Interview
„Alkohol wird zu unkritisch betrachtet“

Katrin Janssen von der Suchtberatungsstelle im Kreis über Veranstaltungen wie „Biermarathons“.

Eine große Anzahl an Menschen weist einen kritischen Umgang mit Alkohol auf. Symbolfoto: pixabay
Eine große Anzahl an Menschen weist einen kritischen Umgang mit Alkohol auf. Symbolfoto: pixabay

Der „Biermarathon“ in Kirchheim mag abgesagt sein, die gefühlte Omnipräsenz von Alkohol in der Gesellschaft bleibt aber Thema. Wir wollten von Katrin Janssen wissen, wie sie Veranstaltungsformate wie „Biermarathons“ und den Umgang mit Alkohol in der Öffentlichkeit bewertet. Janssen ist Sachgebietsleiterin der Beratungsstelle Sucht und Prävention im Landratsamt Esslingen.

Wie bewerten Sie als Verantwortliche in einer Suchtberatungsstelle Veranstaltungen wie einen „Biermarathon“, bei denen Alkoholkonsum Teil des sportlichen Wettbewerbs ist?

Katrin Janssen: Alkoholkonsum und das gleichzeitige Betreiben von Sport sind grundsätzlich als ausgesprochen kontraproduktiv zu bewerten. Der Konsum von Alkohol wirkt sich nicht nur negativ auf die sportliche Leistungsfähigkeit aus. Es besteht auch ein erhöhtes Verletzungsrisiko, die Muskelregeneration ist deutlich verlangsamt und der Muskelaufbau wird gehemmt. Bereits ab 0,2 Promille verzögert sich das Reaktionsvermögen und es kommt zu einer verminderten Koordination von Bewegungen. Zudem dehydriert der Konsum von Alkohol den Körper und körperliche Aktivität führt zu weiterem Flüssigkeitsverlust. Das belastet den Körper und kann unter anderem zu Muskelkrämpfen führen.

Ein „Biermarathon“ verknüpft Sport, Leistung, Spaß und Alkoholkonsum. Wie ist diese Kombination aus suchtpräventiver Sicht zu sehen?

Janssen: Sport, Leistung und Spaß in Verbindung mit Alkoholkonsum ist eine denkbar ungünstige Verknüpfung aus suchtpräventiver Sicht. Die positiven Effekte von körperlicher Aktivität, Leistungsfähigkeit und Spaßhaben auf das persönliche Wohlbefinden werden durch den Konsum von Alkohol zunichte gemacht. Leider ist dies oft ein schleichender Prozess, der zu Beginn gegebenenfalls gar nicht so wahrgenommen wird. Es braucht aber gerade das Erleben von positiven Gefühlen und Selbstwirksamkeit unabhängig von Alkoholkonsum, damit Alkohol nicht vom Genussmittel zum „Zweckmittel“ wird. Wenn das Wort „Spaß“ in dieser Aufzählung gestrichen würde, könnte die Veranstaltung tatsächlich suchtpräventiven Charakter haben. Würde nach jeder Runde die Auswirkung des Alkoholkonsums auf den Körper, die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden erhoben und ausgewertet, könnte das im positivsten Sinne zu einer deutlich kritischeren Haltung Alkoholkonsum gegenüber führen.

Alkohol gehört bei vielen Festen und öffentlichen Veranstaltungen selbstverständlich dazu. Wird der Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft zu unkritisch betrachtet?

Entsprechend der Erfahrung, die wir in der täglichen Beratung machen, trifft „unkritisch“ gut zu. Das Ablehnen eines alkoholischen Getränks führt nach wie vor zu erstaunten Blicken oder einem nachdrücklicheren Anbieten des Getränks. Es ist gesellschaftlich deutlich konformer, Alkohol zu konsumieren, als eine bewusste (weitestgehend) abstinente Lebensweise zu führen, die für viele Menschen mit einer höheren Lebensqualität einhergeht. Trotz aktueller Forschungsergebnisse, wonach es keinen risikofreien Alkoholkonsum gibt, ist der Konsum weiterhin in allen Gesellschaftsschichten weit verbreitet. Das gemeinsame Anstoßen bei diversen Anlässen oder das Überreichen von Alkohol als Geschenk oder Dankeschön sind nur zwei Beispiele für die Omnipräsenz von Alkohol. Das ist leider ein Umstand, der nicht nur leicht in eine Abhängigkeitserkrankung führen kann, sondern auch die Überwindung dieser massiv erschwert.

Wo sehen Sie den Unterschied zwischen dem Ausschank von Alkohol bei einem Fest und einer Veranstaltung, bei der der Alkoholkonsum selbst zum Programmpunkt wird?

Bei der ersten Variante kann angenommen werden, dass Menschen aus einer anderen Motivation heraus zusammenkommen als in der Ausschließlichkeit, Alkohol zu konsumieren. Im zweiten Falle kommen Menschen zusammen, denen es ausschließlich um den Konsum von Alkohol geht. Aus suchtpräventiver Sicht ist jede Veranstaltung, bei der Konsum von Suchtmitteln eine Voraussetzung ist, kritisch zu hinterfragen.

Auch wenn sich ein „Biermarathon“ an Erwachsene richtet: Welche Wirkung können solche Veranstaltungsformate auf Jugendliche und junge Erwachsene haben?

Kindern und Jugendlichen sollte ein verantwortungsvoller Umgang beim Konsum von Alkohol durch Erwachsene vorgelebt werden. Das Erleben von Spaß, Leistungsfähigkeit, Lebensfreude und Lebensqualität sollte in erster Linie ohne Alkoholkonsum möglich sein. Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene ist es elementar, sich Ressourcen zu erschließen, die ihnen dies ermöglichen. Veranstaltungsformate, bei denen Alkoholkonsum positiv assoziierter Hauptprogrammpunkt ist beziehungsweise einen Zweck erfüllt, sind aus suchtpräventiver Sicht wenig zielführend, Kindern und Jugendlichen eine kritische Auseinandersetzung mit Alkohol zu ermöglichen.

 

Millionen mit kritischem Konsum

Rund 800 Menschen haben im vergangenen Jahr im Landkreis Esslingen im Rahmen einer fast ausschließlichen Alkoholproblematik Beratung in Anspruch genommen. Zahlenmäßig ähnlich ist der Anteil derer, die neben anderen Substanzen zusätzlich problematisch Alkohol konsumieren.

Deutschlandweit sind etwa zwei Millionen Menschen alkoholabhängig. Bei weiteren rund zehn Millionen Menschen liegt ein riskantes beziehungsweise schädliches Konsumverhalten vor. pet