigengewächs. Auch der Jugendbereich befindet sich im Wiederaufbau. „Im Moment haben wir keine eigene A-Jugend, das wollen wir ändern. Im Mädchenbereich hatten wir vor drei Jahren gar kein Team, jetzt sind es mittlerweile zwei und ein gemischtes. Ich denke, man sieht, dass unser Weg funktioniert. Deshalb kommen auch wieder einige zurück“, freut sich die Abteilungsleiterin. Einer davon ist Martin Rudolph, der nun mithelfen soll, den Restart im Kirchheimer Handball weiter voranzutreiben. 

Jugendspielfeste wie hier im Stadion gehören bei den VfL-Handballern dazu. Foto: pr
Jugendspielfeste wie hier im Stadion gehören bei den VfL-Handballern dazu. Foto: pr

Dass es wieder runder läuft im Kirchheimer Handball, kommt zum Jubiläumsjahr gerade recht. „Wir haben überlegt, was wir sowohl für Interessierte als auch für die eigenen Mitglieder anbieten können“, sagt Hannah Pegios. Herausgekommen sind ein hochkarätiges Einlagespiel, ein Sommercamp für die Jugend und ein interner Abend in der Eduard-Mörike-Halle. „Da schauen wir nochmal gemeinsam auf 100 Jahre zurück.“

Jubiläumsjahr mit zahlreichen Events

Den Auftakt der Feierlichkeiten bildet am Samstag, 18. Juli, ein hochklassiges Freundschaftsspiel in der Walter-Jacob-Halle. Dabei treffen um 19 Uhr die Bundesliga-Frauen von Frisch Auf Göppingen auf die Mannschaft der VfL Waiblingen Tigers. Eintrittskarten gibt es im Vorverkauf im Sportvereinszentrum in der Jesingerstraße 105 sowie bei Juwelier Schairer in Kirchheim. Bis Freitag können Karten zudem per Mail an info@vfl-kirchheim-handball.de unter Angabn des Namens und der Anzahl geordert werden.

Auch die Nachwuchsarbeit erhält im Jubiläumsjahr ihren Platz. Vom 30. Juli bis 1. August findet das Sommercamp der Handballjugend statt. Drei Tage lang stehen Sport, Spiel und Gemeinschaft für die jungen Handballerinnen und Handballer im Mittelpunkt.

Den feierlichen Abschluss bildet am 21. November eine große Jubiläumsgala. Gemeinsam möchte der Verein auf 100 Jahre Abteilungsgeschichte zurückblicken und festliche Stunden mit der gesamten Kirchheimer Handballfamilie verbringen. tb