Regierungspräsidium sieht bei Bürgschaften für Sportvereinszentren Klärungsbedarf
Behörde schiebt den Riegel vor

Schon im Frühsommer, so die optimistische Prognose, wollte der VfL Kirchheim mit dem Bau seines neuen Vereinszentrums beim Stadion beginnen. Nun drohen die Pläne ins Stocken zu geraten. Im Stuttgarter Regierungspräsidium ist man offenbar nicht gewillt, die für die Finanzierung notwendige Bürgschaft durch die Stadt einfach durchzuwinken.

Kirchheim. Die Zeichen der Zeit sind deutlich: 37 Sportvereinszent­ren gibt es derzeit in Württemberg, mindestens 50 sollen es nach Plänen des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) und seines Präsidenten Klaus Tappeser in naher Zukunft noch werden. Wie das 4,3 Millionen Euro teuere Vorhaben in Kirchheim stecken einige davon mitten in der Planungsphase, und wie in Kirchheim ist ein Bau ohne kommunale Hilfe in den meisten Fällen nicht möglich. Weil die als Sicherheitsleistung für Bankenkredite meist in Form einer Bürgschaft geleistet wird und es für solche einen gesetzlich engen Rahmen gibt, wird seitens der Behörden inzwischen der Ruf nach einer landesweit einheitlichen Regelung laut. Das Innenministerium des Landes soll die vier Regierungspräsidien auf einen gemeinsamen Kurs einschwören. „Wir können nicht ins Blaue hinein Bürgschaften genehmigen“, sagt Ralph König, Abteilungsdirektor beim Regierungspräsidium in Stuttgart. Der Wandel, der die Vereine zum Handeln zwinge, sei eine neue Entwicklung, die grundsätzlich geklärt werden müsse.

Im Kern geht es um die Frage, wo Vereinsaufgaben enden und ein Verein beginnt, gewerbsmäßig zu wirtschaften. Denn nur was dem Vereinszweck dient und somit öffentliche Aufgabe ist, darf kommunal gefördert werden. Es geht um Bereiche wie Physiotherapie, Wellness und Gastronomie oder auch die Öffnung von Vereinszentren für Nichtmitglieder, die von privaten Konkurrenten heftig kritisiert und von den Regierungspräsidien in der Regel auch konsequent herausgerechnet werden. Dem VfL Sindelfingen wurde beim Bau seiner Sportwelt auf diesem Weg eine kommunale Bürgschaft kurzerhand auf die Hälfte zusammengestrichen. Für einen Verein mit 8 000 Mitgliedern in der Mercedesstadt kein größeres Prob­lem, für andere womöglich schon.

Obwohl dies alles nicht neu ist, gingen in den vergangenen Monaten vermehrt private Sportstudio-Betreiber auf die Barrikaden, die in der wachsenden Zahl steuerbegünstigter und von der öffentlichen Hand gefütterter Vereinszentren eine existenzielle Gefahr sehen. Im Falle eines Waldenbucher Studiobetreibers wurde die Klage vom Stuttgarter Oberlandesgericht bereits Anfang Dezember abgeschmettert, der Ausgang des Kirchheimer Verfahrens ist derzeit zwar noch offen, dürfte aber ebensowenig Aussicht auf Erfolg haben. Muss es auch gar nicht, denn zu der jetzt angestoßenen Diskussion auf ministerieller Ebene hat der Protest seinen Teil beigetragen.

Nun ist es Aufgabe des WLSB, beim Ministerium Überzeugungsarbeit zu leisten, während die Politik gleichzeitig zeigen muss, wie sehr ihr die Zukunft des Vereinssports am Herzen liegt. Für den VfL Kirchheim bedeutet es zunächst: Abschied nehmen vom allzu optimistischen Zeitplan, was den Bau betrifft. In seiner Sitzung am 1. Februar, so hatte man zunächst noch gehofft, könne OB Angelika Matt-Heidecker dem Gemeinderat bereits einen beschlussfähigen Antrag über eine Bürgschaft der Stadt vorlegen. Anschließend würde das Regierungspräsidium die Sache durchwinken und der Weg zum Baustart wäre frei. Davon ist man derzeit allerdings weit entfernt. Mehr als eine Absichtserklärung der beiden größten Kirchheimer Banken liegt zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor. Knackpunkt sind laut VfL-Vorsitzender Doris Imrich Details im Erbpachtvertrag, der die Überlassung des Bauplatzes durch die Stadt regelt und für die Kreditgeber maßgeblich ist für die Höhe einer möglichen Bürgschaft.

Am heutigen Donnerstag trifft sich der Lenkungsausschuss mit allen Projektbeteiligten zu einer Bestandsaufnahme. Doch selbst für den Fall, die Finanzierungsgespräche führten zu einer raschen Einigung, weiß derzeit niemand, wie schnell die Genehmigungsbehörde grünes Licht erteilen wird. Hinzu kommt, die noch immer ungeklärte Parkplatzfrage. Rund 100 Stellplätze wären nach Architektenschätzung für einen Bau in der geplante Größe nötig. Für einen künftigen Sportpark kämen 50 weitere hinzu. Kostenpunkt: rund 200 000 Euro. Wo solcher Parkraum entstehen könnte, ist völlig offen, seit sich die Pläne für eine Betreibergesellschaft im Zuge des beabsichtigten Stadionumbaus zerschlagen haben. Demnach hätte ein Kirchheimer Investor der Stadt das Trainingsgelände jenseits der Jesinger Straße – den so- genannten „Ott‘schen Platz“ – abkaufen und darauf ein Firmengebäude samt Parkhaus errichten sollen. Die Finanzkrise der VfL-Fußballabteilung machte dem einen Strich durch die Rechnung, zudem wird der Trainingsplatz für den Übungsbetrieb dringend gebraucht, solange kein endgültiger Plan für eine Neuordnung der Spielflächen existiert.

Viele offene Fragen, die Kirchheims Verwaltungschefin mit Macht auf die Euphoriebremse treten lassen: Ihr sei klar gewesen, dass der Gemeinderatstermin am 1. Februar nicht zu halten sein würde. „Auch ein Baubeginn im Frühsommer ist sicher kein Thema“, meint Angelika Matt-Heidecker. „Wir verlieren nichts, wenn wir 2012 nicht bauen.“ Für sie ist ebenso klar: „Wenn die Bürgschaft im nötigen Umfang nicht zustande kommt, muss abgespeckt werden.“

Marcus Lachenwitzer, der für den WLSB die Vereine beratend unterstützt, versteht die ganze Aufregung nicht. Sechs Projekte seien in den vergangenen fünf Jahren im Verbandsgebiet mithilfe von Bürgschaften geräuschlos genehmigt und umgesetzt worden, die heute erfolgreich wirtschafteten. „Bürgschaften sind nun mal ein wesentlicher Finanzierungsbestandteil“, sagt er. Nachdem es Vereinen gar nicht erlaubt sei, entsprechende Rücklagen zu bilden, verfüge kaum einer über das nötige Eigenkapital. Für Kirchheim findet Lachenwitzer klare Worte: „Wenn die Bürgschaft nicht kommt, ist das Projekt vermutlich tot.“

VfL-Frontfrau Doris Imrich schreckt das nicht. Aller Neuigkeiten aus Stuttgart zum Trotz trägt sie ungebrochenen Optimismus zur Schau und hält hartnäckig am Eröffnungstermin im Januar 2014 fest. „Das ist ein neues Handicap“, sagt sie. „Das wirft uns aber nicht aus der Bahn.“ Ihre Zuversicht ist ungebrochen, dass das neue Vereinsquartier nach aktuellen Plänen gebaut wird. Um die mehr als vier Millionen Euro für den Bau finanziert zu bekommen, ging der Verein bisher von einer Bürgschaft irgendwo zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro aus. Eine Summe, die Kirchheims Oberbürgermeis­terin allerdings bis zum heutigen Tag anzweifelt und die bei der Mitgliederversammlung am 9. Dezember auch vorsorglich aus dem Baubeschlussantrag gestrichen wurde.

Sollte am Ende dennoch gespart werden müssen, wüsste zumindest Architekt Thomas Duttlinger schon wo: „Ob ein Vereinszentrum Physiotherapie braucht, darüber kann man sicherlich streiten“, sagt der Baumeister aus Rottenburg, der weiß, wovon er spricht. Duttlinger war 2004 Vorsitzender der Zweitliga-Volleyballer des TV Rottenburg und maßgeblich am Bau des knapp drei Millonen Euro teuren Vereinszentrums beteiligt, das dem WLSB bis heute als Erfolgsmuster dient. Eine Physiotherapie-Praxis gibt es dort bis heute nicht, dafür im Außenbereich einen Bike-Park, eine Finnenbahn und einen Klettergarten, die in viel Eigenarbeit entstanden sind. Dass man am Neckar ohne eine Bürgschaft der Stadt und mit einem spürbaren Wir-Gefühl die Ziellinie überquerte, hat freilich auch andere Gründe: Die Einrichtung war die erste ihrer Art und gilt im WLSB als Pilotprojekt. Der OB im Rathaus in Rottenburg hieß damals Klaus Tappeser.