Blick hinter die Kulissen
Basketball-Leidenschaft auf 85 Quadratmetern

Hinter dem sportlichen Erfolg der Kirchheim Knights steckt das kleinste Backoffice der Liga.

Das Team hinter dem Team (von links): Jessica Weißflog, Pascal Hindenach, Chris Schmidt und Melanie Hahn organisieren von Jesing
Das Team hinter dem Team (von links): Jessica Weißflog, Pascal Hindenach, Chris Schmidt und Melanie Hahn organisieren von Jesingen aus alles rund um die Knights. Foto: Peter Eidemüller

Waschmaschine, Wandkalender, zwei Bildschirme pro Arbeitsplatz – wer hinter dem Erfolg eines professionellen Basketballklubs eine weitläufige Geschäftsstelle mit Dutzenden Mitarbeitern vermutet, wird in der Kirchheimer Straße in Jesingen schnell eines Besseren belehrt. Rund 85 Quadratmeter müssen reichen für zwei Büroräume, ein Lager, vier Menschen und ziemlich viel Basketball.

An den Wänden hängen gelbe Knights-Trikots und Hoodies, dazwischen ein rotes Trikot der Grundschulliga und Plakate vergangener Eventspiele in Göppingen. Im Lager steht neben Fanartikeln eine Waschmaschine. Auch die Trikots wollen schließlich sauber werden. Besonders ins Auge fällt jedoch ein riesiger Wandkalender. Unzählige Einträge in verschiedenen Textmarkerfarben dokumentieren, was in den nächsten Tagen und Wochen ansteht. Termine, Erinnerungen, Aufgaben. Alles schön übersichtlich – zumindest für den Moment.

„Der Plan verändert sich immer wieder“, sagt Chris Schmidt. Montags ist bei den Knights eigentlich Jour fixe. Eigentlich. Denn auch der wird verschoben, wenn etwas Wichtige(re)s dazwischenkommt. Und irgendetwas kommt im Profisport fast immer dazwischen, wie Schmidt seit 15 Jahren in Verantwortung weiß. „Ich kenne jede Stellschraube“, sagt der Sportchef. Was vermutlich auch nötig ist. Gemeinsam mit Jessica Weißflog, zuständig für Office-Management und Verwaltung, Melanie Hahn im Bereich Sales und Sponsoring sowie Pascal Hindenach, Auszubildender zum Veranstaltungskaufmann, bildet er die Geschäftsstelle des Zweitligisten, die von Bettina Schmauder als Geschäftsführerin tatkräftig unterstützt und begleitet wird.

Jede(r) muss alles können

Wenig Menschen für einen Profiklub. „Wir haben das kleinste Office der gesamten Liga“, weiß Schmidt. Fünf Mitarbeiter seien in der Pro A eher Standard, manche Konkurrenten beschäftigten 15 oder sogar 20 Personen in ihrer Geschäftsstelle. Was in Kirchheim zwangsläufig zu einem besonderen Arbeitsprinzip führt: Jede(r) muss möglichst alles können. Fällt jemand aus, soll ein anderer übernehmen können. Klare Zuständigkeiten gibt es trotzdem. Weißflog beispielsweise beherrscht eine Disziplin, vor der selbst der langjährige Geschäftsführer kapituliert: das Ticketing. „Da wäre ich aufgeschmissen“, gibt Schmidt zu.

Weißflog ist seit 2023 dabei, Hahn seit einem halben Jahr. Bis man sämtliche Abläufe, Besonderheiten und Abhängigkeiten eines Profiklubs wirklich verstanden habe, dauere es nach Schmidts Einschätzung rund ein Jahr. Basketballspiele sind schließlich nur das sichtbare Endprodukt einer Arbeit, die an den übrigen Tagen der Woche weitgehend unbemerkt bleibt.

Wie viel davon gleichzeitig anfällt, zeigte sich in diesem Sommer besonders deutlich. Weil die Knights sensationell bis ins Finale der Pro-A-Play-offs vorgedrungen waren und anschließend die Teilnahme am BBL-Pokal feststand, schrumpfte die ohnehin überschaubare basketballfreie Zeit noch einmal erheblich zusammen. „Mega viel zu tun und keine Verschnaufpause“, beschreibt Chris Schmidt die Situation.
„Sechs statt zwölf Wochen“, rechnet Jessica Weißflog die verkürzte Off-Season aus.

Denn während Trainer Igor Perovic seine Mannschaft auf dem Parkett vorbereitete, lief auch im Jesinger Büro die Saisonvorbereitung auf Hochtouren. Die Vermarktung und das Ticketing für das BBL-Pokalspiel gegen Ludwigsburg in Göppingen sowie die Vorbereitungen des Jubiläumsabends zum 20-jährigen Bestehen der Knights auf der Teck waren mit die größten Zeitfresser. Transfer, Shuttlebus­se – „Es gibt viele Kleinigkeiten zu klären“, sagt Schmidt.

Kurze Wege sind garantiert

Und dann sind da noch die Sponsoren. Melanie Hahn führt pro Woche zwei bis drei Gespräche mit bestehenden oder potenziellen neuen Partnern. Manchmal sitzt Chris Schmidt mit am Tisch, oft übernimmt Hahn die Termine alleine. Die Kommunikation im Büro wirkt freundlich und locker, gleichzeitig verbindlich. Jede(r) weiß, was zu tun ist. Kurze Wege sind auf 85 Quadratmetern garantiert.

Notiert wird trotzdem ganz klassisch. Chris Schmidt und Jessica Weißflog vertrauen beide auf ein gelbes DIN-A5-Notizbuch. Auf Papier wird zwischen Doppelmonitoren und digitalem Ticketing der Profibetrieb gewuppt.

Einen klassischen Arbeitstag gibt es nicht. Manchmal ist am Nachmittag alles erledigt, manchmal eben nicht. Besonders dann, wenn die Knights auf dem internationalen Spielermarkt aktiv werden. Verhandlungen mit Agenten oder Spielern in den USA können sich wegen der Zeitverschiebung bis weit nach 23 Uhr ziehen. Nine to five funktioniert im Profibasketball nicht.

„Man muss schon verrückt dafür sein“, lacht Schmidt. Ständige Erreichbarkeit und Ansprechbarkeit gehören für ihn zum Geschäft. Gleichzeitig bezeichnet er es als Privileg, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Seine Frau und seine Tochter hätten gelernt, mit den Nachteilen dieses Berufs umzugehen. Inzwischen würden auch die Vorteile sichtbar – etwa wenn ein Arbeitstag später beginnen oder früher enden kann. Vor allem aber bietet die Familie jene „Kopfpause“, die Schmidt immer wieder benötigt. Denn nach 15 Jahren bei den Knights lässt sich der Klub für ihn nicht einfach mit dem Ausschalten des Bürolichts abschalten. „Die Verbundenheit geht weit über den Job hinaus“, gesteht er.

Vielleicht erklärt das auch, warum auf diesen 85 Quadratmetern trotz Termindrucks und ständig neuer Aufgaben wenig von Dienst nach Vorschrift zu spüren ist. Die Leidenschaft für den Basketball und die Knights ist greifbar. Viel Personal gibt es nicht, dafür viel Eigenverantwortung.

Und offenbar sind die Räume selbst hart im Nehmen. Bevor die Knights einzogen, war Scientology der Vormieter. Spuren hat das jedenfalls keine hinterlassen, versichert Jessica Weißflog trocken: „Hat nicht abgefärbt, bin immer noch Atheistin“, lacht sie.

Dann geht es wieder um Basketball. Der Wandkalender ist schließlich voll genug. Und was heute darauf steht, muss morgen längst nicht mehr gelten. „Der Plan verändert sich immer wieder“, hatte Chris Schmidt gesagt. In diesem Büro ist vermutlich genau das der Plan.